Nein, er war nicht auf Krawall aus. Wollte nicht pinselspitz das nächstbeste Tabu aufspießen oder irgendwelche Dogmen niederreißen. So aber wurde er gleich gesehen: als Störenfried, ordnungszersetzend und vermutlich unbelehrbar. Denn was wollte Sebastian Schrader? Er wollte malen.

Wollte malen, wie ein Adolph Menzel, der eine Eisenbahn durchs Bild stieben lässt und die Farben seiner Landschaft aufwühlt, als wären die Wiesen schäumende Meereswogen. Solche Bilder, mit Lust nach der Welt ausgreifend, schwebten Schrader vor. Was für ein Affront!

Als er 2000 sein Studium in Berlin begann, galt die Malerei vielen im Kunstbetrieb als furchtbar démodé, ja kleinbürgerlich. Er wurde damals, sagt Schrader, seltsam angeschaut. Viele rieten ihm, wenn er denn unbedingt figürlich malen wolle, dann doch die Menschen auf seinen Bildern irgendwie zu verwischen. So viel Abstraktion müsse sein.

Heute hat sich die Sittenstrenge im Kunstbetrieb etwas verloren, allerdings, auf den Großschauen der Gegenwartskunst kommt die Malerei weiterhin kaum vor. Es sei halt schwierig, gab der neue Documenta-Leiter Adam Szymczyk zu Protokoll, "mit Gemälden etwas Bedeutungsvolles auszudrücken, ohne dass es gleich reaktionär oder marktgerecht erscheint".

Ist Schrader reaktionär? Malt er marktgerecht?

Natürlich, er kennt die Zweifel, kennt die Angst, nur Abziehbilder von Abziehbildern zu produzieren, weil doch alles schon gemalt zu sein scheint. Aber eigentlich, sagt er, hat mich das nie gekümmert. Ob ein Werk nun besonders klug ist oder irgendwie innovativ, wen interessiert das?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 9.2.2017.

Schraders Bilder leben von seinem Freimut. Und dieser vor allem ist es, der seine Kunst weit hinaushebt über das, was in den deutschen Ateliers sonst üblich ist. Kaum ein anderer Maler seiner Generation geht so umsichtig und gewitzt ans Werk wie er. Der Markt allerdings wartet ab. Schrader hat seine Sammler, er hat die Galerie Reiter in Berlin, die gerade seine jüngsten Gemälde zeigt (bis zum 8. April; reitergalleries.com). Doch die Museen zögern, und so ist dieser erstaunliche Maler längst nicht so bekannt, wie er es mit 38 Jahren sein sollte.

Andere rutschen ab in die Beliebigkeit des Ungefähren (wie Daniel Richter) oder ersticken am eigenen Perfektionismus (wie Michael Triegel). Schrader aber hält die Balance, greift arglos nach der Geschichte, borgt sich bei Caravaggio die grellen Bühnenstrahler, von Ribera die gewittrigen Effekte. Nie aber blickt er verklärend auf die Tradition. Weder nostalgische Ehrfurcht noch billige Ironie treiben ihn an, eher zeigen seine Bilder eine Begeisterung fürs Malen selbst: für das Schimmern, Funkeln, Glitzern, das starke Spiel mit dem Licht. Auch für das Hingetropfte, Abgewischte oder eine technisch virtuose Mimesis, für all die Möglichkeiten von Pinsel und Spachtel. Und natürlich für die Stimmungen, die ein guter Maler heraufbeschwören kann, von Melancholie bis bierseligem Überschwang.

Ein ernster Unernst durchzieht viele seiner Gemälde, so auch die Probe, auf dem einige Freunde das klassische Motiv der Kreuzabnahme nachstellen, sie üben sich in Nachempfindung, nur dass sie die Uniform der Gegenwart tragen, Sneakers und Kapuzenhemd. Eine Probe ist dieses Bild aber auch, weil Schrader hier viele Maltechniken durchspielt und es so offenporig hält, dass man das Gefühl hat, der Künstler werde vor unseren Augen gleich daran weiterarbeiten.