Warten macht glücklich. Forscher haben nachgewiesen, dass, egal ob wir uns etwas Schönes ausmalen oder es tatsächlich erleben, dieselbe Hirnregion aktiv ist. Die Wirkung der Vorfreude ist nicht zu unterschätzen. Kurzfristig gibt es ein High durch Dopamin, langfristig trägt die sogenannte Belohnungserwartung zu einem positiven Selbstbild bei, stärkt Zuversicht und Lebensfreude.

Jetzt ist Hamburg auf Entzug, das Warte-Dopamin ist aufgebraucht. Die großen Projekte sind abgeschlossen. Olympia, die Vision einer Sportweltstadt: betrauert und begraben. Die Elbphilharmonie: eröffnet. Die Kanzlerkandidatur von Olaf Scholz: abgehakt. Die Elbvertiefung: grundsätzlich genehmigt, wenn auch mit erheblichem Nachbesserungsbedarf.

Die Zukunft ist erwartungsfrei. Ein Jammer.

Denn kollektive Vorfreude hat etwas Verbindendes und Verbindliches. Ein Gemeinwesen entwirft sich auf einen bestimmten Punkt hin, sei es im Widerspruch, im Protest oder in der gemeinsamen Euphorie. Solche Projektionen befeuern den Diskurs, die Medien. Über große Projekte und Pläne können alle reden. Man zetert, streitet, bangt und freut sich gemeinsam.

Die Elbphilharmonie war eine Wartegeschichte mit perfekter Dramaturgie. Von Begeisterung über Ernüchterung und Enttäuschung bis zur finalen Beglückung verlief die Spannungskurve, und dass sich die Kosten von geschätzten 77 Millionen Euro mehr als verzehnfachten, machte das Ganze noch süffiger.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 8 vom 16.2.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Bei der Elbvertiefung ging es um alles Mögliche – Fahrrinnenverbreiterung, die Rettung des Schierlings-Wasserfenchels –, letztlich aber um den Kampf Wirtschaft gegen Umweltschutz, ein Thema, das selbst jene aufwühlt, die den Hafen ansonsten nur als Kulisse für Kreuzfahrttanker und Musicals wahrnehmen. Natur contra Kommerz – natürlich warteten alle gebannt auf den Showdown. Wer würde sich durchsetzen? Dass die Vertiefung kommt, aber noch gehörig nachgearbeitet werden muss, verlängert das Warten zwar für weitere Monate, aber die Spannung ist weitgehend verschwunden. Die Linie ist klar. Was jetzt ansteht, beschäftigt die Spezialisten.

Olaf Scholz als Kanzlerkandidat – das war ein tolles Wartestück. Die Vorstellung, Hamburgs Erster Bürgermeister würde gegen Angela Merkel antreten, löste jenseits politischer Planspiele auch einen gesteigerten Lokalstolz aus, veredelt mit einem Hauch vorauseilender Melancholie. Man hätte ihn ziehen lassen müssen, den fähigsten Mann des Senats, und wenn er im Wahlkampf aktiv geworden wäre, mit dieser Mischung aus Hemdsärmeligkeit, Sachverstand und nordischer stiff upper lip, dann hätte sich ein Wir-sind-Papst-Gefühl eingestellt.

Abgesehen vom Glamour der bundespolitischen Bühne, der auf die Stadt abgestrahlt hätte: Ein Kanzlerkandidat Scholz wäre gut gewesen, vor allem für die Hamburger Oppositionsparteien. Der Erste Bürgermeister ist hoch angesehen, und es spricht nichts dafür, dass sich das in Zukunft ändern wird.

Auf diese Weise aber entsteht keine Spannung, keine Dynamik. Während bundesweit die Vorfreude auf den Wahlkampf wächst, weil die Kontrahenten tatsächlich einen Gegensatz verkörpern, kehrt Hamburg zurück zum Tagesgeschäft. In der Ära Scholz gehört die Scheu vor großen Visionen zur Staatsräson. Vorfreude war gestern, jetzt wird die Realität verwaltet.

Das Problem: Wenn spannende Wartegeschichten fehlen, muss man sie erfinden. Es schlägt die Stunde der Ideologen. Dann werden Kleinigkeiten zu bedeutsamen Kontroversen aufgebauscht.

So gibt es zum Beispiel keine vernünftigen Argumente gegen die Busbeschleunigung. In einer wachsenden Stadt sind die Straßen überfüllt, man muss für Verkehrsmittel, die weniger Platz einnehmen, mehr Platz einräumen. Jede Regierung müsste das Verkehrsdilemma in den Griff kriegen – die Unterschiede in der Ausführung wären am Ende minimal.

Dass darüber dennoch ein Grundsatzstreit geführt wird, liegt daran, dass eine Opposition Themen und Konflikte braucht.

In Winterhude geriet unlängst die Ersetzung einer handtuchbreiten Verkehrsinsel durch weiße Streifen auf dem Asphalt zum Politikum. Die Einigung mit der zuständigen Bürgerinitiative wurde von der Opposition als fulminante Zitterpartie verkauft, an deren Ende ein historischer Kompromiss stand. So treten Scheingefechte an die Stelle bedeutsamer Konflikte, und Politik wird ideologieanfällig, weil Differenzen inszeniert werden, wo eigentlich keine vorliegen.

Neue große Vorfreude-Storys sind nicht in Sicht. Hamburg wartet jetzt zweiter Klasse. Auf die Verlegung des Bahnhofs Altona. Auf die Ausweitung der Fahrradwege (286 Kilometer Veloroute sollen bis 2020 fertig sein). Auf den Baubeginn der U5, die den wohlhabenden Osten mit dem ärmeren Westen verbinden soll. Auf die Modernisierung des Wärmenetzes, Ende des Jahres könnte es erste Bauaufträge geben. Das ist das Methadon des Wartejunkies, der sich mit den schwer nachvollziehbaren Konflikten tröstet, die bei auf Jahrzehnte angelegten Infrastrukturprojekten anfallen. Aus der Hafenquerspange, einer Autobahnverbindung durch den Süden Hamburgs, wird niemals eine Elbphilharmonie.

Bis Juli gibt es wenigstens den G20-Gipfel mit Donald Trump und Wladimir Putin als Gästen. Sogar Innensenator Andy Grote (SPD) äußerte Verständnis für Proteste. Die radikale Linke trifft sich schon zum Blockadetraining, Randale ist programmiert.

Kulturfreunde halten sich unterdessen an die Ausstellung in der Kunsthalle, die ausschließlich dem Warten gewidmet ist. Musicalfans fiebern der Travestie-Sause Kinky Boots auf dem Kiez entgegen. Sexisten freuen sich auf das Brüste-Restaurant Hooters. Oder man wartet auf der Metaebene: dass in den Kundenzentren endlich, wie von SPD und Grünen versprochen, das ewige Warten aufhört.

Und dann ist da noch der HSV. Wechselt in dramatischem Eifer sein Personal aus. Kämpft weiter mal mehr, mal weniger erfolgreich um den Klassenerhalt. Und alle fiebern, ja, welcher Sache eigentlich entgegen? Manche sogar dem Abstieg. Dann hätte man das Schlimmste endlich hinter sich. Und könnte sich freuen: auf den Weg zurück, nach oben.