Wer auf die Selbstheilungskräfte bei Volkswagen gesetzt hat, wird gerade bitter enttäuscht. Da wird die hochgelobte Vorstandsfrau für Integrität nach nur einem Jahr wieder rausgeekelt, da rückt Vorstandschef Matthias Müller entgegen seinem Versprechen den Bericht der Anwaltskanzlei Jones Day zur Dieselaffäre nicht heraus. Da wird der ehemalige Vorstandschef Martin Winterkorn von der Staatsanwaltschaft des Betrugs verdächtigt, und Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch duckt sich weg. Da schickt Müller die EU-Verbraucherschutzkommissarin wieder nach Hause, ohne ihr auch nur eine symbolische Geste zur Kompensation dafür zuzusagen, dass VW in Europa 8,5 Millionen Kunden täuschte.

Es ist offensichtlich: Die neue Führung, die nach dem Dieselskandal angetreten ist, um gründlich aufzuklären, wird ihrer Aufgabe nicht gerecht. Statt entschieden zu handeln, sitzt man in Wolfsburg die Probleme einfach aus.

Dabei hagelt es, 16 Monate nachdem US-Behörden die betrügerischen Manipulationen an Diesel-Modellen des Konzerns publik machten, immer noch Klagen gegen die unglaublichen Betrügereien, die in Wolfsburg konsequent schönfärberisch "Diesel-Thematik" genannt werden.

Dass Volkswagen kürzlich die Wiedergutmachung in Amerika abgeschlossen hat, ändert wenig am desolaten Bild. Mit sagenhaften 22 Milliarden Dollar an Schadenersatz und Strafen hat sich der Konzern dort bei gut einer halben Million Kunden und den Behörden freigekauft. Die opulenten Entschädigungen für Kunden in den USA steigern nur die Verbitterung in Europa. Hier sollen sich betroffene Diesel-Eigner mit der "Reparatur" ihres manipulierten Autos begnügen. Vielleicht ist ja noch eine Wagenwäsche drin.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 9.2.2017.

Es reicht einfach nicht, dass sich die nach dem Skandal eingesetzten neuen Spitzenleute Müller und Pötsch bei den getäuschten Kunden entschuldigen. Sie müssen handeln.

Besonders ärgerlich ist, dass sich Volkswagen weigert, den Untersuchungsbericht der eigens ins Unternehmen geholten Expertenkanzlei Jones Day zu veröffentlichen. Versprochen war das schon für April 2016. Dann wollte man auf die Einigung mit den US-Behörden warten. Die ist jetzt da. Doch anstatt Wort zu halten, verweist Wolfsburg darauf, dass die Erkenntnisse des Berichts irgendwo in ein Statement auf der Internetseite des US-Justizministeriums zu sehen sind. Eine Zumutung.