Martin Schulz, der neue Kanzlerkandidat der SPD, ist Leser. In jungen Jahren hatte er in jenem Städtchen, dessen Bürgermeister er später wurde, Würselen bei Aachen, eine Buchhandlung. Bücher bedeuten ihm etwas. Ist es mehr als Sentimentalität, dass uns ein Politiker für sich einnimmt, wenn wir wissen, dass er Romane liest? Ein Romanleser ist jemand, der sich in fremde Welten hineindenkt. Durch die Sprache verführt, findet er im Idealfall den Umstand, dass etwas anders ist, als er es kennt, nicht bedrohlich, sondern anregend.

Martin Schulz’ Lieblingsschriftsteller ist John Steinbeck, Autor des sozialkritischen Romans Früchte des Zorns. Das passt zu einem Sozialdemokraten alter Schule. Dass Schulz aber auch den Gattopardo von Giuseppe Tomasi di Lampedusa als ihm wichtiges Buch nennt, ist überraschend, ja ideologisch fast anstößig.

Der Gattopardo, in der alten deutschen Übersetzung auch als Der Leopard bekannt, ist ein geniales Erzählwerk: in üppiger Sprache geschrieben, schönheitstrunken, voller Melancholie und Menschenverachtung. In seinem dezidierten Geschichtspessimismus ist dieser Roman beim besten Willen nicht zu integrieren in die große sozialdemokratische Erzählung, wonach die Dinge schrittweise, von Reform zu Reform, immer besser werden. Nichts wird besser, es wird nur alles immer vulgärer – das ist der Basso continuo dieses Romans.

Geschrieben in den späten fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, spielt der Roman vor allem während des Risorgimento, als Italien ab 1860 unter der savoyischen Krone vereint wurde. Die nationalliberale Historiografie hat im Risorgimento immer eine Geschichte der Freiheit, der Vaterlandsliebe und der Demokratisierung gesehen. Giuseppe Tomasi, Herzog von Palma und Fürst von Lampedusa, erzählt, von seiner eigenen Familiengeschichte inspiriert, eine andere Geschichte. Eine der Heuchelei, des Ehrgeizes und der Rücksichtslosigkeit. Nicht mehr der alte Name zählt, sondern das neue Geld.

Der Fürst von Salina wehrt sich nicht gegen die neuen Zeiten, aber es tut ihm in der Seele weh, mitansehen zu müssen, wie die neuen Herren sich im Namen des vereinten Italiens bereichern. Hinter den großsprecherischen Phrasen von Freiheit, Vaterlandsliebe und Demokratisierung verbirgt sich nur der unbedingte Machtwille der neuen Klasse, verkörpert in dem "liberalen" Bürgermeister Calogero Sedàra. Der fälscht beim Plebiszit über den Anschluss Siziliens das Wahlergebnis: Ohne Not unterschlägt er die Nein-Stimmen. Manieren hat Sedàra noch nicht, aber sein Vermögen ist gewaltig. Tancredi, Salinas anmutiger Neffe, selbst völlig verarmt, wird Sedàras hübsche Tochter heiraten. Dann ist Salina mit Sedàra verwandt, eine Zumutung, aber Tancredi braucht Geld.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 8 vom 16.2.2017.

In keinem anderen Roman der Weltliteratur wird der Emporkömmling so inbrünstig verachtet wie im Gattopardo. Die Feudalherrschaft wird nicht verklärt, aber gegenüber der Machteffizienz der neuen Klasse leuchtet die Trägheit des alten Adels, der unter der erbarmungslosen Sonne Siziliens erst gar nicht um seine Vorrechte kämpft, doch in poetischen Farben. Der Gattopardo ist also eher ein Buch für den nostalgischen Dandy, der den Verlust an Schönheit in der Welt bereut, die der Fortschritt, auch der soziale, unvermeidlich mit sich bringt. Man könnte sagen: für einen Sozialdemokraten eine geradezu schlüpfrige Lektüreempfehlung. Nichts könnte Würselen bei Aachen ferner liegen als die fürstliche Sommerresidenz Donnafugata.

Aber es gibt noch eine andere Pointe: Nach 1918 sagt sich die SPD explizit von der Revolution los und bekennt sich zur Reform. Das berühmteste Zitat aus dem Gattopardo scheint diese sozialdemokratische Haltung perfekt zu illustrieren: "Wenn alles bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern." Doch ist dieser Satz Figurenrede. Tancredi sagt ihn, um zu rechtfertigen, warum er auf der Seite Garibaldis kämpft. In Wahrheit ist es ein opportunistischer Satz: Wenn man bei der neuen Zeit mitmacht, kann man seine Besitztümer retten! Der Fürst Salina hört noch eine bitterere Wahrheit aus dem Satz heraus: Egal wie viel sich äußerlich ändert, Korruption und Gemeinheit bestehen unverändert fort. Das Neue ist nur Tünche.

Der Gattopardo ist ein Buch für Moderne-Skeptiker, deren Herz schon aus ästhetischen Gründen den untergehenden Klassen gehört. Was lehrt uns das über Martin Schulz? Es zeugt von einem freien Geist, sich von einer Welt faszinieren zu lassen, deren politisch-moralische Intuitionen man nicht teilt.