Wenn Frank-Walter Steinmeier Mitte März in sein neues Büro im Schloss Bellevue einzieht, wird er vorfinden, wovon er als Minister nur geträumt hat: viele leere, frisch gesaugte Räume. Ein Bundespräsident, das weiß Steinmeier, kann zwar seiner protokollarischen Zwangsjacke nur selten entfliehen, und sein direkter Einfluss auf die Regierungspolitik ist begrenzt. Doch in der Ausgestaltung seiner informellen Macht hat er Freiheiten wie kaum ein anderer Spitzenpolitiker: Er kann viele leere, frisch gesaugte Räume neu besetzen.

Die Trägheit der großen Bürokratie hat in den Ministerien schon manchen ehrgeizigen Neuling gelähmt. Doch im kleinen Präsidialamt schlägt ein Wechsel in den Leitungsgremien viel dynamischer durch. Bei Steinmeier wird dieser Effekt besonders groß sein. Zum einem, weil er infolge von Pensionierungen und Krankheitsfällen mehr Posten besetzen kann als seine Vorgänger. Und zum anderen, weil Steinmeier eine eingeschworene Truppe mitbringt, die ihn seit Langem begleitet. Leute, die zu handeln gewohnt sind, sollen jetzt Repräsentation lernen.

Wenn Steinmeier an diesem Sonntag gewählt wird, ist er der erste Politiker seit dem FDP-Mann Walter Scheel (1974), der direkt aus dem Bundeskabinett ins höchste Staatsamt wechselt. Zuletzt kamen die Präsidenten entweder aus der niedersächsischen Provinz (Christian Wulff), aus dem Ruhestand (Joachim Gauck) oder direkt aus der Fantasie von Angela Merkel (Horst Köhler). Steinmeier kommt wie Scheel aus dem Auswärtigen Amt. In die brandgefährlichen Konflikte der Welt muss er sich nicht erst einarbeiten, er kennt sie aus eigener Anschauung. Das mag ihm helfen, einer Rolle gerecht zu werden, die nun auf Steinmeier zukommt: die des Krisenpräsidenten.

Ob Steinmeier den Deutschen Orientierung und Halt vermitteln kann, wird auch von seinem Team abhängen. Eine zentrale Rolle spielt dabei sein politisches Alter Ego, Stephan Steinlein, künftiger Leiter des Präsidialamts. Auf ihrem Weg nach oben treffen Spitzenpolitiker viele Mitarbeiter – doch nur einen lassen sie ganz nah an sich ran. Diese Person wechselt mit auf andere Posten und ist so lange dabei, dass die beiden symbiotisch miteinander verwachsen, die Rampenlichtgestalt und ihr Schattenmann. Steinlein, einst letzter Botschafter der DDR in Paris, arbeitete 1999 im Pressestab des Außenministeriums, als Steinmeier, Kanzleramtschef von Gerhard Schröder, einen Mitarbeiter für die Pressearbeit suchte – und Steinlein fand. Bald darauf stieg dieser zum Büroleiter auf, seitdem sind die beiden unzertrennlich. Als der Kanzlerkandidat Steinmeier 2009 scheiterte, war Steinlein der Erste, der ihn dazu drängte, sich den Vorsitz der SPD-Fraktion zu sichern. Nur ein machtbewusster Schatten ist ein guter Schatten.

Der Brandenburger Steinlein, ein Theologe, und der Ostwestfale Steinmeier, ein Volljurist, kommen leise und kopfgesteuert daher, denken pragmatisch. Steinlein, 56, sagt, mit Steinmeier, 61, verbinde ihn der Anspruch, gesellschaftliche Veränderung nicht nur betrachten, sondern auch gestalten zu wollen. Daher könnte Steinlein nun eine Schlüsselrolle im Kampf gegen den Rechtspopulismus zufallen. Auch in einer anderen Funktion wird er gebraucht. Steinlein ist sich bewusst, dass in der Beziehung Spitzenpolitiker/Vertrauter Letzterer verpflichtet ist, loyal zu sein. "Spitzenpolitiker brauchen ein Umfeld, in dem sie sein können, wie sie sind", so Steinlein. Dass Steinmeier im Schloss Bellevue Steinmeier sein kann, gehört nun zu seinen Aufgaben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 9.2.2017.

Ein Krisenpräsident braucht einen Krisenmanager – und in Oliver Schmolke kehrt dieser nun zu Steinmeier zurück. Der Politologe Schmolke, 46, war Leiter der Planungsgruppe in der SPD-Bundestagsfraktion, als Steinmeier ihr vorsaß. Bei ihm liefen die Ideen der Abgeordneten zusammen – und er verwandelte sie in eine Strategie. Schmolkes große Stunde schlug 2008 in der globalen Finanzkrise. Schmolke bastelte jenes SPD-Konjunkturprogramm zusammen, das Deutschland die Krisen unbeschadet überstehen ließ – und das dann politisch Angela Merkel politisch zugute kam. Der Stratege Schmolke schien der ideale Mann zu sein, um von 2013 an Ruhm und Ansehen des Vizekanzlers Sigmar Gabriel zu mehren, er wechselte ins Wirtschaftsministerium. Doch das mit den beiden funktionierte nicht so richtig – und daher kehrt er nun dorthin zurück, wo er erfolgreich war: zu Steinmeier.

Dörte Dinger sitzt an der Schaltzentrale im Teamgefüge. Die 36-Jährige leitete zuletzt das Parlamentsreferat im Auswärtigen Amt, künftig wird sie Steinmeiers Bürochefin sein. An der Politikwissenschaftlerin, die über die deutsch-italienischen Beziehungen promovierte, kommt dann niemand vorbei. Wenn sich die Türen hinter Spitzenpolitikern schließen, gehören Büroleiter zu denen, die stets drinnen bleiben. Ihr Einfluss ist ebenso mythenumrankt wie ihre Unsichtbarkeit. So kennt zwar kaum jemand in Deutschland Beate Baumann, die Büroleiterin der Kanzlerin. Doch Insider raunen, Merkels Vertraute sei die zweitmächtigste Frau im Land.

Andreas Görgen ist der habituelle Gegenentwurf zum Steinmeier/Steinlein-Double: Er fährt Motorrad, raucht Selbstgedrehte, trägt Vollbart und eine Nerd-Brille, ist mit einer französischen Schauspielerin verheiratet und gibt gern den Lebemann. Görgen, bestens vernetzt, hat als Kulturchef im Auswärtigen Amt prestigeträchtige Projekte angestoßen: den Kauf der abrissbedrohten Thomas-Mann-Villa in Los Angeles (erfolgreich), den Versuch, eine Sammlung moderner Kunst aus Teheran nach Berlin zu bekommen (weniger erfolgreich). Görgen wird als Leiter der Innenpolitik den Präsidenten neu inszenieren. Wie gut er das kann, ließ sich kürzlich in Georgien beobachten. Görgen hatte eine Gruppe Intellektueller zusammengetrommelt. Jedem hatte er einen Platz zugewiesen, auch Steinmeier. Der moderierte das Gespräch. Görgen hatte alles bis ins Detail vorbereitet – Steinmeier blühte als Moderator auf. Görgen wird Steinmeier die Bühnen bauen, auf denen er glänzen soll.

Neben den Bühnenbauer tritt der Vordenker: Thomas Bagger. Der langjährige Chef des Planungsstabs lief unter Steinmeier in den Krisen seit 2013 zu großer Form auf. Er organisierte Seminare, wo sich der Außenminister über die Krisen in kleiner Runde den Kopf zerbrach. Mit deutschen und französischen Kollegen entwarf er bereits vor dem Brexit einen Plan, wie Berlin und Paris auf eine negative Entscheidung der Briten reagieren könnten. Als künftiger Leiter Außenpolitik kann Bagger den Präsidenten doppelt in Szene setzen: für die Vermittlung der Außenpolitik nach innen, aber auch für die Vermittlung von Deutschland nach außen. Steinmeier gilt in Europa – anders als Merkel und der Spar-General Wolfgang Schäuble – als unverbrauchte Figur. Als Außenminister hatte er eine eher leise Rolle. Deshalb könnte er jetzt, gefüttert von Bagger, energischer für die EU eintreten.

Das treffende Wort dafür zu finden ist die Aufgabe von Wolfgang Silbermann. Der alte Redenschreiber des Außenministers wird der neue Redenschreiber des Präsidenten. Alt ist relativ. Der erst 30-Jährige, der in Oxford und Harvard studierte, hat für Steinmeier Wichtiges formuliert, zu Deutschland und Russland, zu Europas Zukunft. Manche Manuskripte lesen sich besser, als sie sich bei Steinmeier anhören. Das Reden kommt Steinmeier nicht so pastoral geübt über die Lippen wie Gauck. Steinmeier, der geborene Diplomat, wird seine Botschaften zuspitzen müssen, wenn er in immer lauterer Umgebung Gehör finden will.

Von seinem Vorgänger erbt Steinmeier ein Thema, das sich seit Trump grundsätzlich neu stellt: Freiheit. Diese ist selbst im Westen bedroht. Steinmeier weiß, dass gerade von ihm die richtigen Worte in der Welle des Populismus erwartet werden. Dass er dazu beitragen muss, dass die Gesellschaft nicht auseinanderfällt. Dazu kommt der Einsatz wider die Europa-Skepsis. Steinmeier stört es, wenn in nationalen Wahlkämpfen Einheimische über Europa streiten – und die Europäer schweigen. Dieser Kleinmut, so sieht er das, hat den Brexit nicht verhindert, also will er künftig offensiver den Rückfall ins Nationale kritisieren. Auch wenn Franzosen oder Niederländer wählen. Einen dritten Schwerpunkt sieht er in Deutschlands Rolle in der Welt. Trumps Amerika igelt sich ein, die EU muss in Lücken springen. Das heißt für Deutschland mehr Ausgaben, mehr Engagement, vielleicht mehr Militäreinsätze. Der Bundespräsident Steinmeier wird das noch besser erklären müssen, als es dem Außenminister gelungen ist.

Bei den Präsidenten Wulff, Köhler und Gauck mussten die Truppen sich erst allmählich finden. Steinmeiers "La Mannschaft" wechselt geschlossen ins Bellevue. Also kann sie das tun, worauf es in Krisenzeiten zwingend ankommt: sofort loslegen.

Mitarbeit: Petra Pinzler