Als ich meine Nachbarin das erste Mal sah, saß sie auf ihrer Fensterbank, die Beine so weit von sich gestreckt, dass ich befürchtete, sie würde jeden Moment in den Abgrund stürzen. Alles, was sie trug, war ein schwarzes Höschen.

Es war ein Frühlingsmorgen, das weiß ich noch, einer der ersten warmen Tage des vergangenen Jahres. Ich war in die Küche geschlurft, um mir einen Kaffee zu kochen, auf dem Tisch die Flaschen von gestern, als mein Blick auf das geduckte, zweistöckige Haus gegenüber fiel, und auf die nackte Frau im Fenster.

Sie hörte Musik, die nach den achtziger Jahren klang, sie sang laut mit. Es war schwer zu sagen, wie alt sie war. Sie hatte kleine, feste Brüste und einen flachen Bauch, ihr Gesicht konnte ich nicht erkennen. Meine Mitbewohner, die schon länger hier wohnten, St. Pauli, Hamburgs offizielle Suff- und Absturzhölle, nannten sie die "Verrückte".

Die Verrückte stand oft am Fenster, hin und wieder mit einer Puppe in der Hand. Sie tanzte, sie sonnte sich, sie strippte, sie sang, sie hielt Reden, sie rezitierte Gedichte oder Theatermonologe, oft auf Englisch. Das Fenster war ihre Bühne, der Hinterhof ihr Publikum.

Einmal schrie ein Nachbar, sie solle die Fresse halten. Wir hätten so was nie gerufen. Wenn wir abends in der Küche saßen und rauchten, schauten wir ihr zu. Gesang von Einsamkeit, Gebet an die Nacht. Manchmal applaudierten wir oder riefen "Bravo!", manchmal winkten wir. Sie winkte nie zurück.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 8 vom 16.2.2017.

Aus Verwunderung wurde Neugier. Ich wollte wissen, wer die Verrückte war. Ich vermutete eine Geschichte, ein kleines Drama. Denn meist sind Verrückte ja gar nicht verrückt, sondern ins Straucheln geraten, was wirklich jedem passieren kann, erst recht, wenn man auf dem Kiez gestrandet ist. Jeder aus seinen Gründen.

Durch die Nachbarschaft geisterten viele Gerüchte über unsere Nachbarin. Sie sei eine Hure, sagten die Taxifahrer. Sie sei ein Junkie, sagten die Huren auf dem Transenstrich. Sie sei mal ein berühmtes Model gewesen, das jetzt nur noch von Sternzeichen fasele, hieß es im Kiosk. Nein, eine Schauspielerin, die im Tatort und bei Polizeiruf 110 mitgespielt habe, sagten sie in der Pizzeria. Sie sei ein Aktmodell, er habe sie in einem Zeichenkurs gesehen, sagte ein Freund meines Mitbewohners. Nein, eine Scientology-Aussteigerin, sagte eine Putzfrau in einem Club.

Die Verrückte war so schwer zu fassen wie ein Bienenschwarm. Das Einzige, was alle beschrieben, war ihr stechender, alles durchdringender Blick.

Es gibt diese Leute, die man beinahe jeden Tag sieht. Man gewöhnt sich an sie, einfach weil sie immer da sind, auf dem Kiez gibt es viele davon: den schwulen Bäcker in der Silbersackstraße, den Fixer im Häusereingang der Heilsarmee, die Transe mit dem monströsen Arsch. Es sind Leute, von denen man nichts weiß, Statisten des Alltags. Manchmal dringt einem ihre Anwesenheit erst dann ins Bewusstsein, wenn sie plötzlich verschwunden sind. So war es mit unserer Nachbarin.

An dieser Stelle hätte diese Geschichte vorbei sein können

Oft fotografierte Eva den Blick aus dem Fenster. Im Haus gegenüber wohnte der Autor © privat

Auf einmal, es war Sommer geworden, war sie weg. Seit Tagen schon. Also ging ich hinüber, von der Talstraße auf den Hamburger Berg. Ich blieb vor der Barbara-Bar stehen, eine graffitibemalte Tür, hier musste sie wohnen. Ich hoffte, sie hatte sich nicht aus dem Fenster gestürzt. Ich klingelte, ich klopfte an der Bar, ohne zu wissen, was ich sagen würde, "Hallo" vielleicht. Aber es war Nachmittag, niemand öffnete.

An dieser Stelle hätte diese Geschichte vorbei sein können, doch aus Neugier wurde Beharrlichkeit. Nächte am Tresen, Goldener Handschuh und Taverne, so heißen die Läden hier, Nächte am Automaten und am Billardtisch, klebrige Fußböden und zu viele Zigaretten und immer dieselbe Frage: "Kennst du die Frau mit dem stechenden Blick?" Kopfschütteln, Visitenkarte. "Ruf an, wenn du was weißt." Noch ein letztes Bier, zerhauene Tage, nie wieder Tequila. Aber nichts von unserer Nachbarin. Das Fenster gegenüber blieb blind.

Bis eines Tages, es war Mitte November und die Beharrlichkeit mittlerweile zur Resignation geschrumpft, mein Handy klingelte.

"Hallo, hier ist Eddie", sagte eine raue Stimme. "Du suchst Eva, oder? Komm vorbei!"

Jetzt?

"Jetzt! In der Barbara-Bar."

Eva also, dachte ich. Unsere Verrückte hat einen Namen.

Eddie wartete drinnen am Tresen. Ein Mann um die 40, ganz in Schwarz gekleidet, die Augen müde und verschattet. Er führte mich eine steile Treppe hinauf in den ersten Stock über der Barbara-Bar, vorbei an den Bildschirmen der Videoüberwachung, in ein Zimmer, das so niedrig war, dass man den Kopf einziehen musste, und so vollgerümpelt wie eine Theaterrequisite: sein Büro. Eddie ließ sich in einen Sessel fallen.

Vor seinem Schreibtisch standen die golden besprühten Beine einer Schaufensterpuppe, überall stapelten sich Kronleuchter, Scheinwerfer, Kostüme. Ihm gegenüber saß eine Frau auf einem Sofa, eingewickelt in drei Lagen aus Pullovern, die Mütze in die Stirn gezogen. Sie heiße Maja, sagte sie, während sie sich eine Zigarette drehte.

Wo ist Eva?, fragte ich.

Eddie: "Sie ist gestorben."

Gestorben?

Eddie: "Ja, wir haben sie am 22. September in ihrer Wohnung gefunden. Es hat aus ihrem Zimmer gerochen, wir haben die Polizei gerufen. Sie muss dort schon drei, vier Tage gelegen haben."

Woran ist sie gestorben?

Eddie: "Ich weiß nicht. Es war wohl nichts zu sehen, keine äußeren Einwirkungen, hat die Polizei gesagt. Vielleicht Selbstmord."

Maja: "Ich glaube nicht, dass es Suizid war. Sie sah schlecht aus, als ich sie das letzte Mal gesehen habe, abgemagert, aber sie wirkte nicht so, als hätte sie keinen Bock mehr zu leben."

Wie alt war sie?

Maja: "So um die 40 vielleicht."

Eddie: "Ja, das könnte hinkommen. Eva war ja schon lange hier, zehn Jahre bestimmt. Eines Tages war sie einfach da und ist nicht mehr gegangen, sie brauchte eine Wohnung, und ich hab ihr das Zimmer unterm Dach gegeben, zehn Quadratmeter, zwei Fenster, ein Bad, keine Küche."

Als sei sie ein kleines Mädchen

Maja: "Sie hat oft unten getanzt, wenn ich aufgelegt habe. Sie hatte so eine Mordsenergie, so übersprühend und aufgedreht war sie. Sie hat immer so gestrahlt und Gin Tonic getrunken und von Engeln und Sternzeichen erzählt. Ich bin Waage, für Eva war ich immer Harmonie und Gleichgewicht."

Eddie: "Ich weiß nicht, ob sie gestrahlt hat, vielleicht eher geflackert. Eva hatte einen kleinen Knacks weg. Größtenteils ist sie schon ein sehr trauriger Mensch gewesen."

Maja: "Traurig nicht. Tiefsinnig."

Eddie: "Feinfühlig."

Maja: "Ja, feinfühlig. Ich glaube, das mochte ich am meisten an ihr, sie war so urteilslos. Sie hat nichts gegeben auf Vorurteile und Oberflächlichkeiten. Und sie konnte gut zuhören. Wenn dich was bedrückt hat, hat sie das auch bedrückt. Aber in den letzten anderthalb Jahren habe ich sie immer seltener gesehen. Sie konnte das mit den vielen Menschen hier nicht mehr."

Eddie: "Ja, die meisten legen sich ja irgendwann eine Rüstung zu. Aber sie nicht. Sie hat in allem nur das Positive gesehen, das kann deine Seele kaputtmachen. Ich weiß noch, was wir aus ihrer Wohnung herausgetragen haben: ganz viel Nippes, Kitschbilder, Puppen, Kuscheltiere. Als sei sie ein kleines Mädchen."

Maja: "Der Kiez ist zu viel gewesen für sie."

Eddie: "Der Kiez ist ein Strudel: Drogen, Sex, Gewalt, alle Verlockungen dieser Welt. Du brauchst schon starke Segel, um dagegen anzukommen."

Maja und Eddie wirkten, als wüssten sie, wovon sie reden. Maja, erfuhr ich dann, lebte seit zehn Jahren auf dem Kiez; Eddie, Sternzeichen Wassermann, dem neben der Barbara-Bar noch drei andere Clubs gehörten, seit 17 Jahren. Sie erzählten dann noch, dass Eva eigentlich Eva Maria heiße. Dass sie viel im Internet, auf Facebook und Twitter, geschrieben habe. Und dass ein Mann mit einem riesigen Hund sich um sie gekümmert habe, sie gaben mir seine Telefonnummer. Dann verabschiedete ich mich.

Bei jeder Suche gibt es einen Punkt, an dem man nicht mehr sucht, sondern findet. Aber das, was ich gefunden hatte, war etwas anderes als das, was ich gesucht hatte. Bis eben hatte meine Nachbarin für mich noch nicht einmal einen Namen, jetzt war sie tot.

Aus der Geschichte über meine verrückte Nachbarin würde ein Nachruf werden. Aber wer war Eva? Und wie war sie gestorben?

Ich entdeckte, dass sie fast jeden Tag etwas auf Facebook und Twitter postete, meistens ging es um Sternzeichen, gelegentlich um Putin oder Trump. Sie mochte The Cure und verehrte Robert Smith, den Sänger. Ich stellte fest, dass ihr bei Twitter 1056 Menschen folgten, und dass sie bei Facebook mehrere Tausend Fotos online gestellt hatte. Meistens Kiezaufnahmen, Schnappschüsse, Straßenszenen, die Davidwache, die Kasinos, und viele Selbstporträts.

Ich schaute in Evas Gesicht. Sie hatte langes, dunkles, gelocktes Haar und grüne Augen. Und ich sah, dass sie immer wieder den Blick aus ihrem Fenster fotografiert hatte, auf unser Haus und den Himmel dahinter.

Ihre Geschichte, eine große Tragödie

"Das Evchen wirkte auf mich immer wie ein kleiner, zarter Vogel, der aus dem Nest gefallen ist", sagte Michel, den ich einige Wochen später in einem Café auf dem Kiez traf. Michel, 62, ist der Mann mit dem großen Hund, der Teddy heißt, ein Kangal, ein anatolischer Hirtenhund mit weißem Fell, 90 Kilo schwer. Michel sagte, das Evchen habe den Teddy geliebt.

Als Michel von Evchens Tod hörte, sei er traurig gewesen, aber nicht überrascht, sagte er. "Es war absehbar! Ich hatte sie gewarnt! Mädel, habe ich gesagt, über kurz oder lang wird es einen Crash geben! Dir geht es beschissen! Entweder du suchst professionelle Hilfe, oder du wirst den Bach runtergehen."

Michel, Sternzeichen Löwe, war mal Soldat, was man daran erkennen kann, dass er noch immer Armeestiefel und Bürstenschnitt trägt und in der hohlen Hand raucht. 15 Jahre lang war er Scharfschütze bei der französischen Fremdenlegion, erzählte er, vierte Kompanie, zweites Fallschirmjägerregiment, stationiert in Dschibuti. Aber das ist lange her. Mittlerweile geht er mit Teddy regelmäßig ins Hospiz, es gibt wenig, über das sich Todkranke so sehr freuen wie über seinen großen, weißen Hund.

Das Evchen, sagte Michel, habe vor allem Probleme mit den Drogen gehabt. Sie habe Joints geraucht wie andere Zigaretten. Er kümmerte sich um sie, er schenkte ihr eine Daunenjacke, eine Kaffeemaschine und einen braunen Steiff-Bären. Manchmal spazierten sie mit Teddy im Park Planten un Blomen und schauten die Krokusse an. Manchmal kam Eva zu ihm, ziemlich fertig, und er nahm ihr das Speed ab und die Pillen, setzte sie in die Badewanne und kochte ihr etwas Warmes zu essen.

Michel sagte, er glaube nicht, dass es Selbstmord war, vielleicht Organversagen oder so. Sein Händedruck zum Abschied war fest, ich konnte ihn noch eine Weile fühlen.

Ich frage mich, ob ich mich zu weit in ein fremdes Leben hineingewagt hatte. Eva war eine Taumelnde, ihre Geschichte kein kleines Drama, sondern eine große Tragödie. Ich überlegte, die Sache sein zu lassen.

Doch dann schrieb mir Mike, Evas bester Freund, wie er selber sagte. Und ich fuhr an einem eiskalten Freitagabend im Januar an den Stadtrand Hamburgs, in ein Gewerbegebiet in Tonndorf.

Mike, 31 Jahre alt, ehemals Musicaldarsteller, heute Altenpfleger, Sternzeichen Stier, empfing mich in seiner Wohnung, im Flur hingen Fotos von Eva an den Wänden, wir setzen uns ins Wohnzimmer, wo weitere Fotos von ihr lagen. Fotos, auf denen sie gesund aussah, sehnsüchtig und nachdenklich und schön. Mike sagte, er habe Eva vor elf Jahren kennengelernt, auf einer Party in der Wunderbar, einer Schwulenbar auf dem Kiez.

Je weiter ich mich vom Kiez entferne, dachte ich an diesem Abend in Hamburg-Tonndorf, desto näher komme ich ihr.

Glaubt man Mike, geht Evas Geschichte so: Eva Maria, am 9. November 1974 in Hannover geboren, die Mutter alleinerziehend, wuchs in Mainz auf, lebte eine Weile in Amerika, zog später nach Köln, arbeitete dort fürs Radio und moderierte die Satiresendung Die Supermuttis, bevor sie nach Hamburg zog. Dort machte sie erst eine Ausbildung an der Stage School of Music und studierte dann Schauspiel am Hamburgischen Schauspielstudio, sie trat im Theater Altona auf, arbeitete in der Redaktion von Johannes B. Kerner, spielte in Fernsehproduktionen des NDR mit, Nebenrollen im Tatort, bei Polizeiruf 110 und K11.

Sie hatte keine Kraft mehr, sich zu befreien

Dann irgendwann, Eva muss um die 30 gewesen sein, starb ihre Mutter, und Eva lief nicht mehr, sie stolperte. Das Einzige, was danach in ihrem Leben konstant war, sagte Mike, war das Auf und Ab.

Und die Gerüchte? Hure? Model? Scientology?

"Ja, das stimmt alles", sagte Mike. "Sie war alles! Sie hat gemodelt, sie hat eine Zeit lang bei einer Escort-Agentur gearbeitet, sie hat zu viel gekifft, und ihre Mutter war bei Scientology, aber Eva ist mit 18 ausgestiegen."

Es stimmt alles, dachte ich. Es ist alles wahr – und doch nicht. Denn im Grunde war das alles, diese Gerüchte, die keine mehr waren, egal. Es ging darum, wie sie war. Und Eva schien etwas in den Menschen berührt zu haben. Jedenfalls redeten alle, mit denen ich während dieser Suche gesprochen hatte, mit großer Zärtlichkeit von ihr. Vielleicht war es ihre Verletzlichkeit, die dazu führte, dass auch sie sich nicht scheuten, verletzlich zu sein.

Das letzte Mal, sagte Mike, habe er Eva Mitte September gesehen, drei Tage vor ihrem Tod in ihrem Zimmer, nur ein Jahr zuvor war ihr Vater gestorben. Wenn es ihr gut ging, streifte sie draußen durch die Straßen, wo sie jeden kannte, aber kaum jemand sie. Sie tanzte durch die Kneipen und schenkte Obdachlosen 20 Euro, obwohl sie selber nur Hartz IV bekam. Aber wenn es ihr schlecht ging, verschanzte sie sich in ihrem Zimmer, diesem zehn Quadratmeter großen Käfig, in dem im Winter die Heizung ausfiel, wo es von der Decke tropfte. Sie schaute dann Serien, Six Feet Under und Dexter, und neben ihr saßen Toldi, der Steiff-Teddy, und Luise, die Puppe, die ihrer Mutter gehört hatte.

Sie hatte keine Kraft mehr, sagte Mike, keine Kraft, sich zu befreien, sie wollte ja weg, weg vom Kiez, diesem Leben, das sie aufzehrte, sie war nur noch Haut und Knochen, aber er glaube dennoch nicht, dass es Selbstmord war, sie war stabil. Für ihre Verhältnisse. Vielleicht war es eine Lungenembolie, vermutete er.

Dann spielte er ein Video auf YouTube ab, das Video ist neben den Fotos, neben fünf Edelsteinen, Rosenquarz und grünem Amethyst, neben einer silbernen Halskette, die er ihr geschenkt hatte, und einem silbernen Ring, den er jetzt am kleinen Finger trägt, alles, was ihm von Eva geblieben ist.

In dem Video trägt Eva ein Gedicht vor, selbst geschrieben, mit dunkler, voller Stimme, untermalt von Musik.

"Mach die Taschenlampe an, das letzte Hemd ist noch nicht dran / Mach die Taschenlampe an, leuchte mir doch mal durch die Kehle, direkt in meine schwarze Seele / Mach die Taschenlampe an, schlafen muss jeder, da lässt der Engel die Feder."

Darunter mehrere Kommentare:

"Rest in peace my ANGEL I’ll miss you for ever my heart is just broken."

"Diese Trauer.... ohne Dich liebes Evachen ist es nicht das selbe. (...) Ich trage dich als mein Licht im Herzen."

Mike sagte, Evas Urne sei auf dem Friedhof Hamburg-Ohlsdorf beigesetzt worden, im Ruhewald am Pökelmoor, Baum 13, eine Linde. 30 Leute seien zu ihrer Beerdigung da gewesen, am 9. November 2016. An diesem Tag wäre sie 42 Jahre alt geworden. Sie war Skorpion.

Nach dem Treffen mit Mike überlegte ich, zum Friedhof zu fahren. Stattdessen fuhr ich nach St. Pauli. Ich war inzwischen nach Eimsbüttel gezogen, vom Kiez in die Bürgerlichkeit. Jemand anderes schaute jetzt vom Küchenfenster in den Hinterhof.

Ich ging in die Barbara-Bar und bestellte ein Bier. Und während ich am Tresen saß, fiel mir Jack ein, Evas Schneider, ein kleiner Mann mit Glatze, dessen Laden gleich um die Ecke lag. Einer der vielen, die sich genau an sie erinnerten. Jack hatte mir erzählt, dass Eva drei Tage vor ihrem Tod eine bordeauxrote Jacke und eine helle Jeans abgegeben hatte, Brandlöcher, Reparatur für 20 Euro. Bislang hat niemand sie abgeholt.

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