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Wenn Jehuda Teichtal vor seinem Kleiderschrank steht, hat er nicht die freie Wahl. Als orthodoxer Rabbiner kann er sich nicht aussuchen, wie jüdisch er aussehen möchte – er muss. Der Vollbart, der schwarze Anzug, die schwarze Kippa und darüber ein breitkrempiger Filzhut, der Borsalino, sind für Teichtal und seine Glaubensbrüder, die Lubawitscher Juden, obligatorisch. Die Kippa unter einer Baseballcap zu verstecken, wie es angeblich immer mehr gläubige Juden in manchen Gegenden Berlins tun, das kommt für Teichtal nicht infrage.

Wir sind auf der Sonnenallee in Neukölln verabredet. "Arabischer" als diese Straße ist kaum eine in Berlin. Halal-Fleischereien gibt es da neben Hochzeitsgeschäften, die Nikabs im Schaufenster zeigen; libanesische Cafés konkurrieren um den besten Hummus. Von "No-go-Areas" oder "Problemvierteln für Juden" in Berlin spricht der Zentralrat der Juden schon seit einer ganzen Weile, und damit dürften wohl vor allem Straßen wie die Sonnenallee gemeint sein. Über die Frage, wie gefährlich es ist, sich dort zu erkennen zu geben, ist in der jüdischen Gemeinde heftiger Streit entbrannt. Wir wollen es testen.

Rabbi Jehuda Teichtal, 44 Jahre alt, erscheint zum Treffen mit der elektrisierten Vergnügtheit, die für Lubawitscher Juden zum Glauben dazugehört wie der Borsalino. Die orthodoxe Gruppierung, die vor 250 Jahren in dem Ort Lubawitsch in Weißrussland entstand und mittlerweile in rund 70 Ländern präsent ist, feiert ihre Gottesliebe gern extrovertiert – mit ekstatischem Tanz, mit Singen und Klatschen. Diesen Winter, als Heiligabend und der Beginn des jüdischen Lichterfests Chanukka auf einen Tag fielen, hat Teichtal vor dem Brandenburger Tor einen riesigen neunarmigen Leuchter entzündet und überall in der Stadt kleine Lichter. Nur nicht in Neukölln.

Zur Begrüßung deutet Teichtal eine kleine Verbeugung an – er darf Frauen nicht die Hand geben. "Manche sagen, mit Jüdischem in Berlin soll man lieber zurückhaltend sein", sagt er. "Aber das leuchtet mir überhaupt nicht ein. Wir sind da! Und das ist doch schön!" Mit federnden Schritten bewegt er sich durch die Menschenmenge. An der Ecke Weichselstraße gehen wir an einem kaum achtjährigen Jungen vorbei, der eine Elektrozigarette raucht. Niemand beachtet ihn. Gleich hinter ihm kommt eine Frau in einem orangen Turban, die sich ein altes Transistorradio ans Ohr hält, aus dem in voller Lautstärke Im Wagen vor mir fährt ein junges Mädchen dröhnt. Auch nach ihr dreht sich kein Mensch um. Aber den orthodoxen Juden, den scheinen alle zu sehen.

Die meisten gehen stumm vorbei. Aber in der Dreiviertelstunde, die wir auf der Straße unterwegs sind, kurbeln zweimal Leute ihre Autofenster herunter und brüllen dem Rabbi etwas hinterher. Yahoud, "Jude", ist das einzige Wort, das man im Straßenlärm versteht. Zwei jüngere Männer gehen an ihm vorbei, der eine dreht an seiner Gebetskette. Sie sagen nichts. Doch ihre Blicke sind eisig. Ein Mann rempelt Teichtal an, eine Frau spuckt im Vorbeigehen auf die Straße – ob aus Versehen oder mit Absicht, ist beide Male nicht ganz klar. Leute hupen an der Ampel, grinsen ihn an, fühlen sich gedrängt, seine Gegenwart irgendwie zu kommentieren.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 9.2.2017.

Das hier ist sicher keine No-go-Area, niemand bedroht den Rabbiner mit physischer Gewalt. Aber es fühlt sich alles nicht gut an, nicht selbstverständlich. Mit einem Fotografen zur Linken und einer Reporterin zur Rechten – es wirkt, als müssten wir ihn schützen, was Teichtal weit von sich weist. "Gott schützt mich", sagt er nur. Alles Fröhliche ist inzwischen aus seinem Gesicht gewichen. Morgens, als er das Haus verließ, um sich auf den Weg zu machen, hat ihn seine Frau Leah noch gefragt: "Muss es Neukölln sein?" Sie hatte Angst. Teichtal erzählt es beiläufig. Er ist trotzdem gekommen.

Es ist eine Sache, über Antisemitismus in der Zeitung zu lesen – aber eine komplett andere, mit dem eigenen Körper den Hassgefühlen fremder Leute ausgeliefert zu sein. Teichtal hat ein breites, freundliches Gesicht, wache Augen über dem vollen Bart. "Ich komme aus New York", sagt er, mit einem knödeligen Brooklyn-Akzent. "Dort habe ich niemals so ein Gefühl gehabt wie hier auf der Straße. Es kann doch nicht sein, dass ich Angst haben muss, hierherzukommen! Dass ich Angst um meine Kinder haben muss! Das ist doch nicht normal!"

Teichtal stammt aus einer Familie mit 13 Kindern, wie bei Lubawitschern üblich. Er selbst hat sechs. Seine Familie hatte 500 Jahre lang in Deutschland gelebt, bis die Nazis kamen – nur sein Großvater hat den Holocaust überlebt. Yehuda Teichtal ist vor 20 Jahren mit seiner Frau nach Berlin gezogen, weil der oberste Lubawitscher Rabbiner, Menachem Mendel Schneerson, ihn damit beauftragt hat, hier wieder für jüdisches Leben zu sorgen.