Mehr als zwanzig Jahre wohnte ich drei Stockwerke über Jaki Liebezeit. Wir sahen uns nicht oft, und es dauerte, bis mir aufging, dass er jener Jaki Liebezeit war, jener Schlagzeuger aus jener Band, deren Platten bereits bei meinen älteren Brüdern liefen. Aber wir sahen uns regelmäßig, niemals morgens, niemals abends, fast immer nur nachmittags ab vier, wenn ich mit der ersten, später mit der zweiten Tochter vom Kindergarten oder der Schule heimkehrte, oder auch gegen sechs, wenn ich noch einmal ins Büro ging oder im Jogginganzug aus dem Haus trat, dann traf ich ihn, ja, im Innenhof, im Durchgang, wo die Fahrräder stehen, oder auf dem Bürgersteig vor der Hoftür. Mein signalgelbes Shirt und erst recht die kurze Hose fühlten sich jedes Mal noch lächerlicher an, wenn Jakis Blick mich traf, auch wenn er deswegen niemals eine Miene verzog. Mit Mienen hielt er sich generell zurück und mit Worten sowieso.

Dennoch redeten wir, wann immer wir uns trafen, wir begrüßten uns und fragten mindestens, wie es geht, wechselten ein paar Sätze, die zwanzig Jahre lang freundlich waren. Und das Erstaunliche, ja Unfassbare war, dass er wenig sagte und ich dennoch viel verstand. Genau dies: Das Verhältnis von Worten, Gesten, mimischen Andeutungen, klanglichen Varianten, Stimme heben, Stimme senken, dieses bei ihm unglaublich reduzierte, regelrecht karge Instrumentarium von Ausdrucksweisen stand im diametralen Verhältnis zur Fülle an Bedeutungen. Ich glaube, jeder, der ihn trommeln gehört hat, zumal in den letzten Jahren, stimmt mir zu, dass es bei seiner Musik genauso war, die Mittel so wenig, die Bedeutungen so viel.

Ich weiß schon, dass er mich mochte, sonst wäre er nicht jedes Mal stehen geblieben und hätte mich angeschaut, das spürte ich tief. Zugleich war da immer ein Staunen, ein milder Spott im Blick, weil ich zwar ebenfalls fleißig arbeitete, wie Jaki der bloßen Anzahl meiner Bücher entnahm, aber zugleich so vielen anderen Beschäftigungen nachging. Allein schon das Joggen oder die häufigen Besucher, die vor seinem Fenster die Tür zu unserem Hinterhaus suchten, die Urlaube oder wenn er mich mit dem Rollkoffer zum Bahnhof eilen sah. Jaki verreiste zwar auch gelegentlich für Konzerte oder Aufnahmen, aber das war anders, das waren Zwischenspiele oder vielleicht eher Zugaben, in denen für eine Session oder eine kurze Tournee lediglich öffentlich wurde, was er ohnehin Tag für Tag tat. Wenn ich verreise, so musste es auf ihn wirken, dann unterbreche ich ja meine Arbeit, dann bin ich nicht am Schreibtisch, jedenfalls nicht, wenn ich nur mit dem Rollkoffer zum Bahnhof eile, dann sind es Auftritte, Lesungen, nichts, was für mein Schreiben wesentlich wäre. Wenn er verreiste, und das war viel seltener, dann setzte er seine Arbeit nur an anderen Orten fort. Das muss, so stellte ich mir vor, eine Bereicherung gewesen sein.

Haben wir jemals darüber gesprochen? Nein. Ich erwähnte bereits, dass wir nicht viel sprachen. Dennoch habe ich mir ein Bild von ihm gemacht, und er sich vermutlich auch von mir. Und diese Bilder, mit wenigen, immer gleichen Strichen über die Jahre vom Nachbarn gemalt, die waren genauer, als wenn wir viele Worte gewechselt oder uns in der Kneipe getroffen hätten. Man konnte sich ohnehin nicht mit ihm treffen, in zwanzig Jahren hat er mich nicht ein Mal besucht oder ich ihn, schon gar nicht abends, denn abends hat er immer getrommelt, jeden Abend mit denselben Freunden, mehr als zwanzig Jahre lang, bis morgens in der Früh. Und das muss schon vor meinem Einzug zwanzig Jahre lang oder länger so gegangen sein, jeden Abend bis morgens in der Frühe. Das war auch etwas, was ich nach und nach an ihm verstand, ohne dass er etwas sagen musste: diese Regelmäßigkeit oder wie es in den Kritiken immer hieß: die Wiederholung.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 9.2.2017.

Dreimal habe ich ihn live trommeln hören, das erste Mal vor Jahren im Rhenania, das zweite Mal bei einem, man höre und staune, "Gesprächskonzert" in unserem Literarischen Salon und bei seinem allerletzten Auftritt am 8. Dezember 2016 im Museum Kolumba. Ich bin kein Musiker, aber ich bin ein Reisender, und ich brauchte keine Kritiken zu kennen, um sofort die Herkunft seines Trommelns zu hören: das religiöse Ritual, bei dem sich das Bewusstsein durch das Wechselspiel von immer gleichen Folgen und minimalen, nach und nach größeren Abweichungen wie eine Schraube langsam aus der Fassung dreht. Jaki hat darüber gesprochen, das einzige Mal, als ich ihn länger sprechen hörte, bei dem Gesprächskonzert. Außer Jaki waren noch meine beiden anderen Musikernachbarn zu Gast, Pi-hsien Chen und Manos Tsangaris, es war also ein richtiges Hauskonzert und eine irre Besetzung, zwei Trommler und eine Konzertpianistin, die zunächst abwechselnd und dann tatsächlich gemeinsam improvisiert, später sogar Scarlatti gespielt haben. Dazwischen fragten wir nach der Musik, und was wunderte sich die Hausgemeinschaft, die auch im Publikum versammelt war, dass kein anderer als ausgerechnet Jaki am längsten und dabei nicht nur klug, sondern geradezu wissenschaftlich Auskunft gab.