"Freiheit, Gleichheit, Wirklichkeit!" Das ist der Slogan, unter den Michael Eisen seinen Wahlkampf gestellt hat. 2018 will Eisen einen der beiden Sitze Kaliforniens im US-Senat gewinnen. Dafür würde er sogar seine Fruchtfliegen im Labor der University of California in Berkeley vorübergehend im Stich lassen, deren genetische Entwicklung er erforscht. Der Biologe, der unter dem Kürzel SenatorPhD twittert, ist das wissenschaftsfeindliche Klima satt, das er in den USA ausmacht und das vom neuen Präsidenten personifiziert wird. "Lange Zeit haben Wissenschaftler zugeschaut, wie die politischen Prozesse erodiert sind", sagte Eisen vergangene Woche den San Jose Mercury News . "Wir haben mit ansehen müssen, wie Politiker offen die Wissenschaft lächerlich machen." Ein Forscher hat genug – und er zieht daraus persönliche Konsequenzen. Er ist nicht der einzige.

Es ist eine Schlacht um die Zukunft
Jonatahn Foley, Ökologe, California Academy of Science

"Machen wir uns nichts vor: Amerika führt einen Krieg gegen die Wissenschaft", schreibt Jonathan Foley, Direktor der California Academy of Sciences. "Es ist eine Schlacht um die Zukunft, um grundlegenden Anstand und um die Menschen, die wir lieben." Mit martialischen Worten rebelliert die denkende Zunft gegen die Trump-Regierung, mehr als andere Bevölkerungsgruppen.

Die Versammlung der amerikanischen Wissenschaftlervereinigung American Association for the Advancement of Science (AAAS) am kommenden Wochenende in Boston wird politischer sein als je zuvor. Die Leitung der Organisation hat schon immer gesellschaftliche Themen auf die Tagesordnung gesetzt. Nun wird sie von Graswurzelinitiativen überholt. Am 22. April etwa, am Tag der Erde, wollen die "Helden in Laborkitteln und Park-Ranger-Uniformen" (Foley) auf Washington marschieren.

Warum proben gerade die Wissenschaftler den Aufstand, diejenigen also, die es sich bislang gern in ihren Elfenbeintürmen bequem gemacht haben, solange die Fördermittel flossen? Und was können die personifizierten Faktenchecker tatsächlich gegen die postfaktische Politik Trumps ausrichten?

Es sind mehrere Faktoren, die zu der explosiven Stimmung geführt haben. Der nachlässige Umgang der Trump-Regierung mit Tatsachen, man kann auch sagen: die Lügen der Regierung, sind für viele Forscher eine intellektuelle Beleidigung. "Wenn Trump sagt, die Mordrate in den USA sei die höchste seit 47 Jahren, dann muss man einfach nur googeln und sieht, dass sie die zweitniedrigste der letzten 50 Jahre ist", sagt der renommierte Berkeley-Mathematiker Edward Frenkel. Wer rechnen kann, verachtet die Regierung.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 8 vom 16.2.2017.

Die erste wissenschaftspolitische Personalie der Trump-Truppe ließ auch nichts Gutes erahnen: Mit Scott Pruitt machte der Präsident einen Klimawandel-Leugner zum neuen Chef der Umweltbehörde EPA, der vorher die Auflösung just dieser Behörde zu seinem Ziel erklärt hatte. Die Bildungsministerin, Betsy DeVos, würde am liebsten den öffentlichen Schulen und damit der breiten Bildung den Geldhahn zudrehen. Der Gesundheitsminister, Tom Price, ist ein fundamentalistischer Abtreibungsgegner, der auch die Stammzellforschung ablehnt.

Maulkörbe für die Mitarbeiter staatlicher Forschungsstätten verletzen das Recht auf freie Rede, das für die Wissenschaft unerlässlich ist. Entsprechend sprossen die "wilden" Twitter-Accounts aus dem Boden, in denen vom Staat beschäftigte Forscher anonym von ihrer Redefreiheit Gebrauch machten. Es begann mit AltUSNatParkService von Mitarbeitern der Nationalparks, es folgten Rogue Nasa, RogueEPAStaff (Mitarbeiter der Umweltbehörde) und etwa 80 weitere. Sie alle feuern gegen Trumps Truppe und deren antiwissenschaftliche Politik.

In einer informierten Demokratie müssen Bürger und Entscheider Zugang zu hochwertiger wissenschaftlicher Information haben
Jane Lubchenco, Meeresökologin, Oregon State University

Wehmütig blickt etwa Jane Lubchenco zurück auf die Ära Obama. Ist die wirklich erst vor vier Wochen zu Ende gegangen? Obama hatte schon im Dezember 2009, einen Monat vor seiner Amtseinführung, die Weichen für seine Wissenschaftspolitik gestellt. Lubchenco, damals Chefin der National Oceanic and Atmospheric Administration, gehörte zu Obamas vierköpfigem Wissenschaftsteam. "Obama hat großen Respekt für die Wissenschaft", sagt Lubchenco. "Er ist ein sehr neugieriger Mensch. In einer informierten Demokratie müssen Bürger und Entscheider Zugang zu hochwertiger wissenschaftlicher Information haben." Offenbar ließ sich Obama dann auch in seiner Politik beeinflussen: Jane Lubchenco zitiert ein Gesetz zur nachhaltigen Fischerei, das sie mit auf den Weg gebracht hat. Und der Höhepunkt war wohl die Unterschrift der USA unter dem Pariser Klimaabkommen, nachdem das Land jahrelang international den Bremser gespielt hatte.

"Da geht es nicht nur um seine Karriere, sondern auch um meine"

Dennoch: Die Wissenschaftsfeindlichkeit im Lande ist nicht das Produkt der ersten Trump-Wochen. Auch während der acht Jahre Obama hatten die Forscher das Gefühl, dass die Wissenschaft in der US-Gesellschaft einen schweren Stand hat. Dass laut herausposaunte Befindlichkeiten ähnlich viel zählen wie empirisch erwiesene Fakten.

In der Presse wird Wissenschaft häufig als eine Meinung von mehreren behandelt, reflexartig wird jedem Wissenschaftler, der über den Klimawandel spricht, ein Skeptiker an die Seite gestellt. Jeder sechste Biologielehrer ist ein glühender Anhänger des Kreationismus und lehrt die Schöpfungsgeschichte zumindest gleichberechtigt neben der Evolutionslehre. Die Evangelikalen haben in einigen Staaten entsprechende Regelungen durchgesetzt – und die republikanische Partei hat sich bei diesen fundamentalistischen Christen angebiedert.

"Ich sehe eine wachsende Sorge über die Abwesenheit jeglicher Evidenz in der Politik, und das geht schon seit Jahren so", klagt Rush Holt, der Vorsitzende der AAAS. "Einerseits leben wir in einem Goldenen Zeitalter der Wissenschaft mit vielen großartigen Entdeckungen und Anwendungen. Andererseits haben Forscher das Gefühl, dass die Menschen nicht verstehen, wie Wissenschaft funktioniert. Wissenschaftler sind es ja gewohnt, ignoriert zu werden. Aber ich habe noch nie mehr Unsicherheit gesehen, bis hin zu Angstzuständen."

Dabei ist Donald Trump persönlich nicht einmal ein wissenschaftsfeindlicher Eiferer wie viele seiner republikanischen Parteifreunde. Zwar hat er im Wahlkampf den Klimawandel als eine Erfindung der Chinesen bezeichnet und den hundertfach widerlegten Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus proklamiert. Aber das sind Aussagen, die sich in der nächsten Rede wieder wandeln können. Der Präsident ist kein Wissenschaftsfeind, sondern ein Wissenschaftsignorant. Ihm ist das Denken in rationalen Kategorien fremd. Einen Brief von 175 Wissenschaftsorganisationen und Universitäten ließ er unbeantwortet. Bis heute hat er keinen Wissenschaftsberater der Regierung ernannt. Was auf die Wissenschaft zukommt, müssen die Betroffenen daher wie Kaffeesatzleser aus seinen Tweets entnehmen und aus den Exekutiv-Erlassen.

Es war der Einreisestopp, der bei vielen Forschern den Geduldsfaden reißen ließ. "Dieser Bann goss noch einmal Benzin ins Feuer", sagt der Mathematiker Edward Frenkel, der selbst 1989* als russischer Flüchtling in die USA gekommen ist. Wissenschaftler sind Internationalisten. Alle sechs Nobelpreise, die Universitäten in den USA im vergangenen Jahr eingeheimst haben, gingen an Einwanderer. Amerikanische Universitäten sind auch deshalb Spitze, weil sie ständig intellektuelle Infusionen aus aller Welt bekommen. Jeder sechste Wissenschaftler ist ein Immigrant. Allein 16.000 Studierende kommen aus den Ländern, die vom Reise-Bann betroffen sind. Dieser mobilisierte jetzt auch Forscher, die ansonsten der Politik fernstehen.

Einer von ihnen ist Hani Goodarzi, ein iranischer Biologe, der an der University of California in San Francisco in der Krebsforschung arbeitet. Obwohl er erst im vergangenen Jahr seine Assistenzprofessur angetreten hat, ist er schon ein angesehener Forscher mit Veröffentlichungen in den großen Fachzeitschriften der Zunft, etwa Nature und Cell . Als am 27. Januar der Einreisestopp verhängt wurde, unter anderem für Iraner, traf ihn das wie ein Schock. Am Montag darauf hätte er auf einer Konferenz im kanadischen Calgary sprechen sollen, aber er sagte die Reise ab – zu diesem Zeitpunkt glaubte er nicht, wieder zurück in die USA reisen zu können. Inzwischen ist klargestellt worden, dass er sich als Inhaber einer Greencard keine Sorgen machen muss – zumindest im Moment.

"Ich habe keine Ahnung von nationaler Sicherheit", sagt der schwarz gelockte Jungforscher. "Aber ich kann beurteilen, welche Folgen das für die Wissenschaft hat." Schon immer hatten Studierende aus mehrheitlich islamischen Ländern Probleme, Visa für ein Studium in den USA zu bekommen. Das dauerte Monate, manchmal Jahre, und meist gab es das Visum dann nur für die einmalige Einreise. Jetzt muss sein Doktorand, der ebenfalls aus dem Iran stammt, befürchten, nie wieder ein neues Visum zu bekommen. Sobald er das Land verlassen würde, könnte er nicht mehr zurückkehren. "Da geht es nicht nur um seine Karriere, sondern auch um meine", sagt Goodarzi. "Er könnte ja zum Beispiel nach Deutschland gehen. Für das Labor ist der Schaden fast noch größer. Der Bann macht es schwieriger für amerikanische Forschungsstätten, international zu konkurrieren."

Der Bann macht es schwieriger für amerikanische Forschungsstätten, international zu konkurrieren
Hani Goodarzi, Krebsforscher, University of California San Francisco

Als noch Hunderte von Forschern auf amerikanischen Flughäfen oder in ihrer Heimat festsaßen, wurde der Biologe aktiv: Mit ein paar Kollegen startete er im Internet eine Petition unter dem Titel Academics Against Immigration Executive Order. Innerhalb weniger Tage wurde der Aufruf von über 30.000 Professoren unterschrieben, darunter 62 Nobelpreisträger.

"Ich liebe Pho und wünsche mir sehnlich einen Hund"

Eine andere Protestlawine geriet ins Rollen, als am Tag von Trumps Inauguration im Internetforum Reddit ein Teilnehmer sagte: "Es müsste einen Wissenschaftler-Marsch auf Washington geben!" Die Idee wurde von anderen aufgegriffen, eine Facebook-Gruppe, die mittlerweile über 800.000 Mitglieder hat, übernahm die Organisation. Der Marsch, der nach dem Vorbild des Frauenmarschs am 22. April zentral in Washington und dezentral in vielen Städten weltweit stattfinden wird, ist eine echte Basisinitiative. Die Gruppe hat ein paar Sprecher, die sich aber nicht in Interviews äußern wollen. Etablierte Wissenschaftsorganisationen wie die Union of Concerned Scientists (UCS) können sich nur anschließen. "Wir brauchen einen ständigen Druck durch Aktivisten", sagt Andrew Rosenberg von der UCS. Seit Trumps Wahl kann sich die Organisation kritischer Wissenschaftler über neue Mitglieder und Spenden freuen.

Wir brauchen einen ständigen Druck durch Aktivisten
Andrew Rosenberg, Ozeanograf, Union of Concerned Scientists

Auch die AAAS unterstützt den Marsch. Ihr Chef Rush Holt erinnert sich an ein Schild, das ein Kind beim Frauenmarsch auf Washington in die Höhe hielt: "Was wollen wir? Evidenzbasierte Behauptungen! Wann wollen wir sie? Nach der Peer-Review!" Der Verbandspräsident schmunzelt: "Wenn so etwas spontan bei einer Demonstration für Frauenrechte passiert, dann wissen Sie, dass da etwas im Busch ist."

Holt betont, dass es ihm und der AAAS nicht nur um die Sicherung der Forschungsetats geht. "Jeder Minister leitet eigentlich ein wissenschaftliches Institut – egal ob es um Wohnungsbau geht oder um die Justiz." Bei fast allen politischen Fragen müssten die Verantwortlichen ihre Entscheidungen auf der Basis von Evidenz treffen. Eine solche Politik, die von Vernunft und nicht vom Nutzen für die Partei oder die eigene Person getrieben ist, kann Holt bei der neuen Regierung jedoch nicht ausmachen.

Jeder Minister leitet eigentlich ein wissenschaftliches Institut – egal ob es um Wohnungsbau geht oder um die Justiz
Rush Holt, Physiker, AAAS

Von dieser Feststellung ist es nicht weit zu der Aufforderung an Wissenschaftler, massenhaft in die Politik zu gehen. Es muss ja nicht gleich ein Senatorenposten sein, wie ihn Michael Eisen anstrebt – es gibt genügend Wahlämter auf Staats- und Gemeindeebene. Shaughnessy Naughton, eine studierte Chemikerin aus einem Vorort von Philadelphia, hat eine Organisation namens 314 Action gegründet, die Forscher bei diesem Schritt unterstützen soll. Der Name spielt – typischer Wissenschaftlerhumor – auf die ersten drei Stellen der Kreiszahl Pi an. Am 14. März (englisch 3/14, daher auch der Pi-Tag) findet das erste Kandidatentraining statt. Über 2.000 Teilnehmer haben sich bereits angemeldet.

Die 38-Jährige hat sich selbst zweimal vergeblich in den Vorwahlen der Demokraten um die Kandidatur für den Kongress beworben. Nun will sie andere bei der Logistik der Parteiarbeit beraten. Sie kann die naturwissenschaftlich vorgebildeten Kongressmitglieder an einer Hand abzählen und bewundert Deutschland dafür, dass es eine promovierte Physikerin als Bundeskanzlerin hat. Naughton glaubt, dass eine wissenschaftliche Ausbildung nicht die schlechteste Qualifikation für ein politisches Amt ist. "Wissenschaftler sind weniger an einfachen Antworten interessiert als an echten Problemlösungen", sagt sie. "Wir sind die Nerds, die in der Schule immer verprügelt wurden, wir sind es gewohnt, die Außenseiter zu sein." Jetzt will sie diese Außenseiter zu politischen Insidern machen. Dann, so ist Naughton überzeugt, bekämen die USA eine sauberere Energie, effizientere Autos und eine bessere Infrastruktur.

Wissenschaftler sind weniger an einfachen Antworten interessiert als an echten Problemlösungen
Shaughnessy Naughton, Chemikerin, Gründerin von 314 Action

Aber sind Wissenschaftler wirklich die besseren Politiker? Besonders im kalifornischen Silicon Valley, einem Epizentrum des intellektuellen Aufstands gegen Trump, herrscht die Auffassung vor, man müsse nur sachlich an alle politischen Probleme herangehen, dann werde man schon eine Lösung finden. Ganz nach der Vorstellung von Gottfried Wilhelm Leibniz, der schon im 17. Jahrhundert meinte, man müsse sich nur zusammensetzen und sagen: "Lasst uns rechnen!", dann erübrige sich jeglicher politische Kampf.

Wenn Forscher mit dieser Haltung in die Politik gehen, dann werden sie wahrscheinlich scheitern und zumindest im übertragenen Sinne wieder die Prügel einstecken. "Solange Wissenschaftler ihre Arbeit in arroganten Statements präsentieren", sagt der AAAS-Chef Holt, "wird die Öffentlichkeit glauben, dass Wissenschaft nur eine Art Wahrheit sei und soziale Medien eine andere und dass Normalsterbliche eben nicht entscheiden könnten, welche die richtige ist".

Zwei Drittel der Amerikaner, das hat eine Umfrage 2011 gezeigt, können keinen lebenden Wissenschaftler namentlich benennen. Das Vertrauen in die Wissenschaft scheidet sich nicht entlang der Parteilinien, wie eine oberflächliche Betrachtung vielleicht nahelegt, sondern eher entlang des sozialen Grabens, der durchs Land läuft: Unter den reichsten 25 Prozent der Menschen, das ergab eine Untersuchung der National Science Foundation, hat immerhin die Hälfte Vertrauen in Wissenschaftler, bei der niedrigsten Einkommensgruppe sind es nur 33 Prozent. Aus diesem Wählerreservoir hat Donald Trump geschöpft.

Vielleicht müssen sich die Forscher daher erst einmal ihren Landsleuten ganz bescheiden als normale Bürger präsentieren. Das ist das Ziel einer Twitter-Kampagne mit dem Hashtag #actuallivingscientist. Da stellt sich zum Beispiel eine Biologin mit folgendem Tweet vor: "Hi! Ich bin Imogene. Ich studiere die Populationsgenetik von Fleischfressern. Ich liebe Pho und wünsche mir sehnlich einen Hund." Die Revolution kommt in kleinen Schritten.

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*Korrekturhinweis: In der ursprünglichen Version des Artikels hieß es, Edward Frenkel sei 1979 in die USA geflüchtet. Dies haben wir korrigiert.