Was haben sie in Stuttgart nicht schon alles probiert, um Deutschlands dreckigste Straße vom Feinstaub zu befreien: eine Spezial-Kehrmaschine angeschafft, die Fahrbahn mit einem Kleber aus Calcium-Magnesium-Acetat besprüht, ein variables Tempolimit eingeführt, die Ampelphasen optimiert, für den Umstieg auf Bus und Bahn und den Verzicht auf Kaminöfen geworben. Aktuell: Ein Fahrverbot für Diesel-Autos.

Nichts scheint das Problem wirklich zu lösen. Seit Beginn der europaweit vorgeschriebenen Schadstoffmessungen im Jahr 2005 sorgt das Stuttgarter Neckartor in steter Regelmäßigkeit für den deutschen Dreck-Rekord. Zwar sinkt die Feinstaubbelastung seit einigen Jahren, doch auch 2016 wurde der Grenzwert noch an 63 Tagen überschritten. Erlaubt sind 35.

Jetzt wollen das grün regierte Land Baden-Württemberg und seine grün regierte Hauptstadt testen, ob sie des Feinstaubs mit Begrünung Herr werden können. An der Westseite der sechsspurigen Haupteinfallstraße wird eine hundert Meter lange mannshohe Wand errichtet, auf der Moos wächst, das erste kleine Stückchen steht schon. Die Hoffnung: Mit seinen bis zu fünf Millionen winzigen Blättchen pro Quadratmeter soll das Moos Feinstaub einfangen und zu Biomasse verarbeiten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 9.2.2017.

Die Idee ist vor zehn Jahren in einem Biologielabor der Universität Bonn entstanden. Dort zeigten Moospolster enormen Feinstaubhunger. "Wie ein Mikrofaser-Staubtuch" würden die Pflanzen die Mikropartikel anziehen und nicht wieder hergeben, berichtete der inzwischen verstorbene Bryologe (Moosforscher) Jan-Peter Frahm damals begeistert. "Sie nehmen den Staub über ihre Blätter auf und verdauen ihn." Entscheidend sei allerdings die richtige Feuchte. Trockenes Moos verliere den Appetit, zu nasses ebenfalls.

Aber ob die biologische Feinstaubverdauung auch außerhalb des Labors funktioniert? Bis heute weiß das niemand. Zwar gab es Tests an einigen westdeutschen Autobahnabschnitten, allerdings hat nie jemand echte Messungen angestellt. Bauingenieure der Uni Stuttgart wollen das jetzt nachholen. Im Handel gibt es das Moos wie Rollrasen auf einer Polyestermatte, die dann auf eine Aluwand geschraubt wird. Eine halbe Million Euro lassen Stadt und Land für die Forschung springen.

"Eine zehnprozentige Feinstaubreduktion wäre schon ein großer Erfolg", meint Jan Knippers, der für den Versuch verantwortlich ist. Interessant wird auch die Frage, ob die Moosmatten den Sommer im heißen Stuttgarter Kessel überleben. "Das Stadtklima ist ein extremer Stress für Moose", sagt der Botaniker Martin Nebel. Über der bemoosten Aluwand könnte zwar eine Sprinkleranlage installiert werden, doch das wäre teuer.

Ein erstes Teststück steht, nun startet in Stuttgart der Aufbau einer kompletten Mooswand. © Marijan Murat/dpa

Kurzfristige Jubelmeldungen wird diese Aktion allerdings nicht produzieren. Erst wenn im März 2018 die Messergebnisse eines ganzen Jahres ausgewertet sind, wird man wissen, was die Methode bringt und wie teuer sie ist. Und selbst wenn die Antworten positiv ausfallen, wird es viele weitere Monate dauern, die Problemstraße auf voller Länge zu "vermoosen". Doch Zeit ist knapp in Stuttgart. Denn an gleich drei Fronten steckt Deutschlands Feinstaubhauptstadt in juristischen Kalamitäten.

Im Rahmen eines Vertragsverletzungsverfahrens, das die EU gegen Deutschland führt, muss die Landesregierung bis August eine überzeugende Neufassung ihres Luftreinhalteplans vorlegen, sonst drohen hohe Strafzahlungen. Parallel hat die Deutsche Umwelthilfe Baden-Württemberg auf Einhaltung der Grenzwerte verklagt, das Gericht erwartet bis zum 15. Februar eine Stellungnahme. Und gegenüber einem Neckartor-Anwohner hat sich das Land in einem Vergleich vor dem Verwaltungsgericht verpflichtet, ab Januar 2018 den Verkehr auf der Einfallstraße an Tagen mit Feinstaubalarm um mindestens 20 Prozent zu reduzieren.

Mit freiwilligem Autoverzicht wird sich diese Auflage nicht erfüllen lassen. Das zeigt die Erfahrung mit dem Feinstaubalarm, der seit Anfang letzten Jahres bei austauscharmer Wetterlage für den Stuttgarter Kessel ausgerufen wird. Trotz inständiger Bitten, großformatiger Warntafeln und des Angebots, Bus und Bahn mit einer billigen Kinderkarte nutzen zu können, ging der Verkehr am Neckartor nur um zwei bis sieben Prozent zurück.

Das neue Stuttgarter Feinstaubjahr hat besonders schlecht begonnen. Vom 16. bis 30. Januar musste die Stadt den bisher längsten Feinstaubalarm ausrufen. Seit letzter Woche gilt an Alarmtagen nun auch ein Verbot für das Anfeuern von Kaminöfen in Wohnungen mit Zentralheizung. Ob es wirkt, wird sich nicht nur am Messcontainer am Neckartor ablesen lassen. Auch der Straßenrand ist künftig ein Schadstoff-Indikator, zumindest mittelfristig. Denn wo viele Moose wachsen, sagt der Botaniker Martin Nebel, stimmt die Luftqualität: "Dort geht es auch den Menschen gut."