Lassen Sie mich so anfangen: Die meisten Juden, die ich kenne, gehen nicht in die Synagoge, also sie gehen keinesfalls regelmäßig dahin, an hohen Feiertagen vielleicht, aber auch das nur eher selten. Sie sind trotzdem Juden, und diese Identität hat nicht nur, wenngleich natürlich zu großen Teilen, mit dem Holocaust zu tun. Da ist noch etwas anderes, was man dennoch nicht mit einem Rest bezeichnen sollte. Da ist ein Raum in jeder Seele, ein ziemlich großer sogar, der füllt sich mit Bräuchen und Ritualen, mit Landschaften, Ansichten und Erinnerungen, mit Kultur, Erziehung und dem, was man so als Weltwissen bezeichnen könnte.

In diesem Raum möchte ich ein wenig verweilen, mich in ihm aufhalten und in einer – auf den ersten Blick vielleicht verblüffenden – Analogie sagen: Die meisten Menschen Mitteldeutschlands gehen zwar selten zum Gottesdienst, wenn man sie fragen würde, würden sie sicherlich sagen, dass sie nicht an Gott glauben, Protestanten sind sie für mich trotzdem, oder anders, sie sind für mich trotzdem protestantisch. Und ich kann das sogar beweisen. Und in den Fotos von Jörg Gläscher kann man das auch sehen, man muss allerdings sehr genau hinschauen. Lutherland ist nämlich nicht Bayern. Vielleicht glaubt man hier subtiler, vielleicht glaubt man hier an anderes, sicherlich fühlt man hier in anderen Formen.

Beweis Nummer eins: Als ich zum ersten Mal auf einer Pegida-Demonstration war – es handelte sich dabei um Legida, eine Art Leipziger Filiale, die zum Glück ihren Dienst inzwischen wieder eingestellt hat –, haben jene Leipziger, die an der Marschroute wohnten, Musik in ihre Fenster gestellt, um die Rufe der Rechten zu übertönen. Ich hörte Johann Sebastian Bach und Ludwig van Beethoven. Man kann diesen Protest als lächerlich und naiv bezeichnen, aber man muss wissen, die Musik Johann Sebastian Bachs, der in Thüringen geboren wurde, fast 30 Jahre in Leipzig gelebt hat und die wohl schönsten Musikstücke auf den alten Herrn im Himmel komponiert hat, die es überhaupt gibt, Bachs Musik gehört zu dieser Stadt und dieser Landschaft, durch die Jahrhunderte hindurch. Sie dringt, wo immer ich bin, sofort in mich ein, erinnert mich an jene Landschaft, aus der ich stamme, ich muss dafür nicht in einer Kirchenbank sitzen, nicht in den Gottesdienst gehen. Denn Bach begegnet einem in Leipzig überall, in den Kirchen, in den Schulen, in den Familien, auf den Straßen, so haben die Menschen Gott durch den Sozialismus gebracht, da bin ich mir ganz sicher. Deshalb haben sie sich im Sommer und im frühen Herbst des Jahres 1989 zuerst in den Kirchen zusammengefunden, sie wollten dort glauben, an etwas anderes, an etwas Neues, und der Weg dorthin war für sie gar nicht so weit, wie man es den Ostdeutschen hernach immer wieder gern unterstellt hat. Unter anderem Bachs Musik wird sie geleitet haben.

Beweis Nummer zwei: Meine Mutter hat in den vergangenen Wochen schon zwei dieser neuen und sehr dicken Martin-Luther-Biografien gelesen. Ich war ziemlich überrascht, als ich die beiden Bücher zu Weihnachten ausgelesen in ihrer Stube fand. Ich selbst schiebe diese Lektüre mit schlechtem Gewissen schon eine Weile vor mir her, ausgerechnet in diesem Lutherjahr. Auch das hat mit Landschaft, mit Topografien, mit Ansichten zu tun.

Wenn wir am Heiligabend, nachdem wir Stollen gegessen haben, zum Gottesdienst in meine alte Gemeinde gehen, in der ich vor fast 25 Jahren konfirmiert wurde, bleibt meine Mutter immer zu Hause. Das Kind glaubt, weil sie die Geschenke sortiert, aber das ist natürlich Quatsch, denn die bringt bei uns ja der Weihnachtsmann. Meine Mutter macht sich einfach nichts aus Gottesdiensten, während mein Sohn es liebt, wenn wir uns in unsere Rumpelgemeinde, wie wir sagen, aufmachen. Rumpelgemeinde ist dabei nicht abwertend gemeint, vielleicht spöttisch, auf jeden Fall liebevoll, zum Beispiel wenn wir "Stille Nacht, heilige Nacht" singen. Aber der Kirchenraum dort ist so schlicht, nichts außer einem einfachen und schmucklosen Altar, der Orgel und einer Kanzel, die eher ein Stehpult ist, erinnern darin an eine Kirche.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft, und erschien auch in der ZEIT-im-Osten-Ausgabe der ZEIT Nr. 7 vom 9.2.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Und ich glaube, auch meine Mutter denkt nicht an Gott, wenn sie sich mit Martin Luther beschäftigt, sie fragt nicht nach ihrem Glauben. Sie denkt an das Mansfelder Land, wo Luther aufwuchs, sie denkt an Magdeburg, Eisenach und Erfurt, wo Luther in die Schule ging und studiert hat, sie denkt natürlich auch an Wittenberg, wo Luther seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche gepinnt haben soll, so wie ich sofort an das Kloster Nimbschen denken muss. All das sind Orte, die sie gut kennt, zu denen sie oft gereist ist, Orte, durch die man einfach hindurchkommt, wenn man in Lutherland lebt.

Meist an Ostern sind wir zum Kloster Nimbschen gelaufen, weil man dorthin wunderbar von Grimma aus an der Mulde entlangspazieren kann. Meine Mutter erzählte jedes Mal die Geschichte von Katharina von Bora, Luthers Ehefrau, die zuvor aus dem Kloster geflohen war. Und hernach sagten wir uns Goethes "Osterspaziergang" auf, in dessen Versen wir ja nun selbst herumliefen: "Kehre dich um, von diesen Höhen/ nach der Stadt zurückzusehen!/ Aus dem hohlen finstern Tor/ dringt ein buntes Gewimmel hervor./ Jeder sonnt sich heute so gern./ Sie feiern die Auferstehung des Herrn,/ denn sie sind selber auferstanden".

Und Beweis Nummer drei sind nun die nebenstehenden Fotografien aus dem Band Lutherland von Jörg Gläscher, der in einem kurzen Nachwort schreibt, er sei nach Mitteldeutschland gereist, weil dort "Religion heute für weite Teile der Bevölkerung keine Rolle mehr spielt: Im Lutherland stehen Kirchengebäude leer, Kirchenaustritte übersteigen die Anzahl der Eintritte, während rechtspopulistische und ausländerfeindliche Gruppierungen Zuspruch erfahren." So bringt man Ostdeutschland gern auf einen schnellen Nenner, zieht sich eine viel komplexere Realität zu Schlagworten zusammen.

Bach begegnet einem in Leipzig überall, in den Kirchen, in den Schulen, in den Familien, auf den Straßen, so haben die Menschen Gott durch den Sozialismus gebracht.

Ich will all das um Gottes willen nicht bestreiten, vielleicht will ich nur sagen: Schön, dass Jörg Gläscher sich dennoch zum Fotografieren nach Lutherland aufgemacht hat, um sich ein Bild zu machen. Auf einer der Fotografien sieht man, wie eine Luthereiche in Wittenberg gepflanzt wird, auf einem anderen spielt eine Blaskapelle an einem Lutherdenkmal im Glasbachtal im Schwarzwald, auf einem dritten wird ein Mädchen im Wasser der Elbe getauft. Diese Bilder sind nicht erhaben, sie erzählen den Alltag. Ebenso wie das schöne und überraschende Bild über den Schaustellergottesdienst während eines Rummels auf dem Erfurter Domplatz. Ist Gott auf diesen Bildern? Ist Glauben in diesen Menschen? Wer will das sagen? Wer weiß das schon ganz genau?

Lassen Sie mich doch mit folgender Analogie enden: Im Osten Deutschlands engagieren sich nur sehr wenige Leute in politischen Parteien, die Mitgliederzahlen sind viel niedriger als im Westen. Dennoch sind mir die Menschen im Osten nie unpolitisch oder gar unpolitischer als andere erschienen. Vielmehr gibt es in diesem Landstrich, der im vergangenen Jahrhundert mindestens drei Systeme erlebt hat, ein großes Misstrauen gegenüber Institutionen, festen Formen und eindeutigen Geständnissen. All das hat sich als zu flüchtig erwiesen. Geblieben sind allein die Landschaft und Bachs Musik. Und das ist, wie gesagt, gar nicht so wenig.

Text: Jana Hensel

Jörg Gläscher: Lutherland. Evangelische Verlagsanstalt Leipzig; 128 S., 25,00 €, Erscheint Anfang März 2017