Wahrscheinlich ist Horst Neumann einer der reichsten Gewerkschafter im Ruhestand. Fast 50 Millionen Euro verdiente Neumann zwischen 2005 und 2015 als Personalvorstand von Volkswagen. Außerdem zahlt das Unternehmen dem 67-Jährigen in den kommenden Jahren eine Pension aus, deren Wert aus heutiger Sicht insgesamt etwa 23,7 Millionen Euro beträgt.

Konzernbosse haben es schon schwer genug, vor ihre Beschäftigten zu treten, um ihre Vergütung zu rechtfertigen. Wie aber erklärt der langjährige IG-Metall-Mitarbeiter Horst Neumann einem Malocher vom Band, dass er gerecht entlohnt wird?

Die Antwort: gar nicht.

"Im Augenblick möchte ich mich nicht zu der Pensionsfrage äußern", schreibt er in einer E-Mail.

Dabei liegt in Lebensläufen wie jenem von Horst Neumann ein Schlüssel zur Frage, warum gerade in Großkonzernen mit starker Mitbestimmung die Gehaltsunterschiede zwischen Vorstand und Mitarbeitern immer gewaltiger werden. Es ist nämlich so, dass Gewerkschafter dort selbst von dieser Entwicklung profitieren, wenn sie geschickt sind. Sie reden im Aufsichtsrat mit, wenn es um Spitzengehälter und Posten geht.

Die Wege nach oben gleichen sich. Es gibt Manager, die etwas werden wollen und früher oder später eine Wirtschaftsschule in den USA besuchen. Und dann gibt es Karrieren wie die von Horst Neumann, die ohne Gewerkschaft nicht denkbar wären.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 9.2.2017.

Bei Neumann war es so: Nach dem Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Hamburg und Berlin wurde er 1973 Referent des Berliner Wirtschaftssenators. Fünf Jahre später kam der Karriereturbo: Der hauptberufliche Einstieg in die IG Metall. Wenn man etwas über diese Zeit hören will, erzählt ein früherer Büronachbar sofort einen bösartigen Witz, der zu jener Zeit bei der IG Metall über die opportunistische Unternehmenskultur kursierte. Hängen bleiben soll nebenbei, dass Neumann nicht durch Leistung überzeugt habe, sondern aufgestiegen sei, weil er sich mit den richtigen Leuten zu umgeben gewusst habe.

16 Jahre lang spann er in der Wirtschaftsabteilung der IG Metall sein Netzwerk. Er zog in mehrere Aufsichtsräte ein, darunter in jenen von Opel, ehe er 1994 Arbeitsdirektor der Krupp-Tochter Rasselstein Hoesch wurde, eines Weißblechspezialisten, ein Vorstandsposten, der in vielen Unternehmen traditionell an Gewerkschafter geht. Auch bei der Rasselstein AG war Neumann zuvor Aufsichtsrat gewesen. Nach einer kurzen Etappe als Personalvorstand von ThyssenKrupp Elevator wechselte Neumann 2002 zu Audi – als Vermittler sollen der damalige IG-Metall-Vorstand Jürgen Peters und Volkswagen-Arbeitsdirektor Peter Hartz gewirkt haben.