Ein Mord im Verhandlungssaal, unter den Augen der Richter. Klingt wie der Plot eines Fernsehkrimis. Aber genau das wäre vergangene Woche im Hamburger Landgericht passiert, wenn sich nicht der Staatsanwalt, die Anwälte und mehrere Zuschauer einem hochaggressiven Angeklagten entgegengestellt und damit das Leben von Marina Ö. gerettet hätten – nachdem die Behörden alle Warnsignale ignoriert hatten.

Hamburger Landgericht, Saal 183, Dienstag, 10 Uhr. Berufungsverfahren gegen Chris Z., 39. Im vergangenen Sommer wurde er wegen gefährlicher Körperverletzung und Bedrohung zu einem Jahr und vier Monaten Haft verurteilt. Der Angeklagte soll seiner Ex-Freundin mit Mord gedroht, sie geschlagen, ihre Wohnung verwüstet haben. Sie hat Angst, im ersten Verfahren erschien sie einmal nicht zur Verhandlung. Chris Z. hat bereits einen Menschen ermordet und zwölf Jahre im Gefängnis gesessen.

Gut eine halbe Stunde spricht Marina Ö., unsicher, mit piepsiger Stimme, als Chris Z. plötzlich über den Tisch springt, sie vom Stuhl zerrt und würgt. Sie schreit. Der Staatsanwalt springt auf, die Anwälte, einige Zuschauer auch. Es ist schwer, im Tumult den Überblick zu behalten. Die Helfer reißen an den Armen und Schultern des Angeklagten, er würgt sein Opfer weiter, schleift die Frau durch den Saal. Endlos scheinende Momente später ist Marina Ö. frei, sie flieht aus dem Raum, Chris Z. versucht noch, ihr hinterherzukommen, dann wird er überwältigt. Und zwar nicht von den Sicherheitskräften, die einzige Justizbeamtin im Saal war hilflos. Es waren der Staatsanwalt, die Anwälte und ein Freund von Marina Ö., die Chris Z. stoppten. Auch die zwei Brüder des Angeklagten griffen in die Tumulte ein, in welcher Rolle, war schwer auszumachen und ist auch im Nachhinein schwer zu klären.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 7 vom 9.2.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Wie kann das passieren? Ein als extrem gewalttätig bekannter Mann sitzt bei seinem Prozess fast unbewacht im Landgericht. Mehr noch: Wie sich später herausstellte, gelang es ihm, eine Rasierklinge und eine angespitzte Zahnbürste aus dem Gefängnis einzuschmuggeln.

Justizsenator Till Steffen (Grüne) ist in Erklärungsnot. Am 24. Februar beschäftigt sich der Justizausschuss der Bürgerschaft mit dem Fall. Die Präsidentin des Landgerichts, Sibylle Umlauf, hat die Justizbehörde ausdrücklich um Aufklärung gebeten. Parallel prüft die Staatsanwaltschaft, ob es "Versäumnisse" gab. Das ist die Formulierung, die Sprecherin Nana Frombach für die Ermittlungen gewählt hat und die allen Zeuginnen und Zeugen nur zynisch erscheinen kann. Wie sollte so etwas geschehen können, ohne dass es Versäumnisse gab?

Marina Ö. hatte Angst, gegen ihren Ex-Freund auszusagen. Aus der Untersuchungshaft hat er ihr Drohbriefe geschrieben. Ein Justizsystem, das das Verbrechensopfer erneut mit ihrem Peiniger konfrontiert, muss sie vor ihm schützen.

"Mit einem gezielten und bewaffneten Angriff hat hier niemand gerechnet", sagt Gerichtssprecher Kai Wantzen. Das ist erstaunlich – angesichts der Vorgeschichte des Angeklagten.

2002 erschießt Chris Z. den neuen Lebensgefährten seiner damaligen Ex-Freundin. Aus Eifersucht. Kaum aus dem Gefängnis entlassen, kommt er 2015 mit Marina Ö. zusammen. Beide gehören damals der Drogenszene an, die sich am S-Bahnhof Holstenstraße in Altona trifft. Nach wenigen Wochen trennt sie sich von ihm. Einige Tage später, am 20. Dezember 2015, passt Chris Z. sie an der Holstenstraße ab. Er schlägt ihr ins Gesicht. "Willst du, dass ich wieder durchdrehe? Du weißt, warum ich im Knast war", brüllt er. Dann fährt er zu ihrer Wohnung in Billstedt, bricht die Tür auf, verwüstet alles. Auf die alarmierten Polizisten geht er mit einem Messer los, das Pfefferspray, das die Beamten ihm ins Gesicht sprühen, scheint er nicht einmal zu spüren, erst zwei Schüsse ins Bein stoppen ihn.