"Endlich!", rufen wir Seelsorger in den Gemeinden aus. Endlich gilt nicht mehr diese unbarmherzige Zurückweisung des Suchenden. Endlich gilt das Einzelschicksal etwas, endlich ist vom persönlichen Gewissen bei wiederverheirateten Geschiedenen die Rede, endlich wird Schuld nicht mehr schablonenhaft angewandt, und endlich entscheidet der einzelne Gläubige in seiner ganz persönlichen Freiheit, wozu er berufen ist. Die frühere Belohnungs- und Bestrafungsmentalität bei diesem Thema hatte so gar nichts mit der Kirche eines Jesus von Nazareth gemein, der ja ganz bewusst die Gescheiterten und Gestrandeten aufsuchte.

Gerade die Praxis, die ehelich Gescheiterten, die in einer neuen Beziehung einen neuen Anfang und eine vielleicht jetzt erst tragende Liebe gefunden haben, generell als Todsünder und Versager innerhalb der Kirche abzustempeln, war bislang eine sehr sublime Form, Menschen heute noch öffentlich zur Schau zu stellen und zu verurteilen. Allein der Begriff "wilde Ehe" für solche Partnerschaften, die keinen ehelichen Segen mehr bekommen können, ist schon Diskriminierung genug! Dass es bei solchen Partnerschaften aber auch immer um Einzelschicksale geht, an die nicht Gesetz noch Vorschrift heranreichen können, wurde verschwiegen.

Aber im Glauben, den Jesus von Nazareth gestiftet hat, geht es eben nicht um Formelwissen. Es geht immer um den Menschen selbst, seine Person und seine Begabung, sich anhand seines Gewissens in seinem Leben jeweils neu zu orientieren. Oder glaubt denn wirklich jemand, diese Menschen hätten bewusst das Scheitern einer ehelichen Beziehung angestrebt, zumal es immer zwei Menschen sind, die dazu beitragen? Wir muten diesen Menschen durchaus zu, das Wagnis des gemeinsamen Lebens auf sich zu nehmen. Wenn dieses Wagnis aber misslingt, was nun einmal passiert, weil das Leben unvollkommen und brüchig ist, und unabhängig von Schuld und Ursache kein anderer Weg mehr als eine Trennung möglich ist, haben wir das zu respektieren. Niemand kann und darf gezwungen werden! Ja mehr noch: Warum sollte nicht auch über einer Trennung in Respekt ein gewisser Segen sein, vor allem wenn sie fair und anständig vollzogen wird?

Finden dann aber diese Menschen in einer neuen Partnerschaft Liebe und Geborgenheit, die sie nun wirklich trägt, wurden sie bisher systematisch ausgeschlossen und bestraft. Die immer wieder von konservativ eingestellten Katholiken zu hörende Einladung zur geistlichen Kommunion (also zur Teilnahme an der Eucharistiefeier, jedoch nicht am Mahlempfang) ist doch nur ein schönes theologisches Wort für die sichtbare Abstrafung von Menschen, die ohnehin schon ihre eigene Prüfung durchlitten und erlebt haben. Niemand will das Scheitern gerne in seinem Leben erfahren! Niemand sucht wissentlich den Bruch! Jeder möchte an sich nur glücklich und zufrieden in einer Partnerschaft leben können. Das sollte grundsätzlich vorausgesetzt werden, und die Bischöfe tun es nun – endlich!

Und wir Seelsorger, die wir uns in selbstverständlichem Ungehorsam sicher mehrheitlich ohnehin nicht an diese aburteilenden Weisungen hielten und niemanden dieser betroffenen Menschen jemals zurückgewiesen haben von der Kommunionbank? Wir hatten dennoch, bei aller inneren Gewissheit, das Richtige zu tun, immer das Gefühl, gegen unsere Kirche und damit auch gegen die Obrigkeit zu handeln. Auch diese Beklemmung ist uns nun endlich genommen. Wie haben wir uns danach gesehnt und können nun aufatmend und befreit "Vergelt’s Gott" dafür sagen! Nichts anderes wollen wir sogenannten modernen Seelsorger als in der Einheit mit unserer Kirche handeln!

Natürlich haben wir in den Gemeinden längst keine Unterschiede mehr gemacht. Wer schon mal zu uns kommt – und bekanntermaßen ist das nicht unbedingt die Mehrzahl derer, die als katholisch registriert sind –, der meint es ernst mit seiner Sehnsucht und seinem grundtiefen Bedürfnis, auch und gerade wegen seines Schicksals und seiner Geschichte. Nichts anderes drückt der Kommunionempfang der Gemeinde aus: Sie baut sich immer wieder von Neuem sichtbar auf. So wie aus vielen Körnern ein Brot entsteht, so bilden die vielen Glieder – und da gehören auch wiederverheiratete Geschiedene als getaufte Christen immer noch dazu –, die den heiligen Leib empfangen, ein großes Ganzes, nämlich die Kirche. Die in der Todsünde leben, können nicht dazuzählen, hieß es bislang. Dass nicht jeder ein Todsünder sein kann und muss, dem Scheitern widerfährt, das stellen jetzt unsere Bischöfe endlich fest.

Natürlich gibt es sofort Gegenwind. Von der "Ehebrecherkommunion" reden die Ultrakonservativen in unserer Kirche und halten sich schier die Ohren zu. Sie wollen den jetzt längst überfälligen Schritt der deutschen Bischöfe nicht mitgehen. Für sie ist es wahrlich keine Mond-, sondern vielmehr eine glatte Bruchlandung. Aber, und da bin ich mir so sicher: Sie werden nicht recht behalten. Gleichzeitig wäre gerade jetzt eine verbale Abrüstung im Ton absolut notwendig. Wer mit Aussagen von Ehebrecherkommunion oder anderen Begrifflichkeiten hantiert, verletzt nicht nur Menschen. Er fügt auch der Eucharistie einen gehörigen Schaden zu. Die Eucharistiegemeinschaft eines Jesus von Nazareth ist kein Gremium der Perfekten, wie wir es gerne sehen würden. Es sind die Gescheiterten, die Gebrochenen, die gerade durch die Mahlgemeinschaft mit Christus eine neue (Über-)Lebensperspektive bekommen haben. Auch diesen Aspekt heben die deutschen Bischöfe mit ihrem neuen Weg hervor – neben der ja nicht zu übersehenden Tatsache, wie sehr hier das eigene, persönliche und freie Gewissen des jeweils einzelnen Betroffenen hervorgehoben wird! Endlich!

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Und wir sind noch lange nicht am Ende dieses Weges. Noch vieles gilt es neu zu sehen, zu formulieren und in die Tat umzusetzen: die Segnung homosexueller Menschen, die für sich einfach feststellen müssen, dass sie eben nicht zu einer heterosexuellen Partnerschaft befähigt sind; das gemeinsame Mahl mit unseren evangelischen Schwestern und Brüdern, weil es eben nicht um Gleichheit, sondern um die Einheit geht, die wir in Christus schon besitzen; oder die freie Lebenswahl für all diejenigen, die auch das höhere, also das priesterliche Amt in der Kirche anstreben, weil auch und gerade Menschen, die in einer Liebesgemeinschaft leben dürfen, die priesterliche Verkündigung des Evangeliums gut und sichtbar anvertraut werden kann.

Vergessen wir nie: Wir stehen erst am Anfang eines noch sehr, sehr langen Weges, der sich aber nur lohnen kann und wird, für die Menschen und die Kirche allgemein!

Rainer Maria Schießler