Natürlich ist es interessant, was Lady Gaga zu Donald Trump zu sagen hat, wenn sie beim Super Bowl im Glitzerkostüm auftritt, nämlich Folgendes: Freiheit und Gerechtigkeit für alle! Dagegen kann niemand etwas haben. Das Problem an dieser behaglichen Form der Trump-Kritik ist, dass einem darüber andere Dinge entgehen. Zum Beispiel der unaufhaltsame Aufstieg von Marine Le Pen in Frankreich.

Sie kann die Wahl im Mai gewinnen, was die deutsche Öffentlichkeit mit vollständiger Leidenschaftslosigkeit zur Kenntnis nimmt. So wie man in Seelenruhe mit 150 km/h auf eine Wand zufährt. Wird schon schiefgehen.

Zwei Methoden der Selbstberuhigung gibt es. Die erste geht so: Man glaubt fest daran, dass Le Pen nicht gewinnen kann. Umfragen sehen sie im ersten Wahlgang vorn, in der Stichwahl aber fliegt sie raus. Allerdings ist es nicht nur abenteuerlich, sich nach dem Jahr 2016 noch auf Umfragen zu verlassen. Der Fall Fillon zeigt auch, wie dünn der Faden ist, an dem alles hängt: Vor Kurzem noch Hoffnung der Konservativen, am Montag musste er die Franzosen um eine zweite Chance bitten, weil sich der Verdacht erhärtet, er habe Gelder veruntreut.

Und, ja, Emmanuel Macron ist sehr sympathisch. Die Kampagne des liberalen, unabhängigen Kandidaten reißt mit, aber sie hat auch etwas Selbstgestricktes. Macron ist keine 40 und hat alle gegen sich, nämlich beide etablierten Parteien sowie WikiLeaks-Gründer Julian Assange. Der hat schon damit gedroht, er habe kompromittierendes Material. Was auch immer es ist: Der Wettkampf zwischen Macron und Le Pen ist ungleich. Ihm wird der kleinste Fehler schaden, ihr kann nichts etwas anhaben. Le-Pen-Anhänger wollen den Umsturz, Details sind egal. Gespräche verlaufen ungefähr so:

Le-Pen-Anhänger: Das Beste an ihr ist ihre Aufrichtigkeit.

Einwand: Hat sie nicht gerade das EU-Parlament um Steuergelder betrogen?

Le Pen-Anhänger: Irgendwas ist immer.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 9.2.2017.

Zweite Methode der Selbstberuhigung: Man denkt, Le Pen könne gewinnen, sei aber so schlimm gar nicht. Zum Beispiel leugne sie nicht den Holocaust wie ihr Vater. Das stimmt. Doch es heißt nicht, dass sie nicht alles in Schutt und Asche legen wollte. Jedem, der ab und zu nach Frankreich reist, sei empfohlen, eine ihrer öffentlichen Wahlkampfveranstaltungen zu besuchen. Dort kann man erleben, wie sie den Frust Tausender anfeuert. Man muss kein Französisch können. Es reicht, auf sich wirken zu lassen, wie der ohrenbetäubende Sprechgesang anhebt, sobald Le Pen versichert, kriminelle Ausländer auszuweisen, und dabei eine Handbewegung macht, mit der man Hunde verjagt.

Leute mit Talent zur Verdrängung können noch dagegenhalten: Nicht schön, aber jeder, wie er will, und delinquente Ausländer müssen echt abgeschoben werden. Doch sollte man sich nicht täuschen lassen. Le Pens Ideologie treibt sie in ein radikales Projekt: Frankreichs Ausstieg aus Nato, Euro und EU.

Für Deutschland ändert sich dann alles. Wenn Frankreich in eine Bankenkrise gerät, weil die Leute ihr Geld ins Ausland schaffen, wenn die Kaufkraft schlagartig sinkt – die Deutschen werden davon betroffen sein.

Und es wird das Ende der deutsch-französischen Freundschaft sein. Was ist deutsch-französische Freundschaft? Schüleraustausch und Städtepartnerschaften? Offiziöse und zugleich sentimentale Reden zu Feiertagen? Auch. Aber es gibt noch andere Beispiele. 2003 konnten die Deutschen beim Nein zum Irakkrieg bleiben, weil die Franzosen auf ihrer Seite waren. Die Sanktionen gegen Russland wären 2014 ohne Frankreich nicht möglich gewesen.

Ein Muster ist erkennbar: Sind Großmächte im Spiel, ist es gut, wenn der Nachbar zumindest dem Prinzip nach solidarisch ist, vor allem wenn dieser über das Militär verfügt, das man selbst nicht hat. Eine Präsidentin Le Pen aber wird sich dem Prinzip nach mit Trump und Putin bestens verstehen und gegen alles sein, was in Deutschlands Interesse liegt, vor allem wenn die Königin der Flüchtlinge weiterregieren sollte. Laut Le Pen ist Deutschland nämlich schuld am Unglück Frankreichs.

So ärgerlich das sein mag, es ist ein bisschen zu spät, sich zu beklagen, dass Aufwiegler jetzt die Themen vorgeben. Wo sind die Antworten der Deutschen? Wo die Vorschläge derer, die Europa nicht zerstören wollen? Fassungslos schaut man auf den Trash-Populisten Trump. Gleich nebenan siegt gerade die Demagogie auf Weltniveau.

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