Stellt euch vor, ihr wacht eines Morgens auf und die Welt ist eine andere. Rechte, Freiheiten und Sicherheiten, die selbstverständlich erschienen, gibt es nicht mehr. Und das Schlimmste daran ist, ihr hättet nie gedacht, dass es einmal so weit kommen könnte.

Am 24. Juni 2016 sind junge Menschen in Großbritannien mit eben solch erschütternden Nachrichten und Gefühlen aufgewacht. Das Land hatte sich mehrheitlich dafür ausgesprochen, die Europäische Union zu verlassen – während die meisten jungen Wähler gegen den Austritt stimmten. Sie werden ihre europäische Staatsbürgerschaft verlieren, mitsamt aller dazugehörigen Rechte und Privilegien.

Der Brexit ist nur ein Beispiel: Die Lebenswirklichkeit der 20- bis 30-Jährigen steht auf dem Spiel. Das europäische Haus ist einsturzgefährdet. Wir, die Bewohner dieses Hauses, sind unmittelbar betroffen.

Die meisten von uns sind mit dem Verständnis aufgewachsen, dass Vielfalt, Demokratie und persönliche Freiheiten eine Selbstverständlichkeit sind. Wenn all dies in Gefahr ist – warum gehen wir nicht auf die Straße, treten massenweise in Parteien ein und kämpfen für unsere Zukunft? Warum gehen wir nicht wenigstens wählen? Die ernüchternde Antwort lautet, dass unsere Generation so wenig geeint ist wie der Kontinent selbst. Auf der einen Seite steht ein Teil unserer Generation, der von den Vorzügen eines geeinten Europas profitiert, der reisen kann, gut ausgebildet ist und viele Chancen hat. Auf der anderen Seite stehen junge Menschen, die von all diesen Vorzügen ausgeschlossen sind und wenig Chancen haben. Wer sich um seine Existenz sorgen muss und wer nur eigene Karrierepläne schmiedet, kümmert sich nicht um gesellschaftlichen Wandel.

Die Stimme der Jungen geht im Ringen um die Zukunft unter: Wir fehlen an den Tischen der Macht.

Aber Veränderung ist möglich, wenn die Jungen sich zusammenschließen: Denken wir an die Nuit debout in Frankreich, den Protest von Zehntausenden gegen eine geplante Arbeitsmarktreform; an die Zusammenarbeit junger Leute beim schottischen Unabhängigkeitsreferendum oder an den Aufschrei der Jugend bei der Abtreibungsdebatte in Polen. Drei Beispiele, die zeigen, dass wir die Zukunft zurückerobern können.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 9.2.2017.

Wie? Diese acht Schritte können uns helfen:

1. Wählen gehen. Ob auf lokaler, nationaler oder europäischer Ebene. Unsere politischen Meinungen sind verschieden, aber an der jungen Generation soll kein Politiker vorbeikönnen. Warum also nicht gleich die nächsten Termine im Smartphone markieren und Freunde einladen, mit zum Wahllokal zu kommen?

2. Den Mund aufmachen. Und nicht schweigen, wenn jemand fremdenfeindliche, homophobe, sexistische oder rassistische Sprüche macht. In den Straßen, den Wohnzimmern, am Arbeitsplatz und in den sozialen Medien.

3. Einer Organisation beitreten. In ganz Europa sind junge Menschen in etablierten Machtstrukturen unterrepräsentiert. Wenn wir Europa verändern wollen, müssen wir uns diesen Organisationen anschließen und sie von innen heraus verändern. Warum sich also nicht einer Partei, NGO, Hilfsorganisation oder Gewerkschaft anschließen, um seine Standpunkte einzubringen? Am besten klappt das Ganze, wenn man gleich einen Freund oder eine Freundin mitbringt.

4. Eine Bewegung unterstützen oder starten. Zwei Deutsche aus unserem Autorenteam haben #FreeInterrail gegründet: Sie fordern die EU-Kommission auf, Europäern zum 18. Geburtstag ein Interrail-Ticket zu schenken. Die Idee wird heute von Tausenden in ganz Europa unterstützt.

5. Sich mit der Meinung anderer auseinandersetzen. Unsere Generation ist stolz darauf, in einer Welt der Vielfalt zu leben. Aber tun wir das wirklich? Sind wir nicht viel zu oft auf der Flucht vor anderen Standpunkten und der Konfrontation mit anderen Perspektiven? Gebt euch einen Ruck und trinkt eine Tasse Kaffee mit Menschen, die völlig anders denken als ihr. Denn davon lebt unsere Demokratie: von Debatten.

6. Lokal wirken. Im direkten Umfeld von jedem von uns gibt es Menschen, die dringend unsere Unterstützung benötigen. Selbst wenige Stunden vieler ehrenamtlicher Helfer können Europa schon verändern.

7. Transnationale Solidarität bekennen. Nur wenn wir ernsthaftes Interesse aneinander zeigen, sind wir echte Europäer. Wie wäre wohl das britische Referendum ausgegangen, hätten junge Menschen auf dem Festland vor der Abstimmung ihre Solidarität mit der britischen Jugend bekundet? Lasst uns dafür sorgen, dass unsere Taten und Worte nicht an nationalen Grenzen enden.

Und jetzt seid ihr dran. Was ist eurer Schritt, um Europa voranzubringen und unsere Generation zu einen?

8. Füllt die Lücke aus, fotografiert sie und teilt eure Gedanken unter dem Hashtag #WhoIfNotUs.

Die Zukunft ist offen. Es liegt jetzt an uns, sie zu gestalten. Wenn wir gemeinsam handeln, jetzt handeln, können wir das Europa erschaffen, in dem wir wirklich gern aufwachen würden. Jugend Europas, vereinige dich!

Das Autorenkollektiv verfasste den Text während eines Schreibwochenendes in Berlin.