War es nun eine Sensation oder nicht? In einem offenen Wort gaben Deutschlands Bischöfe in der vergangenen Woche der Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene ihren Segen. Die Süddeutsche Zeitung sprach daraufhin enthusiasmiert von der "katholische Mondlandung": "Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein riesiger Sprung für die Menschheit." Ausgerechnet auf Katholisch.de, dem Internetportal der katholischen Kirche in Deutschland, wollte man die Begeisterung nicht teilen: "Eine Revolution war aus der Bischofskonferenz nicht zu erwarten." Ja, was denn nun?

Genau genommen begann die Revolution in Rom. Vor einem Dreivierteljahr veröffentlichte Papst Franziskus sein postsynodales Schreiben Amoris laetitia. Darin schaffte er nicht nur den automatischen Sakramententzug für Menschen in "irregulären Lebenssituationen" ab, sondern stärkte auch die Gewissensfreiheit des Einzelnen gegen das Lehramt, ohne dessen Primat infrage zu stellen – eine dialektische Übung für Fortgeschrittene, mit der der Papst ungeschmeidige Geister in seiner Kirche schwindelig schrieb.

Mit ihrem Wort führen die Bischöfe die Revolution nun offiziell in Deutschland und damit im Kerngebiet des sich entchristlichenden Abendlands ein. Da macht es nichts, dass das Papier ein Kompromiss ist, von dem selbst der als Traditionalist geltende Passauer Bischof Stefan Oster gegenüber Christ & Welt sagt: "Das Resultat ist ein ausgewogener Text, dem viele folgen können – ich selbst eingeschlossen (vor dem Hintergrund meiner eigenen Richtlinien, die ich schon zuvor herausgegeben hatte)." Die umständliche Behelfsklammer deutet es an: Das Papier ist allgemeingültig wie individuell gestaltbar. Liberale wie Konservative können beide damit leben so gerade. Die kritische Masse der Franziskus-Revolution bleibt stabil. Das Papier ist also kein Kompromiss. Es ist nichts weniger als die Quadratur des katholischen Kreises.

Den Ständigen Rat der Bischofskonferenz in Würzburg hat das Wort ohne Gegenstimme passiert. Zu verdanken ist dies dem Berliner Erzbischof Heiner Koch und dem Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode. Über Wochen haben sie auf ihre Mitbrüder eingeredet, dem päpstlichen Schreiben Amoris laetitia eine nationale Stellungnahme folgen zu lassen – so wie die Konferenzen in Argentinien und auf Malta zuvor. Viele Bischöfe hielten das anfangs für unnötig: Der Papst hat doch alles Entscheidende gesagt: Warum es wiederholen?

Weil seit Franziskus eben auch ein Papst nicht mehr ist, was er mal war. Immer wieder forderte Franziskus in den vier Jahren seines Pontifikats bisher seine Bischöfe dazu auf, selbst zu denken – ein unerhörter Vorgang! 30 Jahre haben Johannes Paul II. und Benedikt XVI. ihr Personal auf unbedingten Gehorsam gedrillt. Und jetzt soll es sich die Freiheit nehmen, eine eigene Meinung zu haben?

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Kein Wunder, dass das anfangs viele überforderte, auch im deutschen Episkopat. Wer dagegen in der Vergangenheit aus Überzeugung oder Kalkül stets einer Meinung war mit dem polnischen und später mit dem deutschen Papst, tut sich heute leichter, dem argentinischen zu widersprechen. So zog eine Gruppe konservativer Kardinäle um den einst mächtigen Joachim Kardinal Meisner vor einigen Wochen die Eindeutigkeit der Papstworte in Zweifel. Etwas subtiler ging Gerhard Ludwig Müller, der Chef der vatikanischen Glaubenskongregation, vor. "Mir gefällt es nicht", sagte Müller jüngst in einem italienischen Interview, "dass so viele Bischöfe Amoris laetita auf ihre eigene Weise interpretieren." Das päpstliche Schreiben könne nur "im Licht der ganzen Lehre der Kirche" gelesen werden – am besten natürlich von ihm selbst.

Es geht also um die Deutungshoheit, nichts weniger. Anders als früher liegt die nicht mehr beim Papst und in der Glaubenskongregation, sondern ist eine Sache aller geworden, die in der Kirche Verantwortung tragen. Deshalb reicht es nicht mehr, dass einer sagt, wo es langgeht, und die Herde folgt: Die Richtung muss mehrheitsfähig sein. So vollzieht das Wort der Bischöfe auf nationaler Ebene, was Franziskus während der Bischofssynode für die Weltkirche wollte: Konsens durch interne Debatte. Anders sind Revolutionen von oben nicht zu gewinnen, katholische schon gar nicht.

Dass sich Deutschland an die Spitze der Bewegung setzt, ist zugleich erwartbar und bemerkenswert. Bemerkenswert, weil Johannes Paul II. und Benedikt XVI. die Deutsche Bischofskonferenz in den letzten 30 Jahren so oft prügelten und peitschten, dass diese zeitweise Angst hatte vor ihrem eigenen Schatten. Und erwartbar, weil die Prügel oft nur die Reaktion waren auf die Vorstöße einiger tapferer Leidtragender. Wie Karl Kardinal Lehmann stritten die für Barmherzigkeit und wiederverheiratete Geschiedene, als das noch als sicherer Tod der klerikalen Karriere galt.