Kinder, die sich nicht mit Eltern herumschlagen müssen, findet man gern in zwei Arten von Büchern: Internatsgeschichten oder Abenteuerromanen, die in irgendeiner Art von Urlaubswelt spielen. Für Holly ist auch jeder Tag wie ein Abenteuer, allerdings ein wenig beglückendes, und Urlaub hat sie schon lange nicht mehr gemacht. Die 13-Jährige ist Vollwaise, der Vater starb, als sie sechs war, die Mutter fünf Jahre später. Ein bisschen wie im Ferienlager ist Hollys Leben trotzdem, denn sie lebt mit ihren beiden Brüdern zusammen. Jonathan, 20 Jahre, hat das Sorgerecht für Holly und den jüngsten der Geschwister, den siebenjährigen Davy.

"In Büchern leben ja viele Waisenkinder, aber im wirklichen Leben kenne ich nur mich", stellt Holly nüchtern fest, und so macht sie aus ihrem Leben eben ein weiteres Buch. Sollte die Erzählung holpern, möge man dies entschuldigen, es sei ihr erstes literarisches Werk. Holly erzählt in Eine Insel für uns allein also, wie sie und ihre Brüder in einer kleinen Wohnung über einem Frittenladen hausen, in einer nicht ganz so guten Gegend Londons. Wie versifft die Küche ist, weil das mit dem Spülen und Müllrausbringen und Aufräumen so lästig ist. Und wie ihr der Pony in die Augen hängt, weil sie lange nicht beim Friseur war. Sie schreibt davon, wie ihr großer Bruder aufs Studium verzichtet und stattdessen den ganzen Tag im Café jobbt. Wie er abends Geschichten für Holly und Davy erfindet. Und wie die Brüder sie sogar bei dem peinlichen Unterfangen begleiten, den ersten BH zu kaufen.

Wenn Eltern sterben, sagt man, müssten Kinder schnell erwachsen werden, was so richtig wie nichtssagend ist. Holly erklärt es so: "Wenn Mum richtig erwachsen war und Jonathan sagen wir zu drei Vierteln erwachsen ist, bin ich mindestens viertel-erwachsen. Vielleicht sogar halb." Es sind klare und schlichte Sätze, kindliche Gedanken, doch viele hallen nach.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 9.2.2017.

Die drei Geschwister sind eine eingeschworene und warmherzige Gemeinschaft, in der jeder Verantwortung übernimmt – für sich und die anderen. Erstaunlich gut kriegen sie ihr Leben auf die Reihe, wäre da nicht die ewige Sorge ums Geld. Kein Wunder, dass Holly alles in Bewegung setzt, als das Erbe einer steinreichen Tante winkt. Doch dazu gilt es, ein kompliziertes Rätsel zu knacken. Schlussendlich wird sogar ein Schatz gehoben, wenn auch nicht, so viel sei verraten, von den Geschwistern.

Die Autorin Sally Nicholls kreiert einen wilden Mix aus Abenteuergeschichte, Sozialdrama und Entwicklungsroman. Das klingt kühn, gelingt aber. Vor allem, weil Nicholls mit solcher Eindringlichkeit, Überzeugungskraft und Direktheit aus der kindlichen Perspektive erzählt. Diese Stimme war es, für die sie 2008 mit ihrem Debüt Wie man unsterblich wird international viel Lob bekam. Seitdem hat Nicholls zwar emsig geschrieben, verschiedene Genres und Themen ausprobiert, doch keins der Bücher überzeugte wie das erste. Mit Eine Insel für uns allein ist er – endlich! – wieder da, der besondere Nicholls-Ton.

Deshalb ist dies ein Buch, bei dem man sich mit leisem Widerwillen den letzten Seiten entgegenliest, weil man nicht möchte, dass die Geschichte endet. Nicholls hat mit Holly eine Figur geschaffen, die man gern noch ein wenig, oder auch ein wenig länger, begleiten würde.

Sally Nicholls: Eine Insel für uns allein. Deutsch von Beate Schäfer. dtv Reihe Hanser 2017; 216 S., 12,95 €; ab 10 Jahren