Mit jedem Tag wird deutlicher, dass Donald Trumps Präsidentschaft eine Krise historischen Ausmaßes darstellt. Ein berühmter Ratschlag für die erste Reaktion auf solche Situationen lautet "keep calm and carry on": Ruhe bewahren und weitermachen. Wir hören ihn auch heute: Die Lage ist übel, aber Panik wird die Dinge nur verschlimmern.

Wirkt Trumps Truppe nicht uneins und unentschlossen? Außerdem: Wenn dieser Präsident etwas ist, dann unberechenbar – wer weiß, vielleicht wird er sich ja doch noch "dem Westen" wieder zuwenden? Man könnte sich schließlich vorstellen, dass die Europäer Trump bloß Honig um den Bart schmieren müssen, um ihn in den Griff zu bekommen. Er mag es, wenn Dinge nach ihm benannt werden. Sorgen wir doch dafür, dass wenigstens einige unserer Medien nett über ihn berichten und dass große Zuschauermengen anwesend sind, wenn er erstmals die Alte Welt besucht.

Wir befinden uns in einer beispiellosen Situation: Erstmals wird die größte Militär- und Wirtschaftsmacht der Welt von einem narzisstischen Soziopathen angeführt. Sind da nicht die Taktiken eines Höflings gefragt? Und für den Fall, dass wir zu denen gehören, die wegen Russland besorgt sind: Putin lauert auf Schwächen, also wollen wir Moskau so wenige wie möglich zeigen.

Alles das ist ein in Europa verbreitetes Denken. Aber was, wenn derartige Taktiken nicht funktionieren? Wenn wir zu schnell zu große Zugeständnisse machen, sodass die Haudraufs in Washington und Moskau nur ermuntert werden? Und wie würden sich die Vernünftigen in Washington fühlen, die mitansehen müssten, wie Europa als Reaktion auf Trump einknickt? Was werden wir jener besseren Regierung sagen, die hoffentlich in vier Jahren wieder Normalität in Washington einkehren lässt? Wie erklären wir dann beispielsweise, dass wir Trump gegeben haben, was wir Obama verweigerten und gewiss auch Clinton verweigert hätten, nämlich einen angemessenen Beitrag zu unserer eigenen Verteidigung?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 9.2.2017.

Was Trump anbelangt, hat nicht nur Amerika Grund, sich zu schämen. Wenn Europa jahrein, jahraus seinem Stabilitäts- und Wachstumspakt Treue schwört und dabei sein Versprechen ignoriert, zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für die Nato bereitzustellen, ist das echte Scheinheiligkeit. Falls Deutschland einen Verbündeten verloren hat, ist nicht ausschließlich die amerikanische Politik daran schuld.

Und die Überlegung gilt für die Wirtschaftspolitik genauso wie in Sicherheitsfragen. Schon lange haben Washington, der IWF und die Europäische Kommission den deutschen Handelsbilanzüberschuss beanstandet. Er ist tatsächlich eine Gefahr für das europäische und globale Gleichgewicht. Aber auf die Mahnungen angelsächsischer Ökonomen wollte in Berlin niemand hören. Doch nun, da Trumps Team der deutschen Wirtschaft mit Schutzzöllen droht, deutet sich ein Wandel an. Finanzminister Wolfgang Schäuble ist auf einmal d’accord mit der amerikanischen Kritik an der europäischen Geldpolitik. Allerdings kommt dieser Sinneswandel aus einem strategischen Kalkül Schäubles. Wer hat Schuld am Ungleichgewicht? Nicht der Finanzminister und seine Fixierung auf die schwarze Null, wie die Amerikaner meinen. Nein, es ist der Chef der Europäischen Notenbank, Mario Draghi, den Schäuble an den Pranger stellt. Dessen expansive Geldpolitik war ihm lange schon ein Dorn im Auge. Schäuble lenkt den Druck ab auf ausgerechnet jene zentrale Einrichtung der Europäischen Union, der Trump die Feindschaft erklärt hat.

Am Beispiel Schäuble versus Draghi wird klar, wie der gewaltige Druck aus Washington zu taktischen Spielchen verleiten kann. Sie können in verhängnisvollen strategischen Fehlkalkulationen enden. Den Protektionismus Washingtons wie Schäuble zu innereuropäischen Machtspielen auszunutzen ist fatal. Europa darf sich nicht auseinanderdividieren lassen. Berlin muss darauf bestehen, als integraler Bestandteil der Euro-Zone betrachtet zu werden. Nicht nur weil die Euro-Zone als Ganzes gegenüber den USA keinen beanstandenswerten Überschuss fährt. Es geht ums Prinzip.