Auch wenn ich ihn Jahre später nicht mehr zitieren kann, erinnere ich mich, dass er von der Beschäftigung mit der orientalischen und afrikanischen Musik sprach, die für seine Rhythmik ungleich wichtiger gewesen sei als Jazz und Rock ’n’ Roll. Er benutzte auch einen Fachbegriff, additive Rhythmik oder so ähnlich, weil sie auf der Wiederholung festgelegter Muster beruht. Gleichwohl betonte er selbst, der angeblich wie eine Maschine getrommelt hat, dass nicht einmal eine Maschine etwas völlig exakt wiederholen kann. Warum?, fragte ich verblüfft. Weil schon kleine klimatische Unterschiede im Raum oder physikalische Abläufe im Gehirn das Klangbild veränderten. Deshalb sei die Wiederholung gar keine Wiederholung, sie klinge für das Ohr nur so. Die Trance, in die er gerate, die erreichten andere, indem sie 120 Rosenkränze beteten, das sei im Grunde dasselbe Prinzip des Immergleichen-Jedesmalanderen.

Ach, denke ich heute, wie lang hätten wir sprechen können, wenn wir uns vier-, fünfmal die Woche im Innenhof oder vor der Haustür begegneten, so viele Themen hatten wir eigentlich gemein, die Wiederholung und die Verzückung, das Ritual und meine Reisen. Sogar über die Rockmusik hatte ich ein ganzes Buch geschrieben, ohne dass ich je den Mut besaß, es in seinen Briefkasten zu werfen. Aber dann denke ich, nein, wir haben ja gesprochen oder jedenfalls er zu mir, anders als mit Worten, anders auch als durch Gesten, einfach durch seine immer gleiche jedes Mal andere Gegenwart. Er war da, tagein, tagaus, mein guter Nachbar, zog nach Mittag die Vorhänge zum Innenhof beiseite, machte den Nachmittag über Besorgungen oder kümmerte sich die ersten Jahre um seinen Sohn, ging abends zum Trommeln mit seinen Freunden und kam morgens früh zurück.

Über die Eintönigkeit seines Tagesablaufs machte ich mir die aufregendsten Bilder. Jaki gab für mich, der viel zu viel anderes macht, so etwas wie den Idealtypus eines Künstlers ab, jemand, der ausschließlich für die Kunst lebt. Praktisch wird es anders gewesen sein, er hatte eine Frau, er hatte einen Sohn (die freilich nicht bei ihm lebten), er wird essen gegangen sein oder sich etwas gekocht haben – Jaki am Herd war auch so eine unmögliche Vorstellung und dennoch vermutlich real –, Einkaufen, Behördengänge, Arztbesuche, irgendwo hatte er vermutlich auch eine Familie, Geschwister, Cousins und Cousinen, Nichten und Neffen, Familienfeste vielleicht sogar. Ich könnte nicht einmal ausschließen, dass Jaki Urlaub gemacht hat, Urlaub wie bürgerliche Existenzen. Das weiß ich alles nicht und habe ich nie gefragt. Aber etwas spöttisch hat er schon geschaut, zugleich milde lächelnd, wenn wir jeden Sommer vor der Haustür unseren Kombi vollpackten und einige Wochen später dieselben, viel zu vielen Koffer ächzend ins dritte Stockwerk trugen.

Er selbst, und das bilde ich mir nicht nur ein, er selbst lebte mehr als nur genügsam. Er lebte im Wortsinn radikal, das heißt, auf den Grund oder an die Wurzel gehend. Nicht wie man sich das in Jugendkulturen oder politischen Bewegungen vorstellt, radikal nicht im Sinne einer extremen Lebensweise, extremen Kleidung oder extremen Ansicht, sondern radikal in dem Sinne, dass er sich auf das Wesentliche, eben die Wurzeln konzentrierte, radikal damit im Sinne einer auch materiellen Beschränkung. Wir ahnten, dass Jaki nicht arm sein konnte mit den Tantiemen einer legendären Band, deren Stücke immer neue Generationen inspirieren, und den Studiosessions in New York, London oder Istanbul; ehrlich gesagt vermute ich sogar, dass er mit Abstand der reichste in unserer Hausgemeinschaft war. Aber jedenfalls dem Augenschein nach lebte niemand unter uns bescheidener als er, eine winzige Parterrewohnung, die unauffälligste Bekleidung, über zwanzig Jahre der gleiche Haarschnitt, den er selbst vorm Spiegel besorgte, ein Kleinwagen, der gegenüber in der Autowerkstatt geparkt war. Nicht einmal eine Krankenversicherung besaß Jaki, da er Absicherung nur für Ballast hielt, keine Hobbys, Weine oder Zigarren. Wenn er, wie er einmal erwähnte, alle paar Jahre ein Kölsch trank, wird das gleich ein Fest gewesen sein. Jaki brauchte all das nicht, das sah ich ihm jedes Mal an, wenn sein erstaunter, angenehm spöttischer und zugleich milder Blick mich traf. Nicht einmal Worte brauchte er, um mir vier-, fünfmal die Woche viel zu sagen. Jaki Liebezeit brauchte nur die Musik.