Es ist ein merkwürdiges Gefühl, als die Lichter von Cartagenas kolonialer Altstadt langsam in der schwarzen tropischen Nacht verschwinden. Als wir die alten spanischen Befestigungsanlagen auf der Isla de Tierra Bomba passieren, die in der Hitze vor sich hin schimmeln, und dann nur noch dunkle Wellen da sind, dunkles Meer und dieses kleine, weiße Segelboot. Ein Gefühl wie in der Kindheit, als man auf dem Rummel in die Schiffsschaukel stieg und schon beim Start merkte, dass man nur noch rausmöchte, aber nicht kann.

Meine Toleranz für wilde Schaukelbewegungen war noch nie besonders hoch. Als Sechsjähriger hätte ich meinem Vater im Hansa-Park mal beinahe in den Schoß gekotzt. Nur hatte ich das irgendwie erfolgreich verdrängt. Jetzt wird mir schon kurz nach Verlassen des Hafenbeckens mulmig in der Magengegend.

Vor mir liegen fünf Tage auf diesem Schiff, einem sogenannten Backpacker-Segler. Die Boote werden hier so genannt, weil fast nur Rucksacktouristen auf ihnen mitfahren: kleine Segelschiffe, 10 bis 15 Meter lang, die zwischen Cartagena in Kolumbien und Portobelo in Panama verkehren und zwischendurch die San-Blas-Inseln anlaufen – eine Gruppe von gut 350 Inselchen im Karibischen Meer.

In Cartagena legt im Sommer fast jeden Tag ein Backpacker-Segler ab. Die Kapitäne sind häufig Aussteiger, Männer und Frauen aus Belgien, Argentinien, Polen, Deutschland, Frankreich und Schweden, die früher als Designer, Menschenrechtsanwälte oder Frachtschiff-Offiziere gearbeitet haben. Jetzt segeln sie das ganze Jahr durch die Karibik und finanzieren sich mit den Backpacker-Touren ihr Leben in den permanenten Sommerferien. Unser Kapitän hingegen ist erst Anfang 20. Er kommt aus Spanien, hat als Teenager Sardinen im Mittelmeer gefischt, was, wie er sagt, "eine richtige Scheißarbeit war", und ist nun heilfroh, in der Karibik herumschippern zu dürfen.

Am Ende war der Trip vor allem Jonas’ Idee. Jonas und ich kennen uns jetzt seit zwei Jahrzehnten, sind auch fast genauso lange befreundet und machen regelmäßig zusammen Urlaub. Diesmal wollten wir eigentlich drei Wochen durch Kolumbien reisen. Aber dann gingen wir in Cartagena an einem Laden vorbei, der Segeltrips vermittelt. Da waren all diese Katalogbilder von Korallenriffen und bunten Fischen, von weißen Stränden mit Palmen und vom Stamm der Kuna, den Bewohnern der San-Blas-Inseln: Die meisten von ihnen sind Nomaden, die von Insel zu Insel ziehen, immer den Fischen hinterher.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 9.2.2017.

Wenn Jonas eine Schwäche für etwas hat, dann sind es Inseln mit Karibik-Flair. Und ich selbst bin überhaupt noch nie auf einer gewesen. Das Paradies lag 550 US-Dollar entfernt; die Entscheidung war schnell gefallen.

Nur: Wenn Jonas und ich gemeinsam Urlaub machen, wird es eigentlich immer unbequem. Wir haben in Kroatien bei Sommerhitze im Auto geschlafen, ohne Dusche, ohne Toilette. Im australischen Perth haben wir auf einer Wiese im städtischen Park übernachtet. Und als wir jetzt an Bord gehen, beschleicht mich eine Vorahnung, dass auch dieser Urlaub ungemütlich wird.

Unser Boot ist die Amande 2, ein Einmaster mit einem kleinen Motor. An Bord sind zwei hydraulische Toiletten, die sich zwölf Leute teilen und neben denen sich nach kurzer Zeit benutztes Toilettenpapier in kleinen Mülleimern stapelt. Es gibt eine Küche mit einem schwingenden Herd, auf dem der argentinische Bordkoch selbst dann noch Fischreis kochen kann, wenn das Boot zwei Meter auf und ab schwankt. Und sechs winzige Kabinen, in denen wir immer zu zweit auf leicht zu säubernden Plastikmatratzen schlafen werden – eine kleine Backpacker-WG aus zu vielen Menschen auf zu wenig Raum.

Die WG, das sind ein Engländer, zwei Kanadier, eine Australierin, eine Dänin, ein argentinisches Pärchen und zwei deutsche Abiturientinnen – dazu Jonas und ich. Fast alle sind gerade auf monatelangen Trips durch Lateinamerika, fast alle haben keinen Job und keine Ahnung, was sie machen wollen, wenn das Langzeiturlaubsleben vorbei ist. Die einzigen Ausnahmen sind Jonas, der seine eigene Firma hat, und das argentinische Paar. Sie: Anwältin, verteidigt in Buenos Aires Mörder und Vergewaltiger. Er: junger Hotelbesitzer.

Sie dachten, sie würden einen romantischen Segeltrip buchen – was sich nun mit Blick auf die hydraulischen Toiletten, die Enge und den ziemlich heftigen Seegang als Irrtum herausstellt.

Je weiter wir uns von der Küste entfernen, desto höher bäumt sich das Meer auf. Weil der Wind zu schwach zum Segeln ist, fahren wir mit Motor und pflügen im rechten Winkel durch die Wellen. Das Boot steigt auf, sinkt ab, es rollt nach links und rechts im Rhythmus der mehr als zwei Meter hohen, graublauen Wasserberge. Je länger wir unterwegs sind, umso schlimmer fühlt es sich an.