Was eint Donald Trump und Alexis Tsipras? Beide sind wütend auf Deutschland. Der rechte amerikanische Präsident und der linke griechische Premier meinen, die Bundesrepublik übervorteile sie.

Trumps oberster Handelsberater hat die Anklage offen ausgesprochen: Die Deutschen betrieben Lohn- und Währungsdumping. Erst hätten sie übermäßig gespart und die Löhne niedrig gehalten, dann auf sinistre Weise den Kurs des Euro gedrückt, damit ihre Autos und Maschinen im Rest der Welt zur billigen Ware werden.

Auch wenn man Tsipras zuhört, könnte man glauben, die Deutschen führen wie Bulldozer über ihre Wirtschaftspartner hinweg. Lautstark beschwert er sich darüber, dass Berlin die von der Krise gebeutelten Griechen drangsaliere, statt ihnen Schulden zu erlassen. Bei der Europäischen Zentralbank gelten deutsche Politiker und Ökonomen sowieso als die größten Störenfriede, weil sie die Politik des billigen Geldes ablehnen. Vor allem wenn Wolfgang Schäuble stichelt, wie gerade wieder geschehen, stellen sich bei der EZB alle Nackenhaare auf.

Der Euro ist zu billig – doch dafür können die Deutschen nichts

Sind die Deutschen also wirklich die Schurken der Weltwirtschaft? Absolut nicht! Sie sind nur in einer besonderen Situation.

Nie waren ihre Exporteure erfolgreicher als 2016. Die Wirtschaft schraubte den Überschuss im Handel auf eine Viertelbillion Euro, weil Mario Draghi mit Nullzins und Geldflut genau das erreicht hat, was er wollte: Der Euro-Kurs ist gegenüber dem Dollar stark gesunken – und für die Bundesrepublik eigentlich zu niedrig. Das macht deutsche Autos in Amerika günstig und amerikanische Autos in Deutschland teuer.

Nur können die Deutschen ausnahmsweise nichts dafür. Anders als es das Ausland wahrhaben will, hat die Entwicklung für sie auch enorme Nachteile. Als Sparer leiden die Bundesbürger unter den Nullzinsen. Und was für die Industrie derzeit so famos aussieht, ist auf Dauer kein Segen: Weil die billige Währung das Exportieren leicht macht, fehlt den Unternehmen der Druck, immer effizienter und besser zu werden. Lohndumping kann man Deutschland auch nicht mehr vorwerfen. Allein in den vergangenen drei Jahren sind die Löhne um über sechs Prozent gestiegen – nach Abzug der Inflation. Und die staatlichen Investitionen steigen Jahr für Jahr. Wer den offiziellen Zahlen misstraut, sollte beim Nachhauseweg einen Blick auf all die Baustellen werfen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 8 vom 16.2.2017.

Die Deutschen müssen sich also nicht einreden lassen, dass die Weltwirtschaft an ihnen leidet. Ein überschuldetes Deutschland wäre nur eine Last mehr für Europa und wahrscheinlich eine zu viel. Das gab es ja schon einmal vor gut zehn Jahren, Deutschland als kranker Mann Europas. Alle regten sich auf, und damals zu Recht.

Heute ist die Bundesrepublik der lebende Beweis, dass Reformen sich lohnen. Und sie ist ein Champion des freien Handels. Wer sonst sollte Europa an die eigenen Versprechen erinnern – und sich Protektionisten wie Trump entgegenstellen. It’s a dirty job, but somebody’s gotta do it, heißt es in Amerika. Irgendjemand muss die "schmutzige Aufgabe" übernehmen und die Welt an den Wert des Wettbewerbs erinnern.

Und irgendjemand muss den Amerikanern den eigenen Widerspruch vorhalten. Soll Deutschland den Euro retten, dann wird es an seine Verantwortung fürs Ganze erinnert. Geht es aber um den Export, dann soll das Land allein schuld sein. Das ergibt keinen Sinn. Die Europäer haben eine Währung, und deren Kurs passt nicht immer zu Deutschland, so wie der Wert des Dollar nicht immer zu Kalifornien passt.

Deutschland braucht ein einiges Europa und sollte die anderen nicht unnötig gegen sich aufbringen. Aber deshalb muss es sich nicht verstecken. Von den Vereinigten Staaten haben die Nachkriegsdeutschen den Wert des offenen Wettbewerbs gelernt und sich auf die Globalisierung eingelassen – wenn man einmal von der protektionistischen Agrarpolitik absieht.

Jetzt wollen die USA die Regeln ändern, wollen für unfair erklären, was früher fair war. Ihr Problem ist aber nicht, dass Handelspartner sie übervorteilen. Die Amerikaner selbst haben zu sehr auf die Finanzindustrie gesetzt, die zwar riesigen Wohlstand schafft, aber nur für ganz wenige. Jetzt wollen sie die Industriejobs zurück.

Nur bitte nicht mit Deutschland als Sündenbock.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio