Warum bloß kommt die unaufhaltsam aufstrebende AfD nicht weg von diesem blöden Nationalsozialismus, dem Antisemitismus und all dem Kram? Mal spaltet sich deswegen eine Fraktion in Baden-Württemberg, mal rutscht der atemlosen Frauke Petry was Seltsames raus zum Begriff "völkisch", und dann kommt wieder der Höcke um die Ecke und sagt etwas, was so klingt, als käme es geradewegs aus dem Volksempfänger.

Rational gesehen ist die Lage für eine rechtspopulistische Partei doch sonnenklar: Es ist für diese Leute zum Beispiel viel lohnender, für die Juden zu sein und gegen die Muslime. Politisch noch ergiebiger ist es sogar, wegen des muslimischen Antisemitismus gegen Muslime zu sein. Darum haben sich etwa Marine Le Pen oder Geert Wilders von allem losgesagt, was mit diesem dunklen Gestern zusammenhängt. Für eine rechte Partei in Deutschland ist das noch viel wichtiger, weil es hierzulande bei dem Thema besondere Empfindlichkeiten gibt. Wieso kann die AfD sich trotzdem nicht zusammenreißen, wieso leidet sie unter diesem manischen Berührzwang?

Gemein: Alle haben ein schönes stolzes Gestern – nur wir nicht

Das hat zu tun mit einem spezifischen Dilemma reaktionärer Politik in diesem Lande. Wer in Frankreich zurückwill in eine bessere Zeit, der kann davon ein Bild erzeugen, der spricht von jenen idyllischen Zeiten, als proletarisch veranlagte Arbeiter Citroën gebaut haben, die noch richtig schön waren, danach rauchten sie eine Gauloise, die keinen Krebs erzeugte, und über allem weht würdig die Trikolore. Auch die Niederlande können sich mit etwas Willkür an bessere Zeiten erinnern, vorhangfreie Fenster, morgens eine Flasche Vla vor der Tür, beim Fußball Weltmarktführer und darüber das Königshaus.

Alle haben ein schönes Gestern – nur wir nicht. Immer kommt sie dazwischen, DIE Vergangenheit. Und das bringt unsere Nationalisten regelmäßig schier um den Verstand. Darum müssen sie immerzu an der Narbe kratzen.

Die anderen Deutschen haben sich schon längst eingerichtet in einem postnationalistischen Nationalgefühl, jenem berüchtigten Stolz darauf, nicht stolz zu sein. Sie glauben, dass dies gerade deswegen ein gutes – und erfolgreiches – Land ist, weil es DIE Vergangenheit aufgearbeitet hat – und damit nicht aufhört –, weil es sich ihr gestellt und daraus Schlüsse gezogen hat: kein Zentralismus, kein Autoritarismus, kein Militarismus, Respekt vor Minderheiten, eine gewisse Offenheit gegenüber dem Fremden. Das jedoch ist genau jenes Deutschland, das die AfD abschaffen möchte. Diese Leute sind im Grunde heimatlose Nationalisten, sehr traurig.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 8 vom 16.2.2017.

Nun will Frauke Petry (die mit dem Völkischen) Björn Höcke (den mit dem Schandmal) aus der Partei ausschließen. Rechts von ihr soll es keine demokratisch legitimierte Kraft geben. Dabei klafft zwischen den beiden allenfalls machttaktisch ein Abgrund, vergangenheitstechnisch liegen höchstens Nuancen zwischen "völkisch" und "Schandmal", eher was für Spezialisten. Und am Ende lässt sich das deutsche Nationalisten-Dilemma ohnehin nicht auflösen, es wird auch ohne Höcke nicht aus der AfD verschwinden.

Dieses Problem stellt für die AfD die Obergrenze ihres politischen Potenzials dar, man wird in diesem Land niemals eine Mehrheit finden, der dieses Gefummel an der Vergangenheit gefällt, der es auch nur gleichgültig genug wäre, um diese Partei trotzdem zu wählen. Weil die Deutschen so anständig sind? Eher weil sie nicht blöd sind. Nationalismus ist für Frankreich nett, für die Italiener anstrengend und in Österreich ein bisschen albern – in Deutschland ist er schlicht geschäftsschädigend.

Umgekehrt besteht allerdings genauso wenig ein Grund aufzuatmen. Denn die AfD wird sich auch jetzt nicht zerlegen. Die Vorstellung, dass der Autoritarismus seinen Siegeszug durch die gesamte westliche Welt fortsetzt, in Deutschland aber an der Fünf-Prozent-Hürde scheitert, ist abwegig. Deutschland wird mit der AfD leben müssen, die AfD wird mit ihrem verkorksten und verzweifelten Nationalismus leben müssen.

Daraus lassen sich zwei Schlüsse ziehen, einer für Seehofer und einer für die Linksliberalen. Es hat a) keinen Sinn, sich der AfD anzuverwandeln, um sie zu zerstören. Sie ist vorerst unzerstörbar. Und es hat b) keinen Zweck, sich immerzu über die AfD zu empören. Je kühler man sie behandelt, desto besser.

Und am Sonntag dann ein Spaziergang durchs Stelenfeld.

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