Der Arzt steht am Fußende des Bettes, vor ihm liegt ein Mann um die fünfzig, eingeliefert wegen hohen Blutdrucks. Der Arzt stellt Routinefragen: Haben Sie jemals geraucht, trinken Sie Alkohol, nehmen Sie andere Drogen?

"Die normalen Jugendsünden", sagt der Mann knapp. "Wie man das bei uns eben so macht."

Der Arzt hält kurz inne. Es ist nur eine Nuance, die Betonung eines Wortes, die ihn aufhorchen lässt: uns.

Mohamad Alkhyoti, der Arzt, blickt von seinem Fragenkatalog auf, schaut den Mann im Krankenbett an. "Ich habe das auch gemacht", sagt er. Seine Stimme klingt angespannt. Der Mann im Bett bleibt stumm. "Ich komme dann später zum Blutabnehmen", sagt der Arzt.

Es ist ein Tag im Frühjahr 2016 auf der kardiologischen Station des Krankenhauses St. Elisabeth in Halle an der Saale. Mohamad Alkhyoti tritt aus der Tür. "Ich habe das auch gemacht", hat er gesagt. Was der Patient nicht weiß: Das stimmt nicht. Alkhyoti hat in seinem Leben nicht einen Tropfen Alkohol getrunken. Er ist gläubiger Muslim.

Alkhyoti hat geflunkert, weil er eine Gemeinsamkeit herstellen wollte. Ein Wir, wo es keines gab. Mohamad Alkhyoti kommt nicht aus Deutschland wie der Patient. Alkhyoti ist Syrer. Der erste syrische Flüchtling, der im Krankenhaus St. Elisabeth in Halle an der Saale arbeitet. Es ist die erste Woche seines Praktikums.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 8 vom 16.2.2017.

Die Krankenhausleitung will herausfinden, ob der 26-jährige Alkhyoti für eine Stelle als Assistenzarzt geeignet ist. Das ist der fachliche, der medizinische Teil. Aber die Geschichte des jungen Mohamad Alkhyoti, der sich eigentlich nur seinen Traum erfüllen will, hat noch eine andere, eine politische Ebene.

Mohamad Alkhyoti ist so etwas wie ein Mustermigrant. "Der syrische Arzt", das war das Idealbild des Flüchtlings, damals im Sommer 2015, als jeden Tag Tausende Menschen ins Land kamen. Ein hervorragend ausgebildeter Akademiker, der mithelfen würde, den hiesigen Fachkräftemangel zu beseitigen.

Es gab damals auch ein Idealbild des Deutschen: der warmherzige, helfende, die Neuankömmlinge mit offenen Armen empfangende Bundesbürger.

Bald bekamen beide Bilder Kratzer.

Ein großer Teil der Flüchtlinge, so wurde klar, hat keine Ausbildung, manche können nicht einmal lesen. Und die Deutschen, sie wurden skeptisch, spätestens nach der Kölner Silvesternacht.

Das ändert nichts an der Herausforderung. Deutschland muss Hunderttausende Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft integrieren. Und fragt sich: Kann das gelingen?

In dieser Situation kommt Mohamad Alkhyoti ans St.-Elisabeth-Krankenhaus, nach Sachsen-Anhalt, wo die AfD bei den Landtagswahlen 24 Prozent erreichte. Er ist hier, um sein Leben in Deutschland voranzutreiben, um Teil dieser Gesellschaft zu werden. Wenn er, der Musterflüchtling, jung, hoch qualifiziert, ehrgeizig, das nicht schafft, wer soll es dann schaffen?

Die ZEIT hat ihn über neun Monate hinweg begleitet. Es sind Monate, in denen sich zeigt, dass erfolgreiche Integration nicht nur eine Frage des Wissens ist, sondern auch eine des Wollens.

"Außerdem gefällt mir, dass Herr Alkhyoti einen Anzug zum Vorstellungsgespräch trägt"

Alkhyoti kam im Oktober 2014 nach Deutschland. Er hatte an einer renommierten syrischen Universität Medizin studiert und schon einige Monate als Arzt in einem Krankenhaus in Damaskus gearbeitet. Dort rollten keine Panzer wie in seinem Heimatdorf Daraa, wo im Jahr 2011 der Aufstand gegen das Assad-Regime begonnen hatte. Die Gefahr war subtiler. Sein Bruder Rani verschwand auf dem Weg zur Universität, bis heute weiß die Familie nicht, ob er tot ist oder in einem von Assads Gefängnissen sitzt. Es war der Moment, in dem Mohamad Alkhyoti beschloss, Syrien zu verlassen.

Ein paar Monate später stieg er in Berlin aus dem Flugzeug. Über die deutsche Botschaft im Libanon hatte er sich ein Visum für einen Sprachkurs für Ärzte besorgt. Gültigkeit: sechs Monate. Alkhyoti würde in Dresden bei einem Cousin unterkommen, der seit Jahrzehnten in Deutschland lebt. Nach dem Sprachkurs würde er sich Arbeit als Arzt suchen, dann würde er seine Frau nachholen und seinen Eltern sein erstes Gehalt schicken, das war der Plan.

Mohamad Alkhyoti war zuversichtlich, als er am Berliner Flughafen ins Taxi stieg und die drei Wörter aussprach, die er geübt hatte: "Nach Dresden, bitte."

Er hatte Glück, auf einen netten Taxifahrer zu treffen, der ihn nicht für Hunderte Euro nach Dresden fuhr – sondern zum Berliner Hauptbahnhof.

Natürlich reichten sechs Monate nicht aus, damit Alkhyoti die deutsche Sprache so lernte, wie ein Arzt in der Bundesrepublik sie beherrschen muss. Natürlich fand er keinen Job, als sein Visum ablief. Alkhyoti war verzweifelt, im Mai 2015 beantragte er Asyl, wohnte fortan in einem Flüchtlingsheim in Halle, gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Anas, der inzwischen zu Fuß über die Balkanroute gekommen war. Hin und wieder übersetzte Alkhyoti, wenn ein deutscher Arzt ins Heim kam.

Einer dieser Ärzte war Internist am St.-Elisabeth-Krankenhaus, ihm erzählte Alkhyoti seine Geschichte, ihm hat er es zu verdanken, dass er jetzt, am 24. März 2016, nach knapp anderthalb Jahren in Deutschland, auf diesem neonlichtgetränkten Krankenhausflur sitzt. Er will sich bei einem Arzt des St.-Elisabeth-Krankenhauses vorstellen, er will ein Praktikum machen und beweisen, dass er gut genug ist, um als Mediziner in Deutschland zu arbeiten.

Alkhyoti trägt den einzigen Anzug, den er besitzt, Krawatte, polierte Schuhe, das dichte Haar sorgfältig nach hinten gegelt. Immer wieder wischt er mit den Händen vorsichtig über seine Hose, sie sind ein wenig feucht. Immer wieder sagt er: "Es muss einfach klappen." Nicht nur, weil sein Asylverfahren inzwischen abgeschlossen ist und er eine Aufenthaltsgenehmigung für die Bundesrepublik hat. Sondern vor allem, weil Alkhyoti nicht mehr allein ist. Seit Oktober ist auch seine Frau Alaa in Deutschland, im Sommer wird ihr erstes Kind auf die Welt kommen, dann muss Mohamad Alkhyoti eine kleine Familie ernähren.

Die Tür gegenüber öffnet sich: "Professor Willenbrock erwartet Sie", sagt die Sekretärin.

Seit einigen Monaten hängen Plakate im Krankenhaus, darauf ist das Bild einer Nonne zu sehen, und daneben steht der Satz: "Bei uns wird schon immer ein Tuch auf dem Kopf getragen." Es ist eine Initiative des Krankenhauses für Flüchtlinge und interreligiösen Dialog. Trotzdem ist dies das erste Mal, dass Roland Willenbrock, Chefarzt der kardiologischen Abteilung, ein Vorstellungsgespräch mit einem Flüchtling führt. Zwar erhält er fast jeden Tag Bewerbungen von Ärzten, von Syrern, Afghanen. Zwar braucht Deutschland mehr Ärzte, Schätzungen zufolge werden bis zum Jahr 2030 in deutschen Krankenhäusern 110.000 Mediziner fehlen. Aber fast immer sind die Bewerbungsschreiben in Willenbrocks E-Mail-Postfach schlampig verfasst, in schlechtem Deutsch, oder es fehlen Unterlagen. Und hier, im St.-Elisabeth-Krankenhaus, gibt es noch keinen Ärztemangel.

Nach einer halben Stunde öffnet sich die Tür wieder. Händeschütteln, Verabschiedung. Alkhyoti läuft den Flur entlang, er ist ganz aufgekratzt vor Freude. "Ich kann nächste Woche anfangen", sagt er.

Später erklärt Roland Willenbrock in seinem Büro, weshalb er sich dafür entschieden hat, Alkhyoti eine Chance zu geben. Im Vergleich zu hiesigen Ärzten habe er sicherlich Wissenslücken, aber er sei zuversichtlich, dass Alkhyoti aufholen könne. Dass er so gut Deutsch gelernt habe, spreche für seinen Eifer. Alkhyoti ist inzwischen auf C1-Niveau, der fünften von sechs Stufen im Sprachkurs.

"Außerdem", sagt Willenbrock, "gefällt mir, dass Herr Alkhyoti einen Anzug zum Vorstellungsgespräch trägt." Anders als die deutschen Ärzte. Die fragen schon im ersten Gespräch nach Teilzeit und Work-Life-Balance. "Herr Alkhyoti dagegen will noch nicht einmal Elternzeit."

"Ich werde Vater, ich habe die gleiche Angst wie Sie"

Mohamad Alkhyoti wird nun zwei Monate als Praktikant im Krankenhaus mitarbeiten, ohne Bezahlung, er wird weiter von Hartz IV leben. Wenn alles gut läuft, darf er danach vielleicht als Assistenzarzt anfangen.

Tag eins. Kurz vor acht Uhr morgens. Alkhyoti steht vor dem Regal, in dem Spritzen, Tupfer und Venenkatheter liegen, sogenannte Flexülen. Du nimmst die ersten Tage erst einmal Blut ab, hat die Stationsärztin ihm gesagt. Alkhyoti sucht die Nadeln heraus. In Syrien hat er nur selten Blut abgenommen und Flexülen gelegt, das war dort eher Schwesternsache. Hoffentlich, denkt Alkhyoti, bin ich schnell genug, gut genug.

Patient eins, ein Mann Mitte siebzig mit noch müden Augen. "Hallo, ich bin Herr Alkhyoti, ich bin Praktikant und möchte Ihnen eine Flexüle legen." – "Guten Morgen", murmelt der Patient schläfrig, hält Alkhyoti den Arm hin. Die Nadel sitzt. Patient zwei lächelt. Patient sechs fragt, wo Alkhyoti herkomme, wie lange er schon in Deutschland sei. Alkhyoti erzählt seine Geschichte. Er wird diese Frage noch oft gestellt bekommen. Eigentlich will er hier nicht der Flüchtling sein, sondern der Arzt, aber besser so als der Mann, der sagt: "Wie man das bei uns eben so macht."

Alkhyoti hat im Fernsehen gesehen, wie in Tröglitz eine geplante Unterkunft für Flüchtlinge brannte, er hat von Syrern in Dresden gehört, dass sie sich nicht auf die Straße trauen, wenn Pegida demonstriert. Er hat sich vorbereitet auf den Fall der Fälle. Darauf, dass zum Beispiel ein islamistischer Terrorist einen Anschlag verübt und ein Patient etwas zu ihm sagt. Gegen Flüchtlinge. Gegen Muslime. Wort für Wort hat er sich die Sätze zurechtgelegt. "Wissen Sie", wird er antworten, "es gibt solche und solche Muslime. Die Deutschen sind ja auch nicht alle Nazis. Sie haben Angst vor Anschlägen und um Ihre Familie? Ich werde Vater, ich habe die gleiche Angst wie Sie."

Die ersten Tage nimmt Alkhyoti Blut ab, legt Flexülen, geht mit zur Visite, hört zu – und staunt. Das Krankenhaus erscheint ihm wie ein neuer Kosmos. Der Diamantbohrer, mit dem man verkalkte Arterien frei bekommt, verblüfft ihn so wie die Windräder, die er sah, als er nach Deutschland kam. "Das ist Fortschritt." Er wundert sich, dass die Patienten hier so alt sind, "in Syrien wird kaum einer siebzig", so wie er sich anfangs wunderte, dass in Deutschland so wenige Kinder auf der Straße spielen. Er kann kaum glauben, dass sich die Ärzte, Männer und Frauen, gemeinsam umziehen, wenn es eilt, genauso wenig wie dass es in der Wohnung, in die er mit seiner Frau gezogen ist, nichts zu reparieren gibt.

Und dann die ungewohnten Medikamentennamen, die ganzen Abkürzungen! PCI bedeutet Perkutane Koronare Intervention, FFR heißt Fraktionelle Flussreserve, DCM ist Dilatative Kardiomyopathie. Es sind Fachbegriffe aus der Kardiologie. Nicht alle kennt er. Alkhyoti hat immer ein kleines gelbes Buch dabei, da schreibt er alles hinein. Auch deutsche Vornamen. Otto zum Beispiel, Martha oder Ludwig. Wenn er telefoniert, soll er oft den Namen der Patienten buchstabieren. L wie Ludwig, M wie Martha. Jeden Tag schreibt er etwas Neues in das Buch.

Jeder Tag, sagt Alkhyoti am Ende der zweiten Woche, ist wie eine Prüfung. Um sie zu bestehen, setzt er sich jeden Abend, wenn er nach Hause kommt, gleich nach dem Gebet an den kleinen Tisch im Wohnzimmer und lernt zwei bis drei Stunden.

Dritte Woche. Alkhyoti versucht, mit Patienten zu plaudern, nicht immer gelingt es. "Ach, Herr Doktor, herrlich war das am Wochenende", erzählt ihm ein Mann. "Ich war draußen mit meiner Maus und den Kids." Alkhyoti lächelt, schweigt. Er weiß nicht, dass das Wort Maus auch ein Kosename ist.

Fünfte Woche. "Mohamad, lüg mich nicht an!", sagt die Stationsärztin. Es ist Mittag im Krankenhaus, alle Kollegen sind da, diktieren Arztbriefe, füllen Patientenakten aus, so erzählt es Alkhyoti später. Am Morgen hat er eine Flexüle legen wollen, aber der Patient hatte furchtbar schlechte Venen. Es klappte nicht. Fünf Mal hat Alkhyoti es probiert. Dabei soll man es nur drei Mal versuchen, um den Patienten nicht zu sehr zu strapazieren. Alkhyoti weiß das, aber er hatte Angst, zur Stationsärztin zu gehen. Stattdessen behauptete er, auch einer anderen Ärztin sei es nicht gelungen, dem Patienten Blut abzunehmen.

Es war nicht sein erster Fehler. Erst am Tag zuvor hat er bei einer Frau ein Geräusch an einer Herzklappe gehört, so hat er es in der Akte eingetragen. Aber er wusste nicht, an welcher der vier Klappen. Die Stationsärztin sagt, er hätte einen Kollegen dazuholen müssen. Auch das hat er nicht getan.

Nie würde er bei Rot die Straße überqueren

Es sind Kleinigkeiten. Es ist viel mehr. Während die Kollegen zum Mittagessen gehen, bleibt Alkhyoti im Arztzimmer. "Ich will noch die Akte fertig machen", sagt er. Und sitzt dann einfach nur da. Grübelt. Und fängt an zu weinen. So erzählt er es später. Er sagt, es sei auf einmal alles hochgekommen. Alkhyoti weint, weil die Stationsärztin ihn vor allen anderen bloßgestellt hat. Weil er gehört hat, dass ein deutscher Praktikant schon nach einem Tag eine richtige Stelle angeboten bekam. Er weint, weil er seinen Eltern noch immer kein Geld schicken kann und weil doch bald das Baby kommt.

Eine Weile sitzt er so da. Dann greift er sich wieder die Patientenakte.

An einem Frühsommernachmittag sitzen im St.-Elisabeth-Krankenhaus die Chef- und Oberärzte zusammen. Wie immer, wenn sie über einen Kandidaten für eine feste Stelle entscheiden. Anders als sonst, so erinnert sich Roland Willenbrock später, diskutieren die Ärzte an diesem Tag lange. Nicht darüber, ob Mohamad Alkhyoti der Aufgabe fachlich gewachsen ist. Er ist es, da sind sie sich einig. Sie befürchten, dass Alkhyoti Schwierigkeiten haben könnte, auf seine Kolleginnen zu hören. Es arbeiten viele Frauen auf der Station. Die Ärzte reden darüber, dass es ihm generell schwerfalle, Kritik anzunehmen. "Man muss sie nur anders äußern", sagt Willenbrock. "Nicht wie bei den Deutschen direkt und deutlich, sondern vorsichtiger." – "Sollen wir wirklich?", fragt einer der Chefärzte. Willenbrock erinnert daran, dass über dem Eingang des Krankenhauses die Worte "Fremde Freunde – Refugees welcome" stehen.

"Wir müssen aber auf der Probezeit bestehen", sagt ein Oberarzt. "Natürlich", antwortet Willenbrock, "wie immer." Für jeden Assistenzarzt, den sie neu anstellen, gilt eine Probezeit von sechs Monaten. Aber noch nie hat jemand in einem solchen Gespräch eigens darauf hingewiesen.

Schließlich fällt die Entscheidung. Einstimmig. Für Mohamad Alkhyoti.

Neunte Woche. Alkhyoti sitzt in einem Zimmer auf Station 3c, um den Tisch die Krankenschwestern. Alkhyoti hat als Einziger keinen Kaffee vor sich stehen, kein Wasser. Es ist Ramadan, und die Schwestern haben ihn gefragt, ob er ihnen nicht etwas darüber erzählen kann. Sozusagen als Fortbildung. Alkhyoti schaut in die Runde. "Fragt ruhig", sagt er. Nickt.

Die Freude ist ihm anzusehen. Die Schwestern wollen mehr über ihn wissen, über seine Kultur, seine Religion, seine Regeln. Und er will gern erzählen. Es könnte ein Moment sein, in dem Gemeinsamkeit entsteht. Tatsächlich aber offenbart dieses Gespräch im Schwesternzimmer, langsam, doch unübersehbar, vor allem Unterschiede.

"Wie geht das überhaupt, zu fasten im Hochsommer? Hast du keinen Durst?", fragt eine Krankenschwester.

"Es gibt Tricks, damit es leichter ist. Man kann zum Beispiel den Fahrstuhl nehmen statt der Treppe. Der Körper gewöhnt sich daran. Ich faste, seit ich zehn bin."

"Geht man häufiger in die Moschee während der Fastenzeit?"

"Nein, nur am Freitag."

Er erzählt, dass in Syrien Frauen selten gemeinsam mit den Männern beten, und wenn doch, dann nur hinter ihnen.

"Warum?"

"Weil die Frauen sehr schön sind und die Männer ablenken würden, wenn sie vor ihnen stehen."

"Die Frauen sind doch bei euch eh nicht so viel wert. Deshalb stehen die hinten. Ich habe gehört, dass man Frauen nicht die Hand geben darf!"

"Es gibt darüber einen Konflikt im Islam, weil es keine definitive Aussage des Propheten gibt", sagt Alkhyoti. Er rutscht jetzt auf seinem Stuhl hin und her. "Ich nehme den liberalen Weg. Ich gebe Frauen die Hand. Mein Bruder Anas nicht."

"Wenn man hier in Deutschland ist, muss man das aber!", ruft eine.

Wieder Stuhlrutschen. Für Alkhyoti ist es in Ordnung, dass sein kleiner Bruder so konservativ ist.

"Nun", sagt Alkhyoti, "das ist unsere Kultur."

Im Gespräch mit der ZEIT hatte Mohamad Alkhyoti oft gesagt, wie wichtig es ihm sei, die in Deutschland üblichen Regeln einzuhalten. Nie würde er bei Rot die Straße überqueren, nie ohne Fahrschein in die Straßenbahn steigen. Im Krankenhaus betet er nicht, obwohl es einen Gebetsraum gibt. Die Arbeit ist wichtiger. Und mittags geht er mit den anderen Ärzten in die Krankenhauskantine, obwohl er lieber das arabische Essen mag, das ihm seine Frau Alaa mitgeben könnte. Warum er das tut? "Um mich zu integrieren", sagt Alkhyoti. Integration, dieses Wort hat er schnell gelernt. Er hörte es im Sprachkurs, er hörte es vom Aufsichtspersonal im Flüchtlingsheim.

"Männer sind stärker, Frauen bekommen die Kinder"

Vielleicht aber ist es für eine erfolgreiche Integration gar nicht so wichtig, dass Alkhyoti die Straßenverkehrsordnung einhält. Vielleicht sind andere Dinge entscheidender.

Alkhyoti schweigt kurz in diesem Moment im Schwesternzimmer, in dem es um das Verhältnis von Männern und Frauen geht. Er ringt um eine Erklärung. Dann schüttelt er den Kopf. "Ihr könnt das nicht verstehen."

"Aber Sie müssen auch auf Frauen hören. Wir sind hier in Deutschland", sagt eine Schwester.

"Ja, das tue ich doch auch!"

Für einen Augenblick ist es still, nur das Ticken der Wanduhr ist zu hören, alle schauen betreten auf ihren Kaffee. Alkhyoti schaut auf den Boden.

Irgendwann hören sie auf, über das Fasten zu reden und darüber, warum manche Männer Frauen nicht die Hand geben.

Sie sprechen jetzt über Patienten. Medizin. Über das, was sie verbindet. Mit jedem Satz, den er sagt, wird Mohamad Alkhyoti wieder ein wenig größer in seinem Stuhl, sein Rücken gerader. Er ist jetzt wieder der Arzt, die Frauen sind wieder Krankenschwestern.

Ein paar Tage später, kurz nach Sonnenuntergang, nimmt Alkhyoti ein Glas Ayran in die Hand, in der anderen hält er eine Dattel. "Prost", sagt er. "Prost", erwidern seine Gäste. Es ist das erste Mal, dass er einen Deutschen zum Fastenbrechen eingeladen hat. Hierher, in die kleine Zweizimmerwohnung, in der er mit Alaa wohnt. Paul und seine Freundin sind gekommen. Paul ist Alkhyotis einziger deutscher Freund. Sie haben sich vor etwas mehr als einem Jahr kennengelernt, in Alkhyotis Deutschkurs. Paul kannte den Lehrer, er suchte jemanden, der ihm Nachhilfe gibt. Paul studiert Arabisch.

Der kleine Tisch in der Küche ist mit Tellern vollgestellt, Reis mit Auberginen, Salat, Hähnchen in Zitronen-Knoblauch-Soße, Blätterteig mit Käse.

"Alaa, du siehst sehr hübsch aus", sagt Pauls Freundin. "Wann kommt das Baby?"

Sie reden, wie man redet, wenn man sich mag, aber noch nicht so gut kennt. Irgendwann erzählt Alkhyoti, wie er den Krankenschwestern neulich vom Ramadan berichtet hat.

"Sie haben gesagt, es gibt keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen."

Paul lächelt still. Schon einmal hat er mit Alkhyoti diese Diskussion geführt, wollte ihm erklären, dass die Unterschiede zwischen Männern und Frauen gesellschaftlich gemachte Konstrukte sind. So sagte er es ihm. So sagt er es jetzt wieder. "Gesellschaftlich gemachte Konstrukte". Universitätssprech.

"Aber es gibt doch Unterschiede!", sagt Alkhyoti. "Männer sind stärker, ich trage die Einkaufstüten. Die Frauen bekommen die Kinder. So hat jeder seine Aufgabe. Ich habe auch noch nie einen Mann als Sekretärin gesehen."

"Da kann aber auch ein Mann arbeiten", wirft Paul ein.

Paul und Alkhyoti sind im selben Alter. Paul wohnt in einer WG, geht auf Partys, trifft sich mit Freunden. Alkhyoti ist bald Vater, geht nicht auf Partys, trifft sich mit Alaas Cousine, die inzwischen ebenfalls in Deutschland lebt, manchmal kommt sein Bruder vorbei. Mit Alkhyoti und Paul ist es wie mit Alkhyoti und den Ärzten: Selbst wenn sie sich mögen, wird es immer auch etwas geben, was sie trennt.

Wie neulich auf der Station, als ein Assistenzarzt Muffins mitgebracht hatte. Alle griffen zu. Alkhyoti nicht. Ramadan. Während Alkhyoti über den Akten saß, redeten die anderen über Frankreich. Dort gebe es die besten Weine. "Ich trinke ja am liebsten Rosé", sagte irgendwer. "Was schreibt man bei ›Ziele der Physiotherapie‹, wenn man eine verordnet?" fragte Alkhyoti mitten hinein.

"Danke, Alaa", sagt Paul, als sie seinen Teller abräumt. "Es war sehr lecker, vor allem das Hähnchen." Eigentlich isst Paul kein Fleisch, aus Überzeugung, aber heute hat er es gegessen, weil Alaa sich solche Mühe gegeben hat. Er hat sich angepasst.

Alkhyoti hat Paul gefragt, welchen Namen er für sein Kind schöner findet, Aram oder Kais. Den Namen werden sie nehmen.

Dreizehnte Woche. Zunächst ist alles wie immer am Morgen des 1. Juli 2016. Um drei Uhr ist Alkhyoti aufgestanden, hat gebetet, sich wieder ins Bett gelegt. Um sechs Uhr das nächste Gebet, dann anziehen, mit der Straßenbahn zum Krankenhaus. Und doch ist alles anders. Es ist der erste Tag, an dem er kein Praktikant mehr ist, sein erster richtiger Arbeitstag. "Herr Alkhyoti ist seit heute offiziell bei uns. Stellen Sie sich doch einmal vor", sagt Willenbrock in der Frühbesprechung. Alkhyoti steht auf, dreißig Augenpaare auf ihm, die gesamte Kardiologie. "Mein Name ist Mohamad Alkhyoti, ich bin 26 Jahre alt, ich komme aus Syrien und bin seit zwei Jahren in Deutschland. Ich habe die Anerkennung als Arzt, und ich bin jetzt auf Station 3c in der Kardiologie." Die Kollegen klopfen anerkennend auf die Tische. Das war’s. Es waren nur Sekunden, aber es war viel. Mohamad Alkhyoti gehört jetzt dazu. Für sechs Monate.

Er bekommt zwei eigene Patienten, nächste Woche ein Zimmer mit drei Patienten, in einem Monat soll er vier Zimmer betreuen, zwölf Patienten, so wie die anderen Assistenzärzte auch.

Halb elf. Die erste Visite mit der Stationsärztin. Mit ihr wird er nun täglich unterwegs sein. Manchmal wird die Oberärztin mit dabei sein, einmal die Woche der Chefarzt. Alkhyoti stellt die Patienten vor, seine Behandlung. Die Stationsärztin fragt nach, korrigiert. Seit heute hat Mohamad ein neues Schild an seinem Arztkittel. Darauf steht sein Name und darunter: Arzt in Weiterbildung. Genau wie bei allen anderen Assistenzärzten.

Ein Spalt zwischen Mohamad und den Deutschen

Am 24. Juli sprengt sich im fränkischen Ansbach ein 27-jähriger Syrer in die Luft, es ist der erste Terroranschlag eines Flüchtlings in Deutschland. Kein Patient spricht Alkhyoti auf den Attentäter an, die Worte, die er sich zurechtgelegt hat, den Satz, dass auch er Angst um seine Familie habe, muss er nicht aufsagen.

Kurz darauf wird sein Sohn geboren. Sie nennen ihn Kais, wie es Paul vorschlug.

Ein Nachmittag im Krankenhaus. Alkhyoti will einem Patienten Blut abnehmen, kommt aber auf einmal nicht mehr in die Gummihandschuhe, seine Hände sind nass, sein Gesicht ist weiß. "Du liebe Güte, der muss aufpassen, dass er nicht umkippt", raunzt der Patient seinem Bettnachbarn zu. Alkhyoti setzt die Nadel an, probiert. Einmal. Zweimal. Dreimal. Endlich klappt es. "Entschuldigen Sie bitte", sagt er. Was er nicht sagt: Draußen auf dem Krankenhausdach ist der Rettungshubschrauber gelandet. Deshalb sind seine Hände nass, deshalb musste er sich setzen. Das Geräusch des Hubschraubers. In Deutschland bedeutet es Rettung, in Syrien Gefahr.

Ein anderer Tag, im Arztzimmer. Ein lauter Knall, draußen auf der Straße. Diesmal sind es die deutschen Ärzte, die zusammenzucken. Alkhyoti nicht. Fast beiläufig schaut er von einer Akte auf. "Keine Sorge", sagt er. "Das war keine Bombe. Das klingt anders."

Alle lachen. Dann sind sie still.

Alkhyoti blättert weiter in der Akte. Er liest, was seine Kollegen eingetragen haben, fügt eigene Notizen hinzu. Für die deutschen Ärzte ist es normal, ihre Aufzeichnungen hinzukritzeln – seit Mohamad Alkhyoti da ist, versuchen sie, deutlicher zu schreiben, bei der Visite langsamer zu sprechen.

Natürlich koste es Zeit, Alkhyoti einzuarbeiten, sagt die Stationsärztin. Zeit, die es eigentlich nicht gibt in der Hektik des Krankenhausbetriebs. Sie nimmt sie sich trotzdem, weil sie Alkhyoti mag, weil sie sieht, dass er fleißig ist. Für ihn bleibt sie länger im Haus, sie mache das gerne, sagt sie. Jedenfalls meistens, und als sie das ausspricht, hört man ihr an, dass sie verletzt ist.

Neulich, erzählt sie, habe sie ihn wieder kritisiert wegen eines Fehlers. Wieder war es nichts Großes, ein Missgeschick, wie es auch anderen Assistenzärzten passiert, die dann ebenfalls kritisiert werden. Aber Alkhyoti fühlte sich herabgewürdigt, und dann sprach er tatsächlich dieses Wort aus: Rassismus. Die Stationsärztin sei eine Rassistin, weil sie bei ihm mehr auf Fehler achte. Sie kann es noch immer kaum fassen. "Ich beantworte alle seine Fragen, und er packt die Rassismuskeule aus! Das geht gar nicht", sagt sie.

Wieder ist dies ein Moment, in dem sich ein Spalt zu öffnen scheint zwischen Mohamad Alkhyoti und den Deutschen. Diesmal sind es nicht die Regeln des Islams, die dafür sorgen, sondern die Ereignisse der letzten Monate. So wie manche Menschen aus jedem Terroranschlag ableiten, dass alle Muslime Feinde des Westens sind, so scheint Mohamad Alkhyoti aus den rechten Gewalttaten einen generellen Rassismus abzuleiten.

Mohamad Alkhyoti sagt, manchmal, wenn er keinen weißen Kittel trage, seinen Schutzumhang, habe er das Gefühl, dass die Menschen ihn mustern. In der Straßenbahn. In der Stadt. Dann fragt er sich: Wären die Krankenschwestern freundlich, wenn sie ihm auf der Straße begegneten? Wären die Ärzte herzlich?

Oktober. Mohamad Alkhyoti und seine Frau wollen ihren Nachbarn etwas zu essen vorbeibringen. "Um sich kennenzulernen." Sie wollen gerne mehr Kontakt zu den Nachbarn haben. Alles ältere Menschen, die im Hausflur nicken und manchmal "Hallo" murmeln. Nun will Alaa für sie backen. Baklava. Am Abend wird in den Nachrichten über einen Terrorverdächtigen in Leipzig berichtet. Er ist auf der Flucht. Ein Syrer. Lieber nicht backen, sagt Alkhyoti zu seiner Frau. Was, wenn sie das Essen nicht annehmen?

Es ist Winter geworden. In Freiburg wurde eine Studentin vergewaltigt und ermordet, der mutmaßliche Täter ist ein junger Flüchtling aus Afghanistan. Mohamad Alkhyoti ist immer noch Assistenzarzt, bald läuft seine Probezeit ab. Es ist ein wichtiger Tag für ihn – Chefarztvisite. Alkhyoti trägt Professor Willenbrock die Krankengeschichten seiner Patienten vor. Zwölf Menschen. Warum sie hier sind, womit er sie behandelt hat. Sie gehen von Zimmer zu Zimmer. Alkhyotis Schritte sind anders als noch vor sechs Monaten, federnder, der Rücken ist aufrechter. Er schlägt eine Akte auf: "Das ist eine 82-jährige Patientin. Im CT haben wir eine Fraktur ausgeschlossen, wir haben ein Echo gemacht ..." Alkhyoti spricht routiniert. Nur manchmal zögert er. Hin und wieder fragt der Professor nach. Einmal lächelt er milde, als Alkhyoti einen nicht exakten Fachausdruck benutzt. "Das haben Sie sich von den anderen Ärzten angewöhnt", sagt er.

Nach all den Monaten ein Fremder

Zwanzig Minuten dauert die Visite. "Vielen Dank", sagt der Professor. Dann ist er auch schon wieder weg.

Alkhyoti grinst. "So gut war es noch nie." Im Arztzimmer sprüht er sich erst einmal Deo unter die Achseln.

Woche 32. "Oh nein!", ruft Alkhyoti. Er schüttelt den Kopf. "Sie sind schon fertig!" Er steht in Halle-Neustadt zwischen Plattenbauten und sieht, wie sechzig, vielleicht achtzig Männer nach und nach den blau gestrichenen Flachbau verlassen, der zwischen den Hochhäusern steht. Die Moschee. Es ist Alkhyotis erster freier Freitag seit, ja, seit wann eigentlich? Er wollte an diesem Tag in die Moschee gehen, die einzige in Halle. Aber seit die Winterzeit gilt, beginnt das Freitagsgebet früher. Die Gebetszeit hängt vom Stand der Sonne ab.

Die Zeitumstellung liegt fast zwei Monate zurück, aber Alkhyoti hat das nicht mitbekommen, er war immer im Krankenhaus. Langsam läuft er durch die Gruppe von Männern. Junge und Alte, Deutsche, Afrikaner, Araber. Den ein oder anderen grüßt er, bei drei Männern bleibt er stehen. Er kennt sie aus dem Flüchtlingsheim. Begrüßung auf Arabisch. Hallo, wie geht es dir? Was macht die Familie? Wie geht es Kais? Zeig mal ein Foto! Alkhyoti holt sein Handy hervor, fragt, wie es den anderen ergangen ist. Der eine Mann ist Zahnarzt, der andere Ingenieur, der dritte Lehrer. Keiner von ihnen hat Arbeit. Sie warten auf die Papiere, einen Sprachkurs, die Approbation.

Es wird schon, sagt Alkhyoti zum Abschied. Er weiß, er hat geschafft, was keinem seiner Bekannten, alles Akademiker, bisher gelungen ist. Er hat eine Anstellung, ein festes Einkommen. In ein paar Monaten, wenn Kais anderthalb ist, wird Alaa ihren zweiten Sprachkurs machen, danach will sie arbeiten gehen, sie ist Apothekerin. Kais soll dann in den Kindergarten.

Die Geschichte des Mohamad Alkhyoti, auf den ersten Blick ist sie eine Erfolgsstory. Aber wenn man genauer hinschaut, sieht man, dass er die Praktikumsstelle nur bekommen hat, weil er Glück hatte, eine Zufallsbegegnung hat dazu geführt. Man sieht, dass er im Krankenhaus nach all den Monaten immer noch eher ein Fremder ist.

Als Alkhyoti den Weg durch die Hochhäuser nimmt, kurz bevor er die Unterführung in Richtung Straßenbahn-Haltestelle durchquert, läuft ein kleiner blonder Junge neben ihm her. Schaut ihn an. Kneift die Augen zusammen. Rülpst ihn an.

Gestern hat Alkhyoti seinen Vertrag für die nächsten zwei Jahre unterschrieben. Er war so aufgeregt, dass seine Hände zitterten. Die Probezeit hat er bestanden. Er ist jetzt einer von 3.080 Assistenzärzten in Sachsen-Anhalt, einer von 69 Assistenzärzten mit syrischer Staatsangehörigkeit. Mohamad Alkhyoti, ein Araber, ein Syrer, ein Muslim, ein Flüchtling, ist jetzt vor allem eines – ein Arzt. Wenn alles gut geht, wird er in einigen Jahren seine Facharztprüfung in der Kardiologie ablegen.

Wenn alles gut geht, wird er in Deutschland bleiben. Ob er dort wirklich ankommen wird, wer weiß.

Wieder rülpst der Junge neben ihm. Rülpst ihn an. Wieder und wieder. Den ganzen Weg bis zur Straßenbahn. Alkhyoti tut so, als merke er das nicht.