Es ist so kalt. Es ist so warm. Es ist so beides zugleich. Ich wate durch eine Badewanne vom Umfang eines Sees. Die 38 Grad würden dösig machen, wären da nicht die nassen Haare, die im Wind fast gefrieren. Das hält einen in Bewegung. Man sieht nicht, wie der Atem dampft; das Wasser dampft noch stärker. Seine Schwaden steigen in den Sternenhimmel. Nachtbaden am Nachmittag.

Ich bin in der Blauen Lagune, einem Thermalbad, über das sogar Isländer staunen, auch wenn man gerade nicht sehr viele von ihnen hier trifft. Ab und an blinkt oben etwas: Flugzeuge im Landeanflug auf den Flughafen Keflavik. Ich stelle mir vor, wie wir von oben aussehen müssen. Wie Spieler in einem langsamen, aber sehr beliebten Wassersport. Team Weiß hat weiße Schlammmasken. Die bekommt man auf der Wellness-Insel; sie sollen Hautleiden lindern. Team Grün ist schon bei der Algenmaske. Die sorgt dafür, dass nach der anderen Maske das Kribbeln im Gesicht aufhört.

Die Lagune ist das beste Beispiel für die isländische Kunst, aus allem etwas zu machen. Dass hier mal ein Heilbad entstünde, war ja nie vorgesehen. Man hatte nach Trinkwasser gebohrt. Aber was aus der Erde schoss, war viel zu heiß und zu salzig. Darum speist es jetzt ein Kraftwerk, gnädig verdeckt von einem Hügel. Aus dessen Rohren fließt es dann mit Idealtemperatur ins Becken der Lagune.

Das macht sicher auch im Sommer Spaß. Jetzt allerdings tut es so gut, dass man gar nicht mehr rausgehen möchte. Nicht zuletzt aus Angst vor dem Sprint durch Eiseskälte bis zur Umkleidekabine. Die meisten Leute lassen sich Zeit für Fotosessions mit ihren wasserdicht verpackten Handys. Unerreicht: die Frau, die sich mit aufgeschnalltem Stativ selber beim Rückenschwimmen filmt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 8 vom 16.2.2017.

Island im Winter – wer macht denn so was? Es ist kalt, es ist dunkel, und Ski fahren kann man anderswo besser. Trotzdem kommen Hunderttausende her. Die Insel boomt als Reiseziel, gerade in ihrer extremsten Jahreszeit. Es gab schon Zeiten, da war die Lagune voll. Seit man den Besuch im Voraus buchen muss, kann man wieder toter Mann spielen, ohne dass einem schweflige Bugwellen ins Gesicht schwappen. Ein Schwimmbad mit Reservierungspflicht – in einem Land fast ohne Menschen!

Die Fahrt vom Flughafen nach Reykjavík dauert knapp eine Stunde. Nichts, was ich sehe, erinnert noch an Island im Sommer. Halbdunkel hat die Häuser entfärbt. Der Schnee am Horizont verbreitet ein milchiges Leuchten. Ein Gänseschwarm segelt vorüber. Das Graue da hinten – ist das ein Berg oder doch nur ein Haufen Erde? Schön ist das schon. Beschaulich gar nicht. Feierabendverkehr verstopft die Straßen.

Mit mir im vollen Flughafen-Shuttle sitzen offenbar nur Touristen. Am Busbahnhof werden wir umgeladen. Manche gehen von hier gleich auf Tour. Ich lese die Schilder an den Ausflugsbussen: "Island Saga", "Geheime Lagune", "Kraftorte und Winterzauber". Es herrscht ein gereizter Ton. "Stellt euch gefälligst in die Reihe wie alle anderen auch", schnauzt eine Fahrerin ein Grüppchen verwirrter Chinesen an. Sie ist selbst Asiatin; das baut anscheinend Berührungsängste ab.