DIE ZEIT: Herr Curtius, Sie wurden bereits im Frühjahr 2016 vom DFB-Präsidium zum Generalsekretär berufen. Erst jetzt, ein Jahr später, äußern Sie sich das erste Mal öffentlich und ausführlich zu Ihrem neuen Job. Woher die Scheu?

Friedrich Curtius: Ich wollte zunächst das Haus und unsere Mitarbeiter gut kennenlernen, Boden unter die Füße bekommen, bevor ich mich zu Inhalten dieser gewaltigen Aufgabe äußere. Dass Reinhard Grindel und das DFB-Präsidium einem 39-Jährigen diese Verantwortung übertrugen, war in dieser Situation nicht selbstverständlich.

ZEIT: Mit Verlaub, das Haus war Ihnen ja nicht ganz unbekannt, übten Sie doch bereits seit zehn Jahren beim DFB verschiedene Ämter aus, zuletzt waren Sie Büroleiter des aufgrund des Skandals um die Vergabe der WM 2006 zurückgetretenen Präsidenten Wolfgang Niersbach. Die Süddeutsche Zeitung berichtete zuletzt, Niersbach habe in E-Mails Mitarbeiter verzweifelt um Rat gebeten, was zu tun sei, wenn die Sache öffentlich würde. In einem Mail-Verteiler taucht angeblich auch Ihr Name auf. Was haben Sie gewusst – und wann?

Curtius: Diese Affäre war gewaltig und schwerwiegend. Es wurden Fehler gemacht, Wolfgang Niersbach hat für seine bitter bezahlt. Bisher jedoch konnte die Behauptung, die WM 2006 sei gekauft worden, weder durch interne Ermittlungen bestätigt werden noch durch Recherchen verschiedener Staatsanwaltschaften. Das überliest man schnell bei all den Vorwürfen. Die erwähnte Mail habe ich nach Bekanntwerden der Affäre bekommen, zu diesem Zeitpunkt hatte ich Wolfgang Niersbach die Frage gestellt, ob es in einer solchen Situation nicht angezeigt wäre, Verantwortung für die Organisation zu übernehmen. Ich kann mit absolut reinem Gewissen sagen, dass ich von den Umständen, die ans Tageslicht gelangt sind, bis zum Eingehen des Fragebogens des Spiegels vor der ersten Veröffentlichung nichts wusste. Das wurde offenbar im kleinsten Kreis besprochen.

ZEIT: Diese Erkenntnis muss für Sie als einen der engsten Vertrauten Niersbachs ein Schlag ins Gesicht gewesen sein.

Curtius: Ich hätte es mir, keine Frage, anders gewünscht.

ZEIT: Die Menschen vertrauen Ihrem Verband nicht mehr.

Curtius: Sie haben recht, das Vertrauen in Fußballverbände, auch den DFB, hat gelitten. Ich sehe es als meine Aufgabe, dieses Vertrauen wieder aufzubauen und dafür auch als Person einzustehen. Es wäre doch absurd, wollte ich etwas verschleiern. Nehmen Sie den Siemens-Skandal vor etwa zehn Jahren: Ich glaube, dass Siemens aus dieser Krise die richtigen Schlüsse gezogen hat und heute wieder eine gute Reputation genießt. Das erhoffe ich mir, wenn man über den DFB im Jahr 2025 spricht. Wir haben bei uns bereits viele Dinge verändert: Wir stellen unsere Finanzen transparent dar, wir haben ein Compliance-Management eingeführt, es gibt einen Ethik-Kodex sowie eine Ethik-Kommission. Ich bin zuversichtlich, dass diese Maßnahmen ihre Wirkung entfalten werden. Wir haben übrigens im Sommer 2016 nach der Europameisterschaft eine Meinungsumfrage in Auftrag gegeben. Wissen Sie, was den Menschen als Erstes einfällt, wenn sie an die deutsche Nationalmannschaft denken?

ZEIT: Jogi Löw?

Curtius: Nein, Integration! Für diese Wahrnehmung bin ich auf der einen Seite Oliver Bierhoff und Joachim Löw als Verantwortlichen für die Nationalmannschaft sehr dankbar. Das ist ihr Verdienst. Auf der anderen Seite fängt Integration in den Tausenden Vereinen an der Basis an, hier werden Flüchtlinge vollkommen selbstverständlich – im wahrsten Sinne des Wortes spielerisch – Teil unserer Gesellschaft. Und diese Integration setzt sich eben bis in die Nationalmannschaft als liebstes Kind der Deutschen fort.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 9.2.2017.

ZEIT: Um ehrlich zu sein: Wir hätten als Erstes an Verschleierung gedacht. Schauen Sie sich den Umgang mit der Datei "Erdbeben" an. Erst als darüber berichtet wurde, bestätigte der DFB die Existenz des bis dahin nicht entschlüsselten Dokuments.

Curtius: Das stimmt nicht. Diese Datei war Gegenstand des Berichts, den die Anwaltskanzlei Freshfields in unserem Auftrag erarbeitet hat. Vizepräsident Rainer Koch hatte schon vor der Berichterstattung in seiner damaligen Funktion als Interimspräsident dem Sportausschuss des Deutschen Bundestages berichtet, dass es sie gibt und wir mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln versucht haben, sie zu öffnen – die Kosten einer Entschlüsselung aber unverhältnismäßig hoch gewesen wären, dafür dass wir nicht wussten, ob uns die Inhalte bei der Aufklärung neue Erkenntnisse liefern würde. Im Herbst gab es die Aussage der Staatsanwaltschaft Frankfurt, dass dieser Datei keine besondere Beweisbedeutung zuzumessen sei.

ZEIT: Mittlerweile wurde sie entschlüsselt.

Curtius: Ja, und mit welchem Ergebnis? Es stand nichts Neues drin.