Kürzlich unterhielt ich mich in Berlin mit einem angesehenen Professor. Zunächst verlief das Gespräch ausgesprochen angenehm, aber dann wurde es schlagartig unschön. Wir rannten uns fest, als wir diskutierten, wie sich die Digitalisierung auswirkt. Anscheinend hatte ich ein heikles Thema berührt. Was hatte ich gesagt? "Wenn die Technologien so gefährlich sind, dass sie Millionen Arbeitsplätze vernichten, sollten wir das nicht womöglich verhindern? Sollten wir nicht vielleicht die schlimmsten Technologien verbieten?" Der Professor guckte entsetzt.

Viele Intellektuelle haben einen Optimismus erlernt, für den die Technologie der große Erneuerer ist, ein Wohlstandsbringer – Glaubensartikel eines Bekenntnisses, das auf der Aufklärung beruht und das ich bisher im Prinzip teilte. Mein Professor blinzelte wie eine Eule.

"Nein, nein, natürlich können wir das nicht", stammelte er. "Auf lange Sicht hat Technologie immer mehr Arbeitsplätze geschaffen als zerstört. Immer. Die Geschichte hat uns gezeigt, dass Technologie für die Menschheit unbestreitbar ein Gut darstellt. Wir können uns der Technologie nicht verweigern."

Ist das so? Was, wenn wir feststellten, dass eine bestimmte Technologie für die menschliche Gesellschaft eine Bedrohung ist? Es steht zum Beispiel außer Frage, dass atomare und chemische Waffen Gefahren darstellen. Deshalb wird ihre Existenz genau überwacht. Dasselbe gilt für das Klonen. Oder was ist mit dem Einsatz von Anabolika im Sport? Diese Biotechnologie hat vom professionellen Baseball und Football in den USA bis hin zur Tour de France alles infiziert. Gewisse Technologien, die Risiken darstellen, regulieren wir streng, und manchmal verbieten wir sie sogar.

Und wenn es sich um eine Technologie handelte, die Arbeitsplätze zerstört, die Qualität der Arbeit untergräbt oder womöglich den arbeitenden Menschen auf existenzielle Weise schädigt? Es sei daran erinnert, dass wir Sklaven- und Kinderarbeit verboten haben, weil sie zentrale Werte verletzen.

Was wäre, wenn Maschinen und Roboter jeden Job übernehmen könnten und niemand je wieder eine formelle Beschäftigung annehmen müsste? Wer würde den Nutzen aus dieser gewaltigen Produktivitätssteigerung ziehen? Würden die Erträge der Allgemeinheit zugutekommen? Oder würden eine Handvoll "Masters of the Universe", die Besitzer und Verwalter dieser Technologien, alles einstreichen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 8 vom 16.2.2017.

Keine Kristallkugel kann uns diese Frage beantworten, aber eines wissen wir: Während der vergangenen zwei Jahrzehnte wurden die Volkswirtschaften in Deutschland, in den Vereinigten Staaten und in praktisch allen Industrienationen so umstrukturiert, dass die Gewinne aus neuen Technologien und Produktivitätssteigerungen in die Taschen einer immer kleiner werdenden Gruppe Wohlhabender fließen. Die Geschichte zeigt, dass die Allgemeinheit keineswegs stets von technologischen Innovationen profitiert.

Ich erinnere mich an ein Interview für eine niederländische Fernsehsendung. Ein dreiköpfiges Team traf in dem Glockengiebelhäuschen ein, wo wir mit Blick auf einen der Kanäle der Stadt das Interview führen wollten. Jemand aus dem Team hielt mir ein Mikro, befestigt an einer langen Tonangel, unter die Nase. Ich nahm den Mann beiseite und fragte ihn: "Warum geben Sie mir nicht einfach ein Mikro, das ich mir ans Revers hefte? Dann müssen Sie dieses schwere Ding nicht halten." Er sah mich mit leichtem Funkeln in den Augen an und sagte: "Wenn ich das tue, bin ich meinen Job los."