DIE ZEIT: Herr Foster, Sie sind Tierarzt, Philosoph und Jurist, vor Kurzem kam Ihr Buch heraus, in dem Sie Ihren Versuch beschreiben, wie Fuchs, Dachs, Otter, Mauersegler und Rothirsch zu leben. Wie lange liegt Ihr letzter Ausflug in die Tierwelt zurück?

Charles Foster: Das ist ein kontinuierlicher Prozess, der schon Jahrzehnte dauert. Aber ich versuche, die Lektionen aus dieser Zeit in meinen Alltag mitzunehmen.

ZEIT: Wie geht das?

Foster: Ich achte auf das, was ich rieche, wenn ich eine Frau mit Wangenkuss begrüße, wie es sich anfühlt, wenn ich beim Sitzen meine Beine um das Stuhlbein schlinge, wenn meine Hände auf diesem Tischtuch liegen. Ich hoffe, dass ich so ein sinnlicherer Mensch geworden bin.

ZEIT: Auch wenn Sie in einem plüschigen Salon sitzen wie jetzt gerade?

Foster: Gerade dann. Ich versuche, mir all meiner Sinne bewusst zu sein. Wir haben fünf zur Verfügung, aber normalerweise nutzen wir fast ausschließlich unsere Augen. Wir entscheiden uns dafür, nur einen kleinen Teil der Informationen zu empfangen, die die Welt für uns bereithält. Wenn wir uns auf der Basis visueller Wahrnehmungen festlegen, ist das Risiko sehr hoch, etwas falsch zu machen. Im Kern meines Experiments geht es darum: aufmerksamer zu sein.

In seinem Buch "Der Geschmack von Laub und Erde – Wie ich versuchte, als Tier zu leben" (Malik Verlag, 288 S., 20,– €) erzählt Charles Foster von seinen Erfahrungen in der Rolle von Tieren. Er ist ausgebildet als Tierarzt und Jurist, er arbeitete als Anwalt und schrieb Reisebücher. Heute lehrt er Ethik und Rechtsmedizin an der University of Oxford.

ZEIT: Muss man dafür monatelang im Wald hausen wie ein Dachs oder im Müll von London wühlen wie ein Fuchs oder Insekten aus der Luft schnappen wie ein Mauersegler?

Foster: Es ist auf jeden Fall ein Versuch. Tiere sind großartige Lehrer.

ZEIT: Sie haben Käse in Ihrer Wohnung verteilt, um herauszufinden, ob Sie sich anhand von Gerüchen orientieren können – wie ein Dachs.

Foster: Ja, aber mein Geruchssinn ist nicht annähernd so gut wie der eines Dachses. Es ist schwer, diese Eindrücke als gleichwertig wahrzunehmen. Meditieren Sie eigentlich?

ZEIT: Ich versuche es von Zeit zu Zeit und scheitere kläglich.

Foster: Nur zu beobachten und nicht zu bewerten ist anspruchsvoll. Aber es hilft dabei, intensivere Erfahrungen zu machen, nicht nur in Wäldern oder Flüssen, wo das Buch spielt, sondern auch in Shoppingmalls, Konferenzräumen oder zwischenmenschlichen Beziehungen.

ZEIT: Was haben Beziehungen damit zu tun?

Foster: Sie sind von visuellen Eindrücken dominiert und sind deshalb viel weniger intensiv, als sie sein könnten. Visuelle Reize werden sofort kognitiv verarbeitet, Gerüche oder Geräusche wirken stärker unbewusst und emotional. Deshalb lohnt es sich, der Tyrannei des Sehens zu entfliehen.

ZEIT: Sie haben das versucht, indem Sie etwa mehrere Monate in einem selbst gegrabenen Bau in einem Wald in Wales gelebt haben, ähnlich wie ein Dachs. Wie schmecken Regenwürmer?

Foster: (stöhnt)

ZEIT: Nervt Sie diese Frage?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 8 vom 16.2.2017.

Foster: Ich habe darüber in meinem Buch geschrieben, und ich bedaure diese Passage. Mittlerweile kommt sie mir aufgeblasen vor. Und nicht nur das: Sie illustriert zwar, welche Wörter ich im Lauf meines Lebens gesammelt habe, um zu beschreiben, wie Würmer schmecken. Aber sie verrät nichts darüber, was ein Dachs fühlt, wenn er Würmer frisst. Anders als mir schmecken sie ihm.

ZEIT: Um Würmer überhaupt zu finden, müssen Sie hinunter auf alle viere. Was passierte in dem Moment, in dem Sie die Zweibeinigkeit aufgaben?

Foster: Im dunklen Unterholz sind Augen ziemlich nutzlos. Man verliert die Orientierung, was ziemlich aufregend ist.

ZEIT: Wieso?

Foster: Als ich zum ersten Mal durch den Wald gekrochen bin, ist mir aufgefallen, dass ich den Geruchssinn in meinem Leben praktisch völlig ignoriert hatte. Ich verspürte eine Art von Reue.

ZEIT: Sie haben den Reiz also doch wieder kognitiv verarbeitet.

Foster: Ja, das stimmt, auch wenn das länger gedauert hat als bei einem visuellen Eindruck. Es gab allerdings Momente, in denen es anders war, in denen ich einen Baum gerochen habe, ohne ihn sofort in meine eigene Vorstellung zu übersetzen. Ich kann das nicht richtig beschreiben – ich war einfach in diesem Moment einem Baum näher als jemals zuvor in meinem Leben.

ZEIT: Und wenn Sie jetzt nach draußen blicken und diesen Baum an der Straße dort betrachten?

Foster: Es braucht nur einen Sekundenbruchteil, und mein Sinneseindruck wird sofort übersetzt in die Vorstellungen, die ich, Charles Foster, von einem Baum habe. Und das ist bedauerlich, denn meine Idee von einem Baum ist viel weniger interessant, viel weniger detailliert und viel weniger genau als dieser Baum dort draußen. Unser Denken wird selbstreferenziell, wird zu einer intellektuellen Masturbation.

ZEIT: Was meinen Sie damit?

"Jedes Kind unter fünf ist noch kein echter Zweibeiner"

Foster: Ich denke sofort an all die Gedichte, die ich über Bäume im Winter gelesen, die Fotografien, die ich gesehen habe – ein riesiger kultureller Ballast. Mein Denken bezieht sich auf sich selbst, ich erschaffe mir meine eigene virtuelle Realität. Aber sie hat nichts mit diesem Baum dort vorm Fenster zu tun.

ZEIT: Du sollst dir kein Bildnis machen. Geht es darum?

Foster: Das Bilderverbot, ja. Ein Bildnis, also eine Idee von Gott, hätte verhindert, dass die Israeliten den wirklichen Gott anbeten. Man könnte das übersetzen als: Schaff dir keine mentale, abstrakte, visuell dominierte Welt.

ZEIT: Haben Tiere also eine andere Verbindung zur Welt, zu dem Ort, an dem sie leben?

Foster: Auf jeden Fall, sie bestehen ja allein schon aus der Materie, die sie direkt umgibt – ein Dachs besorgt sich seine Nahrung auf einer Fläche von 40 Fußballfeldern rund um seinen Bau. Mein Essen dagegen kommt an Tagen wie heute zum großen Teil aus China oder Thailand. Außerdem leben Tierfamilien häufig schon seit vielen Generationen, teils seit Jahrhunderten am selben Ort.

ZEIT: Daraus erwächst eine "Autorität über das Land", schreiben Sie in Ihrem Buch. Was soll das sein?

Foster: Wahrscheinlich ist das Wort "Autorität" unglücklich gewählt, denn es geht nicht um Besitzanspruch oder Rechte, sondern um eine Art von Eingebettetsein, um eine intime gegenseitige Beziehung. Ich vergleiche die Landverbundenheit des Dachses mit meiner eigenen Wurzellosigkeit.

ZEIT: Lässt sich das denn miteinander vergleichen?

Foster: Für mich folgt daraus, dass ich mich mehr anstrengen muss, um zu einem physischen Ort zu gehören. Unsere Identität ist ausschließlich aus unseren Beziehungen zu anderen Menschen geknüpft. Diese Beziehungen, in denen ich existiere, das bin ich. Wenn sie bröckeln, passiert das Gleiche mit mir. Wir bauen Beziehungen in kleinen Kontexten auf, mit Freunden und Familie, wir lernen soziales Verhalten, indem wir miteinander reden, uns umarmen, gemeinsam essen. So ähnlich können wir aber auch eine Beziehung zu einem bestimmten Ort aufbauen.

ZEIT: Man könnte Ihre Argumentation benutzen, um dafür zu kämpfen, dass Mauern gebaut und Brücken abgerissen werden.

Foster: Ganz im Gegenteil! Ein Nationalist ist jemand, der nicht verstanden hat, was echte Ortsverbundenheit lehrt. Sie macht uns notwendigerweise zu leidenschaftlicheren Gemeinschaftsmitgliedern und Internationalisten. Die Autorin Jay Griffiths spricht von einer "wilden Güte", die durch eine gesunde Beziehung mit der Natur entsteht. Diese Güte schließt pure Bösartigkeit gegenüber anderen Lebewesen aus. Griffiths hat recht! Und genau diese Güte existiert nicht im Nationalismus. Niemand, der wirklich verbunden ist mit seiner Umwelt, hätte für den Brexit gestimmt oder würde Flüchtlinge ausschließen.

ZEIT: Wieso nehmen Sie eigentlich an, dass ein Dachs bei aller Verbundenheit mit der Natur zufrieden ist – trotz Tuberkulose, Jägern und Jagdhunden?

Foster: Vielleicht ist er nicht so glücklich, wie er sein sollte, aber er ist auf effektivere Weise ein Dachs, als ich ein Mensch bin. Und darum geht es.

ZEIT: Sie haben Ihre Kinder mit auf Ihre Touren genommen. Fiel es denen leichter, in die Rolle von Tieren zu schlüpfen?

Foster: Jedes Kind unter fünf ist noch kein echter Zweibeiner, es krabbelt auf dem Boden herum und saugt Eindrücke mit allen Sinnen auf. Mein Sohn Tom hat Schwierigkeiten mit dem Lesen. Deshalb betrachtet er einen Baum ohne den ganzen kulturellen Ballast, der mir anhängt.

ZEIT: Konnten Sie diesen Ballast durch Ihr Experiment abwerfen?

Foster: Im Kern ging es darum, dass ich mich nicht allein fühlen will. Wenn ich sage: Auf dem Tisch steht eine Vase, will ich sicher sein, dass meine Frau, meine Freunde, meine Kinder sie auch sehen und nicht irgendein Zerrbild. Ich will nicht in meinem eigenen Kopf gefangen sein.

ZEIT: Um sicherzugehen, müsste jeder eine ähnlich radikale Kur machen.

Foster: Ja, und vielleicht hieße es auch: alle Bücher wegwerfen, Sprache verbieten, eine Sinnesanarchie einführen, in der die einzige Art der Kommunikation Geruch und Berührung wären.

ZEIT: Das würde bedeuten, dass wir unseren Geist aufgeben, das größte Geschenk der Evolution!

Foster: Als die Menschen anfingen, zu laufen und ihren Kopf zu heben, wurden sie mit Weitblick belohnt: Sie konnten Dinge im Kontext sehen, und sie konnten Szenarien im Gehirn durchspielen, anstatt sie auszuprobieren. Doch dafür haben sie einen Preis bezahlt. Und er kommt mir sehr hoch vor.

ZEIT: Haben Sie bei der Recherche eigentlich mehr über sich oder mehr über Tiere gelernt?

"Wir bleiben wilde Kreaturen"

Foster: Ich habe viel über meine Überheblichkeit herausgefunden, über meine Unzulänglichkeiten bei der Rekonstruktion dieser Welt, über meine Neurosen. Ich hatte keine Ahnung, wie selbstreferenziell ich war, auch selbstverehrend. Als ich anfing, dieses Buch zu schreiben, hoffte ich, dass es nichts von mir enthalten würde: eine Beschreibung eines walisischen Waldes ohne menschliche Erinnerungen. Daran gemessen, bin ich fantastisch gescheitert.

ZEIT: Wir sitzen gerade in Berlin, einer Stadt voll tierischen Lebens. Hier gibt es Füchse, Waschbären, Wildschweine. Sie haben auch das Leben eines Stadtfuchses gelebt, in East London. Kümmert sich die Natur nicht mehr um die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation, die wir mühsam errichtet haben?

Foster: Der amerikanische Naturphilosoph David Abram meint, es gebe nur "unterschiedliche Grade von Nicht-Wildnis". Lassen Sie ein Stück Brot in einem möblierten Apartment in Downtown Manhattan liegen – nach einer Woche ist es voller Bakterien- und Pilzkolonien. Jeder menschliche Darm – auch jener des Vorsitzenden von Monsanto – ist ein wilder Abfluss voller Lebewesen, die wir brauchen. Egal, wie gut unsere Anzüge geschnitten sind, wir bleiben wilde Kreaturen und täten gut daran, das nicht zu vergessen.

ZEIT: Sie haben Monate draußen verbracht, haben in Wäldern geschlafen, in Flüssen Fische gejagt, auf einer Wiese Schnaken gegessen. Ist Wildnis eigentlich angenehm?

Foster: Oh nein! Und es ist das Wilde, das uns am Ende tötet. Entweder in Gestalt eines Wolfs oder eines Krebsgeschwürs, das genauso wenig zu kontrollieren ist. Ich werde am Ende gegessen werden, Sie auch, und das ist nicht schön. Raus in die Wälder zu gehen hilft aber dabei, Frieden zu schließen mit der Aussicht, irgendwann einmal zu Futter zu werden.

ZEIT: Sind Sie nach Ihrem Experiment eigentlich noch gern ein Mensch?

Foster: Viel mehr als vorher! Ein Mensch zu sein ist viel aufregender, als ein Dachs zu sein – wenn man mit allen Sinnen lebt. Ein Wald ist für einen aufmerksamen Menschen spannender als für einen Hirsch und sogar für eine fantastische Kreatur wie einen Fuchs. Mensch zu sein ist wundervoll.