Grundschullehrer ist ein Traumjob: Neugierige, lernwillige Kinder, leichter Stoff, früher Feierabend. Wirklich? In vielen Frankfurter Grundschulen scheint sich der Job in einen Albtraum zu verwandeln. "Manche Lehrer stehen kurz vor dem Kollaps", sagt Benedikt Gehrling, Sprecher der Frankfurter Grundschulleiter und selbst Rektor seit 2003. Er wolle nicht jammern, sagt er. Aber da laufe gerade etwas total aus dem Ruder.

Deshalb hat er mit Kollegen kürzlich einen Brief an den hessischen Kultusminister Alexander Lorz (CDU) geschrieben. Auf den drei Seiten ist zu lesen, dass Grundschullehrer in Frankfurt eine "kaum zu bewältigende Arbeitsbelastung" aushalten müssten. In vielen Stadtteilen hätten mehr als 80 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund, viele von ihnen, obwohl in Frankfurt geboren, kämen ohne ausreichende Deutschkenntnisse in die Schule. Viele Eltern seien ungebildet und arbeitslos. Dazu müssten die Lehrer seit einigen Jahren die Inklusion meistern, behinderte und verhaltensauffällige Kinder in Regelklassen unterrichten. Mit den Flüchtlingskindern sind jetzt noch viele neue Herausforderungen dazugekommen. Ohne zusätzliche Ressourcen sei das nicht mehr zu bewältigen. Es brauche mehr Lehrer und mehr Geld. Guter Unterricht sei sonst unmöglich.

Unterschrieben haben den Brief 60 Grundschulrektoren; es gibt in Frankfurt rund 80 Grundschulen, das ist eine satte Zweidrittelmehrheit. Ist es tatsächlich so schlimm?

Ein Mittwochmorgen Anfang Februar in einer Frankfurter Grundschule. In Gruppenarbeit sollen Drittklässler ein Bild beschreiben. Zehn Minuten dauert es, bis es zu ersten Handgreiflichkeiten kommt. Ein Mädchen weint, ihr Sitznachbar hat sie ins Gesicht geschlagen. Während die Lehrerin den Übeltäter zur Rede stellt, beginnt am Nebentisch eine Rangelei. "Wir brechen die Gruppenarbeit ab!", ruft die Klassenlehrerin. "So geht es nicht."

Die 3c hat ihr Klassenzimmer im zweiten Stock eines Schulgebäudes aus den sechziger Jahren. Unter der Fensterfront steht ein Regal, in dem jeder Schüler ein Fach hat. Man liest: Aysche, Muhammad, Valeria, Dragan, 23 Namen, nur zwei davon lassen auf deutsche Muttersprachler schließen. Das sei nicht ungewöhnlich, sagt die Klassenlehrerin. Ihr Name soll nicht in der Zeitung stehen, genauso wenig der Name der Schule und die richtigen Namen der Kinder. Nennen wir die Lehrerin Frau Frei.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 8 vom 16.2.2017.

Auf dem Pausenhof erzählt Frau Frei in einer windgeschützten Ecke aus ihrem Alltag: von Schülern, die in der ersten Klasse "nur rudimentär" Deutsch können. Die mit Begriffen wie Ranzen, Lineal oder Heft nichts anzufangen wissen. Die Vergangenheitsformen lernen müssen wie bei einer Fremdsprache und nicht wissen, welcher Artikel zu welchem Wort passt. Die zu Hause mit ihren Eltern Rumänisch, Russisch, Arabisch oder Türkisch sprechen.

Seit 25 Jahren ist Frau Frei Lehrerin, seit 20 Jahren unterrichtet sie an dieser Schule. Schon damals war der Anteil der Schüler mit ausländischen Wurzeln hoch, er lag bei 40 Prozent. Aber erst seit einigen Jahren sind deutsche Muttersprachler die Ausnahme. Dabei wären sie als Sprachvorbilder für ihre Mitschüler so wichtig. Hausaufgaben schaffen viele ihrer Schüler nicht, zu Hause bekommen sie keine Unterstützung, nicht wenige Eltern sind Analphabeten. Das Nacharbeiten geht von der eigentlichen Unterrichtszeit ab. Um ihren Schülern gerechter zu werden, hat Frau Frei Fortbildungen für Deutsch als Zweitsprache absolviert.

Und noch etwas hat sich verändert. Frei erzählt von überforderten Familien, die keinen geregelten Alltag haben. Die Hälfte der Eltern ist ohne Arbeit. Viele Kindern beherrschen grundlegende Regeln wie Pünktlichkeit nicht, sie wissen nicht, wie man sich anderen gegenüber verhält. "Wir Lehrer müssen die Aufgaben der Eltern übernehmen."