Karl Jaspers ist zurück. Knapp 2.300 Seiten Korrespondenzen und die erste Lieferung einer auf 50 Bände angelegten Gesamtausgabe rufen nach Aufmerksamkeit für einen Philosophen, der seinen letzten großen Auftritt 1985 hatte. Damals erschien Jaspers’ Briefwechsel mit seiner Schülerin Hannah Arendt.

Dabei war alles einmal ganz anders. Hätte man nämlich vor 50 Jahren eine Umfrage gemacht, wer der Philosoph der Stunde sei, wer die geistige Situation der Zeit am genauesten beschreiben und Kritik an ihr formulieren könne, so hätte Jaspers die meisten Stimmen erhalten. 1966 konnte der Spiegel melden, dass seit 1945 kein Philosoph mehr Bücher verkaufe als der damals 83-Jährige. Nicht Theodor W. Adorno oder Martin Heidegger, nein, die bürgerlichen Stände setzten vielmehr auf einen weisen Ton, mit dem allen intellektuellen und politischen Lagern die Leviten gelesen wurden. Und so rissen sich alle großen Zeitungen und Zeitschriften darum, Vorabdrucke aus Büchern oder Aufsätzen von Jaspers bringen zu können. Oder sie luden ihn ein zu schreiben, und aus dem Artikel wurde eine ganze Serie und daraus ein Buch. Egal, ob Jaspers vor dem Atomtod warnte, die Bundesrepublik Deutschland unter Bundeskanzler Kiesinger, wegen der berühmt-berüchtigten Verjährungsdebatte über NS-Verbrechen und wegen der Notstandsgesetze, auf dem Weg in eine Diktatur sah oder ob Jaspers seine Philosophische Autobiographie auf den Markt warf – der Philosoph reagierte trotz seines Alters und eines lebenslang erduldeten Herz- und Atemleidens sehr schnell, hatte scheinbar alles Relevante zur Kenntnis genommen und kompilierte geschickt aus Erlebtem, Gehörtem und Gelesenem eine entschiedene Haltung. Die Rundfunk- und Fernsehinterviews des seit 1948 in Basel lebenden und lehrenden Denkers wurden von Konrad Adenauer und seinen Bonner Kollegen genauso beachtet und kommentiert wie von Walter Ulbricht und dessen Genossen in Ost-Berlin. Jaspers erreichte ein großes Publikum – der lange vakante Posten des Praeceptor Germaniae war wieder besetzt.

Wem ob des hohen Tones von Jaspers Zweifel kamen, der konnte in den zahlreichen Büchern leicht überprüfen, was es denn mit diesem Mahner gedanklich tatsächlich auf sich hatte. Der 1883 in Oldenburg geborene Philosoph, Psychiater und Mediziner hatte in all diesen Bereichen schwergewichtige Schriften vorgelegt und erstmals das Gespräch unter ihnen ermöglicht. Eine dreibändige Philosophie war 1932/33 erschienen, 1947 veröffentlichte er sein mit weitem Abstand wichtigstes Buch Von der Wahrheit, das Menschen aus dem Klammergriff der "Existenz" in die Wechselfälle des Lebens freisetzte. Man konnte sich auf 1000 Seiten über Die großen Philosophen (1957) belehren lassen, was, wie sich Jahre nach Jaspers’ Tod 1969 herausstellte, nur ein Teil eines mindestens zwei weitere Bände umfassenden gigantischen Unternehmens war. Seine Formulierung allerdings, er habe "Hegel durchschaut", kostete ihn unter zahllosen philosophischen Zunftgenossen fast seine gesamte Reputation. Überhaupt war er zwar in der Bundesrepublik ein Star-Intellektueller, doch innerhalb der Universitäten wurde er weitgehend ignoriert. Die leichte Hand beim Schreiben rief dort ebenso Stirnrunzeln hervor wie die Entschiedenheit seiner Urteile. Die Linke warf ihm "Jargon" vor, die Rechte schwor auf das Seinsdenken, die Modernen strebten zu Pragmatismus, analytischer Philosophie und Positivismus. Da blieb Jaspers’ Sound auf der Strecke, zumal der ganz und gar grundiert war von den Debatten der Weimarer Republik und es somit also für Freund und Feind leicht war, Jaspers als zornig-vorgestriges Leichtgewicht zu verwerfen.

Zur Skepsis kam die merkwürdig anmutende Zurschaustellung eines inneren Gleichgewichts und einer nur schwer erträglichen Selbstgewissheit. So schrieb der 70-jährige Denker: "Blicke ich auf meine geistige Entwicklung, so meine ich, etwas von Kindheit an Gleichbleibendes zu sehen. Die Grund-Verfassung der Jugend hat sich im Laufe des Lebens geklärt, im Stoff des Weltwissens bereichert, aber es hat niemals Wandlungen der Überzeugung gegeben, keinen Bruch, keine Krise und Wiedergeburt."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 9.2.2017.

Nun steht zumindest eine Teilrevision dieser Urteile an. Denn in der Korrespondenz des Philosophen kann man Größe und Grenzen von Jaspers’ Person und Werk genauer als je zuvor überprüfen. Die umfangreichen Bände mit klug ausgewählten und gut kommentierten, zumeist aus Archiven gehobenen Briefwechseln lassen Jaspers interessanter erscheinen, als oftmals behauptet wird. Viele Briefpartner, die aus sehr unterschiedlichen ideologischen, religiösen und politischen Lagern stammten, stehen bis zum Ende seines Lebens für spannende Auseinandersetzungen, profunde Einsichten in die Weimarer Republik, das "Dritte Reich", die Bundesrepublik. Zugleich stößt man mehr als einmal auf Jaspers’ Fähigkeit, noch der absurdesten Anfrage mit Würde zu begegnen. Er hatte zweifellos Geduld.

"Ihr Name ist so bekannt wie der meine"

Biografisch und inhaltlich ist der Briefwechsel mit dem Politikwissenschaftler Dolf Sternberger (1907 bis 1989), der wie Jaspers das "Dritte Reich" mit einer jüdischen Ehefrau durchstand, sicherlich der bedeutendste. Er öffnet uns nicht nur den Blick auf die gemeinsam verantwortete Zeitschrift Die Wandlung: Ab 1946 plädierten deren Autoren, darunter Hannah Arendt, für eine rigorose Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus. Zugleich kann Sternberger als einer der wenigen Briefpartner Jaspers kritisieren, ohne dass der beleidigt ist. Wenn ihm Jaspers 1963 schreibt: "Ihr Name ist so bekannt wie der meine", dann schwingt darin, wie auch in dem früher geäußerten "Sie schimpfen nicht, Sie zeigen", viel von Jaspers selbst mit. Wirken wollen und dabei anerkannt werden, beides auf Grundlage reiflicher Überlegung – so sah sich Jaspers lebenslang. Nicht weniger aufschlussreich ist in dieser Hinsicht die Korrespondenz mit Jaspers’ Schüler Golo Mann, die nunmehr mit dem bitteren Porträt in dessen Erinnerungen und Gedanken abgeglichen werden kann; Golo Mann hatte seit 1929 bei Jaspers in Heidelberg studiert und wurde 1932 von ihm promoviert.

Besonders interessant aber ist der Briefband, der die engen Verflechtungen mit der Mediziner- und Psychiaterszene der zwanziger bis sechziger Jahre dokumentiert. Vor allem mit dem Heidelberger Psychiater Kurt Schneider (1887 bis 1967) hatte er vertrauten Austausch. Mal empfiehlt der Kollege 1941 seinem Freund Jaspers das vom Rassenhygieniker und SS-Obersturmbannführer Johannes Schottky 1937 herausgegebene Machwerk Rasse und Krankheit, nach dem Krieg soll sich Jaspers für ein Werk über Euthanasiemorde einsetzen. Die Kommentierung dieses Bands ist besonders gelungen und legt für Historiker spannende Details frei. Und er erinnert zugleich eindrücklich daran, dass Jaspers’ Psychologie der Weltanschauungen (1919), vor allem aber seine erstmals 1913 erschienene, 1946 umfänglich neu geschriebene und bis heute grundlegende Allgemeine Psychopathologie in ihrer philosophischen Bedeutung noch zu entdecken sind. Gerade dieses "Lehrbuch" verdient mehr philosophische Aufmerksamkeit, denn in ihm argumentiert Jaspers weitgehend systematisch, wo vieles andere von ihm doch arg "wellenhaft" daherkommt, wie es der Philosoph Karl Löwith einmal formulierte.

Da das Spätwerk Jaspers’ den Herausgebern der Gesamtausgabe ausdrücklich am Herzen liegt, muss die Entscheidung, den Auftakt zu diesem monumentalen Großunternehmen ausgerechnet mit der erstmals 1923 vorgelegten Idee der Universität zu bestreiten, doch überraschen. Man bekommt auch die Umarbeitungen von 1946 und 1961 geboten, dazu weitere Interventionen, von denen besonders die Kommentierung eines Gutachtens zur Hochschulreform hervorsticht. Warum hingegen die wegen ihrer Nähe zum Zeitgeist umstrittenen Thesen zur Hochschulerneuerung von Juli oder August 1933 nicht aufgenommen wurden, erschließt sich trotz der sehr klugen Einleitung des Herausgebers nicht. Insgesamt bieten die Texte das Bild eines engagierten Lehrers, der aber zunehmend von seiner Rolle, die ihm die Öffentlichkeit vermittelte, getäuscht wurde: Die Verkaufszahlen seiner Bücher stiegen, seine Ratschläge allerdings verschwanden in der Asservatenkammer.

Wer nach einer – wenn auch gewissermaßen indirekten und voluminösen – Einführung in Leben und Werk von Karl Jaspers sucht, der ist mit der schön gestalteten Briefauswahl gut versorgt. Und die Gesamtausgabe wird hoffentlich für die Fortgeschrittenen bald Schwergewichtiges vorlegen können.

Karl Jaspers: Korrespondenzen. Drei Bände: Psychiatrie/Medizin, Philosophie, Politik/Universität; Hrsg. v. M. Bormuth, C. Dutt, D. von Engelhardt, D. Kaegi, R. Wiehl u. E. Wolgast; Wallstein, Göttingen 2016; 2292 S., 99,– €

Karl Jaspers: Gesamtausgabe. Bd. 21: Schriften zur Universitätsidee. Hrsg. v. Oliver Immel; Verlag Schwabe, Basel 2016; 508 S., 108,– €