Am vergangenen Freitag, schon vor dem offiziellen Erscheinungstag des Spiegels, rief ein geschockter New Yorker Chefredakteur in der Nacht an. Was ich denn von dem Cover hielte, wo Donald Trump den IS-Killer gibt, den Splatter-Artisten, der in der einen Hand das blutige Messer, in der anderen das abgesäbelte Haupt der Lady Liberty hält.

Mir fiel als Rettung nur der ironische Verweis auf einen früheren Titel ein, wo ein gigantischer Meteor mit Trump-Gesicht auf unseren todgeweihten Planeten zustürzt. "Take it easy", beruhigte ich den Kollegen. "Vor vier Wochen war Trump noch der Weltenmörder; jetzt köpft er nur noch die Freiheitsstatue." Das Böse ist nun eine Nummer kleiner, sozusagen.

"Die Welt ist aus den Fugen", würde Hamlet sinnieren, und die Heutigen fragen: Sind alle Maßstäbe verrutscht? Dass Trumps Koordinatensystem aus einer Parallelwelt entstammt, lässt sich täglich belegen. Er schlägt auf Minderheiten und Verbündete ein. Er beleidigt und verhöhnt. Er rüttelt an der Weltordnung "Made in USA". Er füßelt mit Brutalos wie Wladimir Putin und trampelt auf Freunden wie Deutschland und Australien herum. Er beschimpft und bedroht konservative Bundesrichter, die es gewagt haben, seinen Einreisestopp für Muslime aufzuheben.

All diese Todsünden gegen die westliche Werte- und Verfassungsordnung beantworten aber nicht die Frage, wie wir, die wir uns gern als "Vierte Gewalt" rühmen, mit diesem blonden Möchtegern-Mussolini umgehen sollten. Die Logik der Aufmerksamkeitsökonomie liefert eine nur scheinbar plausible Antwort: Wer im Zeitalter der Nachrichten-Tsunamis nicht absaufen will, muss den Kick immer weiter hochfahren. Die Sensation – gefakt, infam oder manipulativ – muss in immer größeren Dosen produziert werden.

Donald Trump hat daraus eine unsäglich erfolgreiche Kunstform gemacht. Müssen es ihm die Medien, die Twittokraten in gleicher Münze heimzahlen? Wie du mir, so ich dir, nur doppelt und dreifach? Bei kühler Betrachtung, nein. Machen wir eine Bilanz auf. Trumps Heerscharen werden sich bestätigt sehen: So ist die "Lügenpresse", geifernd und gemein in ihrem Hass und ihrer Verlustangst. Trumps Hardcore-Feinde werden jubeln: Jetzt kriegt er ab, was er selber austeilt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 9.2.2017.

Diese beiden Lager haben sich hinter Wällen verschanzt, die nur die genehmen Informationen durchlassen; das Konträre dringt nicht durch. Die unbekehrte Masse dazwischen? Sie wird mit Blick auf die Kampfpresse links und rechts zwischen Ekel und Abhärtung schwanken: Was können wir denen noch glauben? Diese "Marktlage" ist – oder sollte sein – die Chance für die Qualitätszeitungen der linken und rechten Mitte. Die sollen ruhig ihre Meinung zu Markte tragen, aber so, wie es der Reporter der Washington Post, David Fahrenthold, gerade formuliert hat: "Trump darf uns nicht dazu verleiten, unsere Standards zu missachten."

Prinzipiell ausgedrückt: Je mehr Wahnsinn durch das Web tobt, desto mehr wächst die Sucht nach Verlässlichkeit und geprüften Fakten. Die ersten Zahlen besagen, dass die großen Blätter Amerikas seit November Rekordzuwächse registrieren, vorweg im Digitalen. Daraus darf man schließen: Trump ist gut für die Qualitätsmedien, und die sind gut für die liberale Demokratie, die heute ihre ärgste Herausforderung seit den Dreißigern bestehen muss.