Nancy: Also wenn ich mich zwischen meiner Mutter und dem Islam entscheiden müsste, dann für den Islam. Das hört sich hart an, aber ich gehe doch nicht in die Hölle wegen meiner Mutter.

Mutter: Wegen mir gehst du nicht in die Hölle, ich gehe doch auch nicht in die Hölle!

Eine Dreizimmerwohnung in Hamburg-Horn, weicher Teppichboden, weiße Häkelgardinen. Auf der Couch im Wohnzimmer sitzen Nancy und ihre Mutter. Die Mutter, 50, trägt einen rosa Trainingsanzug aus Flanell. Die Tochter, 20, ein bodenlanges türkisfarbenes Gewand. Nancy sieht ihrer Mutter ähnlich, die kräftige Statur, die großen blauen Augen. Eines aber trennt die beiden: Seit zwei Jahren trägt Nancy ein Kopftuch. Deswegen möchte sie auch nicht, dass ihr richtiger Name in der Zeitung steht.

Mutter: Wir werden immer ganz schief angeguckt.

Nancy: Die gucken mich an, sie an, mich an. Mit Kopftuch, ohne Kopftuch. Wie passen die denn zusammen?

Mutter: Die denken bestimmt, dass du Asylbewerberin bist und ich mit dir zum Amt fahre.

Nancy: Man sieht die Ähnlichkeit zwischen uns, da tuscheln die Leute. Manche bleiben sogar stehen.

Blasse Haut, helle Augen, akzentfreies Deutsch und dann dieses Tuch. Seit Nancy zum Islam konvertiert ist, fällt sie auf. Geht sie aus dem Haus, fühlt sie sich beobachtet und fürchtet, beleidigt zu werden.

Nancy: Einmal, das war bei Hagenbecks Tierpark. Es war schon dunkel, nur die Laternen waren an. Da kam dieser Mann, 50 vielleicht, ein Deutscher. Er schrie, dass ich eine Terroristen-Schlampe bin und zurück in mein Land gehen soll.

Mutter: Da hätte man eigentlich gleich die Polizei rufen müssen. Wenn ich dabei gewesen wäre, hätte ich das gemacht.

Nancy: Da waren auch andere Leute, aber die haben nur zugeguckt. Als ich weitergehen wollte, packte er mich. Ich dachte, dass er mich jetzt schlägt.

Mutter: Zum Glück kam der Türke.

Nancy: Der hatte das vom Dönerladen aus beobachtet und kam rüber. Er schubste diesen Typen zur Seite. Dann brachte er mich zur U-Bahn.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 7 vom 9.2.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Nancy ist mit muslimischen Traditionen groß geworden. Die meisten Mütter ihrer Mitschüler trugen Kopftuch. Besuchte sie die Freundinnen zu Hause, gab es Börek und Biber Dolması, gefüllte Paprika mit Rinderhack. Seit sechs Jahren hat Nancy einen Freund, Hakan. Er stammt aus der Türkei. Nach der Konversion haben Nancy und Hakan islamisch geheiratet. Sonst hätten sie sich nicht mehr treffen können.

Nancy: Alle denken, dass ich das seinetwegen gemacht habe. Dabei meinte er, wenn ich anfange, Kopftuch zu tragen, dann kennt er mich nicht mehr.

Mutter: Auch die Verkäuferin bei Penny hat mich gefragt, ob Hakan sie gezwungen hat.

Nancy: Die hat mich auch schon ein paar Mal gefragt, ob ich geschlagen werde.

Mutter: Ich sage dann immer, dass ihr Freund das gar nicht wollte. Der hat auch verboten, dass sie Schwarz trägt.

Nancy: Wenn ich mit Burka oder Nikab ankomme, hat er gesagt, dann kann ich mich verpissen. Der wollte nicht, dass alle denken, dass er mich dazu gezwungen hat.

Mutter: Hakan fand das gar nicht gut. Aber dich hat das ja schon vorher interessiert mit dem Islam.

Nancy: Ich habe mich halt immer gefragt, was der Sinn ist im Leben. Warum man überhaupt lebt. Meine Freunde haben mir den Koran gegeben, da war ich 13. Ich habe ihn gelesen und verstanden, wie viel Liebe Allah mir gibt, wenn ich die Regeln des Islams befolge. Ich war aber lange unsicher, ob ich das mit der Konvertierung wirklich machen soll. Dann habe ich Dhilara kennengelernt. Wir haben zusammen unseren Hauptschulabschluss gemacht. Das war so kurz vor Weihnachten vor zwei Jahren.