Die Politikwissenschaft ist inhaltsleer und irrelevant, sagt der Politikwissenschaftler Carlo Masala.

Alles ist politisch – nur die deutsche Politikwissenschaft nicht. Ihr droht die Degenerierung zu einer Randdisziplin. Die Nachricht, dass das Fach auch in anderen Ländern (etwa in den USA) in der Krise ist, macht die Diagnose für den deutschen Fall nicht besser. Was sind die Symptome dieser Krise? Kurz: Die Politikwissenschaft entleert sich ihres Inhaltes – der Analyse des Politischen. Sie verliert so ihre gesellschaftliche Relevanz.

Auf den ersten Blick ist nicht alles schlecht. In den letzten 20 Jahren ist die deutsche Politikwissenschaft professioneller und internationaler geworden. Immer mehr deutsche Wissenschaftler veröffentlichen in renommierten Journals, sind auf den großen internationalen Fachkonferenzen prominent vertreten, und einige bestimmen auch den Fachdiskurs in ihren jeweiligen Subdisziplinen international mit. Doch der Preis dafür ist hoch. Er besteht in der Marginalisierung der Politikwissenschaft im öffentlichen Diskurs, in Deutschland, in Europa, weltweit. Politikwissenschaft als Forschungsdisziplin, die der Gesellschaft etwas zu sagen hat, spielt eine immer kleinere Rolle.

Die Professionalisierung und Internationalisierung hat zu einer anderen politikwissenschaftlichen Ausbildung an deutschen Universitäten geführt. Theoretische und methodische Kompetenzen werden zunehmend wichtiger, gebären aber zugleich ein extremes Spezialistentum. Die methodisch raffinierte Analyse der Verhandlungen zur Verabschiedung der europäischen Schokoladenrichtlinie (kein Witz!) wird dadurch wichtiger als der Versuch, große, politisch relevante Fragen zu beantworten: Wie kann eine zukünftige stabile europäische Sicherheitsarchitektur aussehen? Welche politischen Entscheidungen haben zum Erstarken des Rechtspopulismus geführt? Brennende Fragen, auf die aus der deutschen Politikwissenschaft kaum Antworten kommen.

Der Disziplin fehlt Mut! Zaghaft begibt man sich jahrelang in die theoretische Grundierung seiner Forschungsaspekte, zurrt sie methodisch fest und präsentiert sie auf einem halben Dutzend Konferenzen. An die Stelle großer Entwürfe – die sich notgedrungen auf unsicherem Terrain bewegen – tritt das Abschreiten sicherer Wege, um bloß die eigene akademische Karriere nicht zu gefährden. Denn eine peer reviewed publication ist eine peer reviewed publication: die wichtigste wissenschaftliche Währung, auch wenn sie von höchstens vier Fachkollegen zur Kenntnis genommen wird und in der Öffentlichkeit – zu Recht – niemanden interessiert.

Könnte es vielleicht sein, dass große Teile der deutschen Politikwissenschaft eine gesellschaftliche Relevanz sogar bewusst ablehnen? Die Nähe zu politischen Entscheidungsträgern gilt als nicht karriereförderlich. Wer policy papers schreibt, wer als Wissenschaftler bloggt, Kommentare in Zeitungen veröffentlicht, das Gespräch mit Politikern, Militärs oder Ministerialbeamten sucht, wer gar im Fernsehen (igitt!) auftritt, gefährdet seine akademische Laufbahn. Dahinter steht ein höchst problematischer Konstruktionsfehler des akademischen Selbstverständnisses. Denn die Politikwissenschaft beäugt die Öffentlichkeit nur aus dem geschützten Raum der Universität heraus – statt sich als genuiner Teil des politischen Lebens zu begreifen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 9.2.2017.

Wer sich äußert, macht sich angreifbar. Das gilt umso mehr in Zeiten digitaler Kommunikationsräume, die nicht zufällig als Echokammern bezeichnet werden. Viele Politikwissenschaftler aber haben nie gelernt, zu einem nicht akademischen Publikum zu sprechen. An die Stelle klarer Worte tritt bei ihnen eine Sprache der Verschleierung, die den Zuschauer und Zuhörer oftmals ratlos zurücklässt. Ein Interview, eine Talkshow, ein kurzer Gastbeitrag in einer Zeitung zwingen einen, die Wohlfühlzone fein ziselierter, nach allen Seiten abgesicherter Argumente zu verlassen. Das braucht Mut und Selbstvertrauen in die Relevanz des eigenen Faches.

Der Rückzug der deutschen Politikwissenschaft aus der Öffentlichkeit ist auch deshalb dramatisch, weil unsere Studierenden dieses Fach aus ebendiesem Grund nachfragen: weil sie Interesse an der realen Politik haben und von uns Hochschullehrern lernen wollen, wie sie Lösungen für politische Probleme finden. Die Politikwissenschaft hingegen betreibt eine Ausbildung, die primär darauf abzielt, Deutschlands zukünftige Professorengeneration heranzuziehen, in völliger Ignoranz der Tatsache, dass 95 Prozent unserer Studierenden später auf dem Arbeitsmarkt außerhalb des Elfenbeinturms eine Anstellung finden müssen. Sei es im Umfeld der Politik (als Mitarbeiter von Abgeordneten oder in der Ministerialbürokratie), sei es in den Medien oder in der Wirtschaft. Dafür brauchen sie aber zusätzliche, praktische Qualifikationen, die das Studium der Politikwissenschaft kaum vermittelt.

Wenn die Politikwissenschaft ein Interesse daran haben sollte, diesen selbst gewählten Weg in die Sackgasse zu verlassen, muss sie sich neu erfinden und ihre Ausbildung, ihre Karrierewege und ihre Anreizsysteme ändern. Das Studium muss endlich praxisnäher werden! Warum nicht, neben der klassischen Seminararbeit, das Verfassen kurzer Vorlagenpapiere (des berühmten Einseiters, den Minister lesen) oder das Redenschreiben üben? Auch für Promovierende und Postdocs sollten wir neue Wege öffnen. Nicht nur das Schreiben von Aufsätzen in Fachzeitschriften sollte über Mitarbeiterstellen und Professuren entscheiden, sondern auch die Vermittlung akademischen Wissens in die Gesellschaft und Politik. Berufungen, die unter bloßer Berücksichtigung des Social Science Citation Index oder von Google Scholar erfolgen, befördern nur die gesellschaftliche Randständigkeit unserer Disziplin.

Vor allem aber wünsche ich mir eine neue, mutige Generation deutscher Politikwissenschaftler, die nicht die sicheren Pfade der x-ten Anwendung einer bestimmten Theorie breittrampelt, sondern sich den großen und politisch relevanten Fragen zuwendet. Und wenn wir, die jetzige Professorenkohorte, die Jüngeren zu think big anhalten, müssen wir es auch aushalten, nicht nur hundertprozentig perfekte Ergebnisse zu bekommen. Das allerdings wäre allenthalben interessanter als die Suche nach "besseren" Statistiken, die uns dabei helfen sollen, unpolitische Epiphänomene zu beleuchten.