Der Arzt steht am Fußende des Bettes, vor ihm liegt ein Mann um die fünfzig, eingeliefert wegen hohen Blutdrucks. Der Arzt stellt Routinefragen: Haben Sie jemals geraucht, trinken Sie Alkohol, nehmen Sie andere Drogen?

"Die normalen Jugendsünden", sagt der Mann knapp. "Wie man das bei uns eben so macht."

Der Arzt hält kurz inne. Es ist nur eine Nuance, die Betonung eines Wortes, die ihn aufhorchen lässt: uns.

Mohamad Alkhyoti, der Arzt, blickt von seinem Fragenkatalog auf, schaut den Mann im Krankenbett an. "Ich habe das auch gemacht", sagt er. Seine Stimme klingt angespannt. Der Mann im Bett bleibt stumm. "Ich komme dann später zum Blutabnehmen", sagt der Arzt.

Es ist ein Tag im Frühjahr 2016 auf der kardiologischen Station des Krankenhauses St. Elisabeth in Halle an der Saale. Mohamad Alkhyoti tritt aus der Tür. "Ich habe das auch gemacht", hat er gesagt. Was der Patient nicht weiß: Das stimmt nicht. Alkhyoti hat in seinem Leben nicht einen Tropfen Alkohol getrunken. Er ist gläubiger Muslim.

Alkhyoti hat geflunkert, weil er eine Gemeinsamkeit herstellen wollte. Ein Wir, wo es keines gab. Mohamad Alkhyoti kommt nicht aus Deutschland wie der Patient. Alkhyoti ist Syrer. Der erste syrische Flüchtling, der im Krankenhaus St. Elisabeth in Halle an der Saale arbeitet. Es ist die erste Woche seines Praktikums.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 8 vom 16.2.2017.

Die Krankenhausleitung will herausfinden, ob der 26-jährige Alkhyoti für eine Stelle als Assistenzarzt geeignet ist. Das ist der fachliche, der medizinische Teil. Aber die Geschichte des jungen Mohamad Alkhyoti, der sich eigentlich nur seinen Traum erfüllen will, hat noch eine andere, eine politische Ebene.

Mohamad Alkhyoti ist so etwas wie ein Mustermigrant. "Der syrische Arzt", das war das Idealbild des Flüchtlings, damals im Sommer 2015, als jeden Tag Tausende Menschen ins Land kamen. Ein hervorragend ausgebildeter Akademiker, der mithelfen würde, den hiesigen Fachkräftemangel zu beseitigen.

Es gab damals auch ein Idealbild des Deutschen: der warmherzige, helfende, die Neuankömmlinge mit offenen Armen empfangende Bundesbürger.

Bald bekamen beide Bilder Kratzer.

Ein großer Teil der Flüchtlinge, so wurde klar, hat keine Ausbildung, manche können nicht einmal lesen. Und die Deutschen, sie wurden skeptisch, spätestens nach der Kölner Silvesternacht.

Das ändert nichts an der Herausforderung. Deutschland muss Hunderttausende Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft integrieren. Und fragt sich: Kann das gelingen?

In dieser Situation kommt Mohamad Alkhyoti ans St.-Elisabeth-Krankenhaus, nach Sachsen-Anhalt, wo die AfD bei den Landtagswahlen 24 Prozent erreichte. Er ist hier, um sein Leben in Deutschland voranzutreiben, um Teil dieser Gesellschaft zu werden. Wenn er, der Musterflüchtling, jung, hoch qualifiziert, ehrgeizig, das nicht schafft, wer soll es dann schaffen?

Die ZEIT hat ihn über neun Monate hinweg begleitet. Es sind Monate, in denen sich zeigt, dass erfolgreiche Integration nicht nur eine Frage des Wissens ist, sondern auch eine des Wollens.