Pommes in die Fritteuse, Wurst raspeln, Curryketchup über die Wurst, Majo auf die Pommes, jeden Tag das Gleiche, seit 31 Jahren. Das geht nur, wenn der Laden mehr ist als eine Pommesbude. Wenn die Menschen kommen, weil das der Ort ist, wo man eben hingeht auf St. Pauli, wenn man Hunger auf was Deftiges hat und die Leute mag. Egal, an welchem Tag, egal, zu welcher Uhrzeit. Willkommen in der Kleinen Pause, willkommen bei Sabine und Thorsten Clorius.

DIE ZEIT: Frau Clorius, welches Gericht verkaufen Sie am häufigsten?

Sabine Clorius: Am Tag ist das sehr gemischt – von Currywurst bis Labskaus. Abends sind es hauptsächlich Burger und Pommes.

ZEIT: Stehen Sie jeden Tag hinterm Tresen?

Thorsten Clorius: Ja, Sabine schon. Es ist eine Hassliebe. Wir verfluchen den Laden oft, weil er bindet.

Sabine: Irgendwas ist immer.

Thorsten: Andererseits macht man es auch gern. Sabine ist gern an der Front, auch wenn sie manchmal nach Hause kommt und sich ärgert.

Sabine: Ein einziger Kunde kann dir den ganzen Abend vermiesen.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 8 vom 16.2.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Womit?

Sabine: Einmal kam sie nach Hause und erzählte, ein Kunde habe zu ihr gesagt: "Hättest du mal was Vernünftiges gelernt, müsstest du nachts nicht arbeiten."

ZEIT: Was haben Sie geantwortet?

Sabine: Ich nahm sein Geld, sagte: "Vielen Dank."

Thorsten: Wir sind keine Idioten. Sabine ist gelernte Verkäuferin, ich gelernter Schlosser. Wir sind Handwerker, das ist nichts Unehrenhaftes.

ZEIT: Kommen solche Sprüche oft?

Sabine: Meist nachts am Wochenende. Die Leute sind oft ein bisschen betrunken. Das ist im letzten Jahr mehr geworden. Man redet viel von Toleranz. Und dann stehen die hier und geben der Verkäuferin das Gefühl, sie sei minderwertig.

ZEIT: Wie haben Sie sich kennengelernt?

Sabine: In der Diskothek Posemuckel, damals die In-Disco am Fleet bei der Börse. Thorsten tanzte mit einer Frau mit langen Haaren und wildem Tanzstil. Die nervte mich. Er gefiel mir halt. Ich kam mit ihr ins Gespräch, um herauszufinden, ob Thorsten ihr Freund ist. Sie sagte: Ein Freund, nicht mein Freund. Und ich dachte: Ja-haaa! Ich habe mich getraut und gefragt, ob er ein Bier trinken möchte. Ich trinke eigentlich keinen Alkohol, auch er hatte damals noch nie Bier getrunken. 1982 war das, kurz darauf wohnten wir hier. Das ging schnell.

Thorsten: Und immer noch zusammen!

ZEIT: Wurden Sie auch direkt Geschäftspartner?

Thorsten: Sabine war 1980 schon hier, als der Laden noch ein Blumengeschäft war. Ihre damalige Chefin, Frau Buschner, auf dem Kiez Blümchen genannt, wollte 1983 ihren Laden abgeben. Ich habe dann mit 22 Jahren den Blumenladen übernommen. Keine Ahnung von Buchhaltung! Von Blumen erst recht nicht.

Sabine: Völlig verrückt eigentlich.

Thorsten: Wir sind dann zusammen hierher gezogen.

Sabine: Vorne war der Laden, hinten haben wir gewohnt. Wir sitzen gerade in unserem ehemaligen Wohnzimmer.

ZEIT: Was war St. Pauli damals für ein Viertel?