Die Fahrt zur Parteizentrale des Front National aus dem Pariser Zentrum ist umständlich. Erst die U-Bahn bis weit in den Osten der französischen Metropole, dann der Bus, der unterirdisch in einer dunklen Parkgarage hält, schließlich ein Fußweg durch leere Vorstadtgassen. Dann erst steht man vor dem Siebziger-Jahre-Zweckbau aus Beton. Das Hauptquartier von Frankreichs berühmtester rechtsextremer Bewegung liegt mitten in kleinsten Verhältnissen. Vom Pariser Weltstadtflair ist hier nichts mehr zu spüren.

Wallerand de Saint-Just – 65 Jahre, graue Haare, grauer Bart – bestätigt das: "Ich habe niemals auch nur einen Pfennig übrig." De Saint-Just ist der Schatzmeister des Front National, Herr über das Geld der unter liberalen Europäern meistgefürchteten Partei des Kontinents. Ein Sieg ihrer Chefin Marine Le Pen bei den französischen Präsidentschaftswahlen im Mai könnte Frankreichs Austritt aus der EU bedeuten.

Der Weg in das Schatzmeisterbüro führt über enge Treppen und Flure, in denen einfach gerahmte Bilder von Frankreichs katholischen Kathedralen hängen. De Saint-Just mag die Bilder. Parteifreunde beschreiben ihn als katholischen Traditionalisten. Seine Karriere begann er Anfang der achtziger Jahre als Anwalt einer kleinen rechtsextremistischen Organisation, die sich die Verteidigung der "christlich-jüdischen Identität Frankreichs" auf die Fahnen geschrieben hatte. Beim Front National kümmert sich de Saint-Just um die Finanzen. Zwar läuft eine Klage gegen ihn, weil er mit Firmen Wahlkampfkosten fingiert haben soll. Doch wenn einer in dieser Partei zum Geschäftsmann taugt, dann ist es wohl er.

Frankreich - Macron gegen Le Pen Die aussichtsreichsten Kandidaten im französischen Wahlkampf könnten kaum unterschiedlicher sein. Ein Überblick der Themen, mit denen Marine Le Pen und Emmanuel Macron Wahlkampf machen © Foto: Joel Saget / Getty Images, Lemaistre / Shutterstock

Ohne de Saint-Just gäbe es die Partei womöglich gar nicht mehr. Im April 2011 gelang ihm der Verkauf des alten stattlichen Parteigebäudes am Stadtrand von Paris für zehn Millionen Euro. In letzter Sekunde, bevor es an die Banken gegangen wäre, bei denen die Partei damals verschuldet war. Damit rettete er die Kandidatur seiner Parteichefin Marine Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen 2012. Seither muss er aber mit einem Parteibüro in der Vorstadt vorliebnehmen, das so klein ist, dass er kein Regal mit Büchern aufstellen kann. Hinter seinem Schreibtisch klebt daher nun eine Tapete mit Bücherwand-Optik. "Wir sparen, wo wir können", sagt de Saint-Just.

Der Schatzmeister kalkuliert langfristig: Er hält den normalen Parteibetrieb kurz, damit er in den Monaten bis Mai den teuren Präsidentschaftswahlkampf bezahlen kann. 20 Millionen Euro soll der Wahlkampf kosten, die anschließenden Parlamentswahlen inklusive. So will es die Chefin. Ihre Gegner wie der derzeitige Umfragen-Favorit Emmanuel Macron, der als unabhängiger Kandidat antritt, werden allein für die Präsidentschaftswahl die gesetzlich erlaubte Höchstsumme von 22 Millionen Euro ausgeben. Trotzdem überfordern die Pläne seiner Chefin de Saint-Just. In einem normalen Jahr setzt seine Partei nur 10 Millionen Euro um. "Ich sage nichts zu den 20 Millionen, aber glauben Sie mir: Ein Schatzmeister dieser Partei schläft nicht gut."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 9.2.2017.

Bei den französischen Banken kann er nicht um Geld bitten. Sie geben Parteien seit 2012 grundsätzlich keine Kredite mehr. Also musste der Front National sich für die erste große Wahlveranstaltung am vergangenen Wochenende in Lyon Geld vom Parteigründer Jean-Marie Le Pen leihen. Und das, obwohl seine Tochter Marine sich mit ihm politisch überworfen hat. De Saint-Just half zu vermitteln. In der Not, so wusste er, steht die Familie doch zusammen.

Der Front National ist eben keine normale Partei. In vielem gleicht er einem Kleinunternehmen, das sich nur über einen Namen vermarktet: Le Pen. Interne Wahlen finden zwar statt, haben aber kaum Bedeutung. Der Chef heißt immer Le Pen. Erst der Vater, nun die Tochter. Sie bestimmt alles, auch mal gegen die Pläne des Schatzmeisters. Der hätte die 1.-Mai-Feier der Partei im vergangenen Jahr gerne ohne teures Menü für über tausend Personen geplant. Die Chefin entschied anders.

"Wir sind die Partei derer, die um sieben morgens mit der U-Bahn fahren"

Dabei ist Marine Le Pen auf ihren kleinen Parteibetrieb in der Pariser Vorstadt angewiesen. Nur 50 Angestellte arbeiten hier – und viele stammen noch aus einer anderen Zeit. Der ihres Vaters. Stéphanie de Gonneville etwa, über deren Schreibtisch noch immer das Foto des alten Parteichefs hängt. Sie leitet die Marketingabteilung, lässt Bücher, Mützen und Anstecknadeln verschicken. Marine habe die gute Art, keinerlei Luxus zu frönen, nichts für sich aus der Firma zu nehmen, sagt sie. Aber eine gute Unternehmerin sei ihre Chefin nicht. So fehlten für das Marketing zum Beispiel die Produkte. Vor 20 Jahren sei das noch anders gewesen. Damals war die Belegschaft noch doppelt so groß: über 100 Mitarbeiter, der Apparat wuchs. Das verdankte die Partei dem damaligen Vize Bruno Mégret, einem ehemaligen Spitzenbeamten mit Managertalent. 1998 überwarf sich Mégret mit Le Pen senior. Einen wie ihn bekam die Partei nie wieder. Im Laufe der Jahre halbierte sich die Belegschaft. Das frustriert bis heute viele der verbliebenen Leute. Es geht mit den Umfragen voran, aber nicht mit der Partei.

Das macht Schatzmeister de Saint-Just viel Arbeit. Er will keine neuen Mitarbeiter einstellen, zum Ärger mancher Kollegen. "Nach jedem Fernsehauftritt von Marine haben wir einen Schwung neuer Anmeldungen. Wir schaffen das nicht mehr", sagen die Mitarbeiter der Mitgliederabteilung. Doch de Saint-Just ignoriert ihre Kritik. Er weiß, wie klein sein Laden ist: Die Partei hat keine 100.000 Mitglieder. Von einem Massenansturm ist keine Rede. Erstaunlich, liegt Le Pen doch laut Umfragen konstant mit 25 Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen vor allen anderen Kandidaten.

De Saint-Just fehlt es nicht nur an Mitgliedern, sondern auch an freiwilligen Helfern. Auf 3.000 schätzt der Schatzmeister ihre Zahl: "30 pro Département. Ein Drittel von ihnen macht die Sache gut, ein Drittel stört nicht, und ein Drittel macht Probleme", fügt de Saint-Just illusionslos hinzu. Er selbst war jahrelang Département-Sekretär seiner Partei an der Kanalküste. Er weiß, wie politisch unerfahren viele Freiwillige sind. Dem Front National fehlt die Parteibasis.

Im Département Oise, einer Hochburg der Partei nördlich von Paris, treffen sich einmal im Monat in einem Landhotel nahe der Kleinstadt Clermont die lokalen Parteimitglieder. Eine Art Ortsvereinstreffen: Dreizehn Männer und acht Frauen – Angestellte, Rentner, Arbeitslose und Hausfrauen – planen an diesem Abend den Wahlkampf. Die 44-jährige Département-Sekretärin Mylène Troszczynski verteilt die Arbeit: "Jean-Louis, du übernimmst unsere Website. Alexandre, du kümmerst dich um die ländlichen Abgeordneten. Philippe, du bereitest unsere Kundgebungen vor." Troszczynski hat halblange blonde Haare wie ihre Parteichefin und wirkt wie ihr lokales Ebenbild. Sie ist zugleich Europa-Abgeordnete und bezieht aus Brüssel ein Gehalt. So kann sie sich voll für die Partei einsetzen. Anders als die knapp zweitausend Kommunal-, Regional- und Département-Vertreter, die der Front National inzwischen landesweit zählt. Sie erfüllen ihre Mandate, aber haben mit der Parteiarbeit oft wenig zu tun.

Florian Philippot, der wichtigste Parteiführer neben Marine Le Pen, definiert den Front National deshalb als Partei der kleinen Leute. "Wir sind die Partei derer, die um sieben morgens mit der U-Bahn fahren", sagt er, ohne dabei den Eindruck erwecken zu wollen, dass er selbst U-Bahn fährt. "Nein, ich habe einen Chauffeur", sagt er. Der 35-jährige Philippot kam vor fünf Jahren in den grauen Vorstadtbau des Front National, wenig später stieg er zum Partei-Vize auf. Doch er ist bis heute ein Fremdkörper hier: elegant, ein brillanter Redner, zudem schwul und ein Einzelgänger. Gleichwohl ist er der Liebling der Parteichefin, ihr Vordenker, der Architekt ihres Linkskurses. Mehr Globalisierungskritik und Europa-Bashing, dafür weniger offene Ausländerschelte lautet sein Rezept. 2015 war Philippot der meistinterviewte Politiker Frankreichs. Das verschafft der Partei mehr Glaubwürdigkeit. Aber Marines Favorit hat nicht mehr viele Freunde in der Parteizentrale.

Seinen Erfolg kann der Partei-Vize aber zurzeit auch ohne seine internen Gegner genießen. Der Front National hat für den Wahlkampf im vornehmen achten Pariser Arrondissement Büros angemietet. Hier ist alles nach Philippots Geschmack. Zwar sind auch diese Räume klein, aber statt Kathedralen hängen dort Fotos von Clint Eastwood an der Wand. Außer der Chefin ist niemand älter als Philippot. Ein Dutzend feste Mitarbeiter dienen den beiden im Wahlkampf, mehr nicht. Die Hälfte gestaltet die Website, die andere Hälfte kümmert sich um das Inhaltliche. Alle Bürotüren stehen offen, auch die von Marine. Sie trägt an diesem Tag Pullover und Rock, wendet sich mal an den einen, mal an den anderen, gibt sich als Teil des Teams und will keine abgehobene Chefin sein. Vermutlich auch ein Ratschlag von Philippot.

Die jungen Mitarbeiter rechnen ihr das an. "Wir machen alles für sie. Ohne sie wären wir nichts", sagt der 26-jährige Joffrey Bollée. Der ganz in Schwarz gekleidete Mann ist normalerweise Philippots Büroleiter. Jetzt schreibt er die Wahlkampfparolen der Partei. Statt der Mitgliederzahlen checkt er stündlich die Zahl der Twitter-Follower von Marine le Pen: 1,26 Millionen. Mehr als jeder andere Präsidentschaftskandidat. Soziale Medien wie Twitter und Facebook sind für die finanzschwache Partei ein Segen. "Sie sind leicht zu handhaben, machen nicht viel Arbeit und kosten nichts", sagt Bollée. Draußen in der Vorstadt wird er dafür sogar vom Schatzmeister gelobt: "Der ist einer unserer wenigen, echten Intellektuellen", sagt de Saint-Just.

Eine Frontfrau, ein Schatzmeister, ein Vordenker, fünfzig Angestellte, zwei Dutzend Parlamentsprofis tausend Freiwillige und ein paar junge Webmaster – das ist der Front National. Obwohl die Partei kaum Geld für Mitarbeiter und Büros hat, könnte sie die Wahlen im Mai gewinnen. Das ist die Kunst des Front National: Er schafft es immer wieder, aus sehr wenig sehr viel zu machen.