Frage: Herr Frings, Sie haben Ihre Anstellung als Gemeindepriester aufgegeben und sind ins Kloster gegangen. Die aktuelle Situation der Kirche mache Sie krank, sagen Sie. Warum?

Thomas Frings: Krank ist ein zu starkes Wort. Ich drohte zum Zyniker zu werden.

Frage: Geht das nicht vielen im Berufsleben so?

Frings: Für einen gescheiterten Schriftsteller, der Literaturkritiker wird, mag Zynismus zum Berufsbild gehören. Ein Zyniker als Seelsorger jedoch hat seinen Beruf verfehlt.

Frage: Was war denn nun das Problem?

Frings: Wissen Sie, wie frustrierend es ist, einer Organisation anzugehören, die, solange Sie dazugehören, auf dem Rückzug ist? Überall wird gespart, gestrichen, zusammengelegt. Viel zu selten entsteht Neues. Stattdessen wird viel zu lange das Bestehende verteidigt. Und die entstehenden Großgemeinden verkauft man den Menschen dann auch noch als Chance. Als Pfarrer hatte ich da oft das Gefühl, dass wir nur noch eine Richtung kennen: rückwärts. Aber das ist vielleicht nicht einmal das Schlimmste.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Frage: Sondern?

Frings: Das Schlimmste ist die Vergeblichkeit. Zu wissen, dass man von den 500 oder 800 Menschen im Erstkommuniongottesdienst 95 Prozent sonntags nicht wiedersieht. Die Fragwürdigkeit der Trauung, in der das Paar und die Hochzeitsgesellschaft mehr schlecht als recht durch eine unbekannte Zeremonie stolpern. Die Inkonsequenz der Eltern, die aus der Kirche ausgetreten sind, aber ihr Kind zur Erstkommunion schicken und Beten für Quatsch halten, so zum Beispiel ein Kommunionkind zu mir. Eltern versprechen bei der Taufe, ihr Kind im Glauben zu erziehen. Doch das tun dann immer weniger. Die Zahl der Menschen, die Sakramente empfangen und anschließend nicht daraus leben, wächst. Und wir tun manchmal so, als würden wir es nicht sehen, weil wir froh sind, dass überhaupt noch jemand kommt. Selbstverständlich gibt es auch in allen Fällen die Gruppe derer, die das Gefeierte auch lebt, aber diese Gruppe wird seit Jahrzehnten nur kleiner und die andere größer.

Frage: Ist es kein Grund zur Freude, dass jemand kommt, egal aus welchen Gründen? Immerhin wollen diese Menschen etwas von der Kirche und Ihnen als Priester.

Frings: Natürlich ist es ein Grund zur Freude, wenn Menschen Erwartungen an uns haben. Aber dürfen wir deshalb keine Erwartungen an sie stellen? Die Sakramente zu feiern bedeutet eben auch, aus dem Glauben zu leben. Dazu jedoch sind immer weniger Menschen bereit. Es ist natürlich auch unsere Aufgabe, denen, die zu uns kommen, zu helfen und nahezubringen, was es heißt, aus dem Glauben zu leben.

Frage: Warum machen Sie es dann nicht?

Frings: Ich habe es versucht, und, das sei Ihnen versichert, zahllose Haupt- und Ehrenamtliche haben dies in den letzten Jahrzehnten versucht. Doch die Glaubensvermittlung ist nicht nur deren Aufgabe. Genau das scheinen immer mehr Eltern aber zu glauben. Sie geben ihre Kinder zur Kommunionvorbereitung ab und denken: "Mach mal!" Sie gehen den Weg selber aber nicht mehr glaubend und betend mit. Das ist sogar ehrlich, weil sie sich selber immer weiter davon entfernt haben. Kein Wunder, dass der Gottesdienst für die Kinder mehr zur Pflicht als zur Freude wird. Einen Tag vor der Erstkommunion hat mich ein Kind gefragt, ob es noch mal wiederkommen muss, wenn es die Kommunion erhalten hat, oder endlich wieder zu Hause bleiben darf. Da wurde das Fest der Erstkommunion zur Feier der Befreiung von Teilnahme an der Sonntagsmesse, auf deren Teilnahme man gerade vorbereitet wurde. Da kann man ob der Vergeblichkeit des eigenen Tuns als Seelsorger schwermütig werden. Noch einmal: Es gibt selbstverständlich auch die anderen, aber wir sind trotz aller Bemühungen Zeugen eines unaufhaltsam schwindenden Glaubens.

"Offen auch für die Nichtgetauften, die Zweifler und die Suchenden"

Frage: Aber sind die Eltern von heute nicht der Beweis: Früher war auch nicht alles besser? Bei ihnen muss in der Kindheit bei der Glaubensvermittlung ja auch einiges schiefgegangen sein …

Frings: Vielleicht ist da etwas schiefgegangen, aber es hat sich auch sonst viel geändert. Deshalb sind die jungen Menschen, die mit Kirche nichts mehr anfangen können, auch nicht das größte Problem. Es sind die Alten. Die kommen ja ebenfalls nicht.

Frage: Wie bitte? Wir dachten, ohne Alte wären viele Priester allein am Altar.

Frings: Das stimmt zwar hie und da, doch wenn in einer alternden Gesellschaft alle Alten in die Kirche gehen würden, gäbe es sonntags keine leeren Plätze. Dabei ist die persönliche Erfahrung, die eigenen (Groß-)Eltern beten zu sehen, bald wichtiger als jede Sonntagspredigt. Wie viele aus der Großelterngeneration sind ihren Kindern und Enkeln denn heute noch ein Vorbild in gelebtem Glauben, werden von der nachkommenden Generation als betende Menschen erlebt?

Frage: Da werden manche unserer Leser aber nicht erfreut sein.

Frings: Bittere Wahrheiten verschwinden nicht, indem man sie ignoriert.

Frage: Und was ist mit der bitteren Wahrheit, dass viele Priester sich mit der Situation arrangiert haben, dass sie ihren Stiefel runterpredigen und versuchen, die leeren Bänke vor ihnen zu übersehen, statt wirklich etwas dagegen zu tun?

Frings: Natürlich kann man auch in diesem Beruf resignieren. Das würden Sie vielleicht auch, wenn Ihnen durch schwindende Zahlen und die Gemeindezusammenlegungen mehr und mehr aufgebürdet würde. Wenn Sie wüssten, Sie gehören zu den Letzten Ihrer Art, weil der Priesternachwuchs in Deutschland gegen null tendiert. Es ist leicht, den Priestern Verantwortung zuzuschieben, und immer schwerer, heutzutage ein Priester zu sein – schwerer jedenfalls als früher, denn Rückhalt und Anerkennung sind ebenfalls geschwunden, und das schon lange vor dem Missbrauchsskandal.

Unter den jetzigen Bedingungen kann ich meine Aufgabe nicht mehr erfüllen, ohne vielleicht Schaden an der Seele zu nehmen.

Frage: Dann war Ihr Gang ins Kloster eine Flucht?

Frings: Nein, nicht Flucht! Ich bin gerne Priester und es war nie eine Entscheidung gegen meine letzte Gemeinde Heilig Kreuz in Münster. Was Besseres hätte ich mir nicht wünschen können! Ich habe jedoch gemerkt, dass ich eine Auszeit brauche. Unter den jetzigen Bedingungen kann ich meine Aufgabe langfristig nicht mehr erfüllen, ohne vielleicht Schaden an der Seele zu nehmen und die zahlreichen Rückmeldungen auf meinen Schritt sagen mir, ich bin auch nicht der Einzige, dem es so geht. Zwei Gemeindepfarrer habe ich hier im Kloster getroffen, die aus denselben Gründen gegangen sind wie ich.

Frage: Schaden an der Seele?

Frings: Jahrzehnte haben wir uns in der Kirche den Kopf darüber zerbrochen, wie wir den Menschen ein Angebot machen können, das sie schwerlich ablehnen können oder ihnen zumindest entgegenkommt. Wir haben mit ihnen Feste gefeiert zur Taufe, zur Kommunion, zur Firmung, zur Eheschließung. Einige dachten vielleicht auch manchmal: Wenn wir möglichst wenig von ihnen wollen und möglichst keine Ansprüche stellen, dann kommen sie irgendwann zurück. Doch sie kamen nicht.

Frage: Ist es wirklich so schlimm, dass die Kirche möglichst viele Menschen erreichen will?

Frings: Das Vorhaben ist aller Ehren wert, und der Auftrag Jesu lautet schließlich: Geht hinaus in alle Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen (Mk 15,16). Nur müssen wir uns auch fragen, warum wir die Menschen erreichen wollen. Diese Frage habe ich schon vor 30 Jahren als junger Kaplan gestellt. Bereits damals hieß es: Es ist unser Auftrag, basta! Bereits damals hatte ich den Verdacht: Es geht uns möglicherweise etwas zu sehr um uns selbst und nicht um die, die wir erreichen wollen.

Frage: Weil man meinte, Kirche macht mehr Spaß mit vielen als mit wenigen?

Frings: Ja, genau! Natürlich fühlen wir uns alle besser, wenn andere bei uns mitmachen. Dabei übersehen wir, dass die Menschen nicht bei der Kirche mitmachen sollen, damit wir uns besser fühlen, sondern es soll um sie, die Menschen, gehen und um Gottes Willen. Viel zu oft schauen wir auf die Zahlen.

Frage: Ist die ideale Kirche leer, aber gläubig?

Frings: Die Kirche, wie ich sie mir vorstelle, begegnet den Problemen von heute nicht mit den Werkzeugen und auf den Wegen von gestern. Wie oft hieß es, wir müssen in die Kindergärten und die Schulen, um die Kinder dort für den Glauben zu gewinnen? Das hat doch schon in der Vergangenheit nicht zu dem gewünschten Ergebnis geführt. Da haben sich unsere Vorgänger schon redlich bemüht.

Frage: Was fällt Ihnen denn ein? Weitermachen mit dem heiligen Rest im Seitenaltar?

Frings: Nichts gegen den Gottesdienst am Seitenalter, der kann zutiefst erfüllend sein. Nein, der heilige Rest soll nicht die Zukunft sein. Das würde ja bedeuten, dass nur mitmachen kann, wer hochprozentig katholisch ist. Damit würden wir uns abschließen von der Welt und viele Menschen ausschließen. Die Kirche, die ich mir vorstelle, ist offen gerade auch für die Zwanzigprozentigen und die Nichtgetauften, die Zweifler und die Suchenden, für die, die nur einmal im Jahr ein Besinnungswochenende möchten. Kirche orientiert sich an Gottes Botschaft und an den Bedürfnissen der Menschen. In ihr ist die Tradition keine Entschuldigung, um sich nicht verändern zu müssen. Ich will die Mauern zur Welt keineswegs hochziehen. Ich will auch niemanden ausschließen. Dass immer noch viele Menschen unsere Angebote wahrnehmen, aber immer weniger aus ihnen im Alltag Lebenskraft nehmen, kann ja auch an den Angeboten liegen. Diese Diskrepanz lässt mich nicht in Ruhe, und zwar im Interesse der Menschen.

Ich kann mir lebensdienliche Feiern vorstellen für Menschen, für die der hohe Anspruch der Sakramente nicht das für sie Entsprechende ist. Wenn wir seit Jahrzehnten hochengagiert fast hundert Prozent der Kinder auf die Teilnahme an der Kommunion am Sonntag vorbereiten, es aber von Jahr zu Jahr nur weniger werden, die das dann auch tun, dann passen doch anscheinend die beiden Teile nicht mehr zusammen. Nur weitermachen und hoffen war mir zu wenig, auch um der Menschen willen, für die am Ende nur schöne Erinnerungen bleiben, aber nichts, was mit ihrem Leben im Alltag, ja nicht einmal mehr am Sonntag zu tun hat.

Frage: Sie würden den modernen Sinnsucher gerne von der Yogamatte vor den Altar locken?

Frings: Ihn auch. Warum nicht? Was ist falsch daran, wenn der Sinnsucher den Sinn bei uns sucht? Das passiert viel zu selten.

Frage: Aber bauen Sie da nicht ein Luftschloss? So eine Gemeinde gibt es nicht und wird es in der verfassten katholischen Kirche, so unperfekt und hilflos, wie Sie sie beschreiben, auch nicht geben.

Frings: Da bin ich mir nicht so sicher. Klar, es ist ein Traum, ein Entwurf, eine Skizze. Aber wer sagt, dass das nicht Wirklichkeit werden kann?

Frage: Das heißt, wenn Sie die passende Gemeinde und die Freiheit hätten, die Sie sich wünschen, würden Sie Ihr Kloster verlassen und die Kirche verändern?

Frings: Das sind zu große Worte. Ein "Ich" kann die Kirche nie verändern, das kann immer nur ein "Wir" in Zusammenarbeit mit dem Geist Gottes. Aber das wäre eine Herausforderung, der könnte ich mich schwerlich entziehen.