Die Grammatikfehler deuteten darauf hin, dass es die Macht persönlich war, die den Artikel verfasst hatte. Am 28. Januar 1936 erschien in der Prawda ein vernichtender Verriss der großen Oper Dmitri Schostakowitschs, der Lady Macbeth von Mzensk. Der Komponist fragte sich später, ob an allem nicht auch die Sitzordnung schuld gewesen sei. Die gepanzerte Regierungsloge lag direkt über den Blechbläsern, die aus Nervosität besonders laut spielten. Stalin war nicht amüsiert und verließ die Aufführung vor dem Ende.

"Vernichtend" hatte damals einen wörtlichen Sinn. Bis zu seinem Tod strich sich Schostakowitsch den 28. Januar im Kalender an. "Dieses raffinierte Spiel aber kann böse enden", hatte der Prawda- Artikel geschlossen, dessen Grammatikfehler niemand zu korrigieren gewagt hatte. Seit dieser Ankündigung hing das Leben des Beschuldigten am Fädchen.

Julian Barnes erzählt in seinem neuen Roman mit einer Fülle funkelnder Details das Leben Schostakowitschs, der seit diesem 28. Januar zu feige war, gegen die Macht zu opponieren. Das Buch dient dem Zweck, genau diesen Satz, für den die äußeren Tatsachen sprechen, zu widerlegen. Was ist Feigheit? Wer kann sich erlauben, darüber zu urteilen? Die Idealisten und westlichen Besserwisser, die sich die Künstler als Gladiatoren gegen die Macht wünschen, weil sie sicher sein können, dass es nicht ihr Blut ist, das den Sand beflecken wird? Barnes fühlt sich ein in das Seelenleben des nicht zum Helden geborenen Genies, das ausschließlich für seine Musik lebt und vom Lärm der Zeit am liebsten verschont bliebe.

Die erste Hälfte des in drei Kapitel eingeteilten Buchs liest man mit Herzklopfen. Man weiß, dass der Held überleben wird, und zittert dennoch mit, wenn sich unten der Fahrstuhl in Bewegung setzt und die Türen sich im fünften Stock öffnen – dort, wo Schostakowitsch, der seiner Familie die Verhaftungsszene ersparen will, jede Nacht im Anzug und mit gepacktem Koffer (Zigaretten, Unterwäsche, Zahnpulver) darauf wartet, dass man ihn abholt. Dass man ihn abholt, verhört, foltert, erschießt. Die Macht ließ sich nie in die Karten schauen, das Nichtvorhersehbare war ihr Prinzip. Niemand konnte vor ihr sicher sein; der Volksheld von heute war der Verräter von morgen.

Es beginnen die Jahrzehnte des Dauerzitterns. Man konnte nicht die Wahrheit sagen und überleben. Es gab keine Möglichkeit, der moralischen Korruption zu entkommen. Selbst wenn Schostakowitsch sein eigenes Leben immer unwichtiger wurde und er manchmal sogar die Ermordeten beneidete, die es hinter sich hatten, es war auch die Familie bedroht. Sich selbst konnte man opfern, Frau und Kind nicht. Einmal sieht es aus, als ob der Faden reißt: Schostakowitsch wird ins Große Haus am Liteiny-Prospekt in Leningrad einbestellt, aus dem viele nie wieder herauskommen, und fürchtet das Schlimmste. Am Wochenende vor dem zweiten Verhör verschwindet dann der Inquisitor, selbst ein Opfer des Säuberungsterrors, den Martin Amis, Barnes’ früherer Freund, auf den er mit diesem Roman antwortet, in Koba the Dread so unvergesslich beschrieben hat (Koba der Schreckliche ).

Im März 1949 ruft ihn Stalin persönlich an. Schostakowitsch windet sich, aber Stalin schickt ihn als Repräsentanten der Sowjetmusik zum Friedenskongress nach New York. Dort, im Waldorf Astoria, folgt Schostakowitsch der Parteilinie und distanziert sich von dem zeitgenössischen Komponisten, den er am meisten verehrt, Igor Strawinsky. Es ist der Moment seines Lebens, den er sich nie verzeihen wird.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 8 vom 16.2.2017.

Die Zeit nach Stalins Tod ist weniger gefährlich. Die Macht ist, nach einem Wort Anna Achmatowas, vegetarisch geworden. Für Schostakowitsch wird es moralisch dadurch noch schlimmer. Man hofiert ihn, man überhäuft ihn mit Leninpreisen, er bekommt eine Datscha, einen Wagen mit Chauffeur, sogar seine Lady Macbeth wird wieder aufgeführt, nachdem er auf sanften Druck in die Partei eingetreten ist; die zweitgrößte Sünde seines Lebens, nach dem Strawinsky-Verrat.

"Früher hatten sie ausgelotet, wie weit sein Mut reichte. Jetzt loteten sie aus, wie weit seine Feigheit reichte." Das war die neue Lage unter Chruschtschow, aber ... eine Sekunde bitte. Der Satz klingt gut, und man versteht, was er meint: Früher war Schostakowitschs Leben bedroht, jetzt sind es nur seine Privilegien. Aber loten sie wirklich Unterschiedliches aus und nicht zweimal dasselbe? Man führt den Messstab in die Öffnung ein, und es zeigt sich, ob der Stand des Motoröls hoch oder niedrig ist; viel Feigheit, wenig Mut, und umgekehrt. Muss man da zweimal messen? Nun, Barnes wird sich etwas dabei gedacht haben. Und solche nicht Öl-, aber Beckmessereien sind überhaupt nur deshalb erlaubt, weil Barnes seit Flauberts Papagei ein bekennender Pedant ist.