Die Welt hat nicht auf Martin Luther gewartet. Als er seine 95 Thesen veröffentlicht, ist sie ohnehin in rasendem Wandel begriffen. 1517 ist ein Jahr der Umbrüche, politischer wie ökonomischer: Der zentralistische Fürstenstaat setzt sich durch, der Handel boomt – und kriselt. 1517 ist ein Jahr der Entdeckungen, im Westen wie im Osten, es ist ein Jahr gelehrter Debatten und des Aberglaubens, und es ist ein Jahr mit ausnehmend schlechtem Wetter. Erst herrscht Eiseskälte, später Dürre, dann gehen Sintfluten nieder, unweigerlich folgen Missernten und Hungersnöte. Da die meteorologischen Zusammenhänge unbekannt sind, von moderner Wettervorhersage zu schweigen, sind die Menschen den Naturgewalten hoffnungslos ausgeliefert.

Anders – scheinbar – die Kultur: "O Jahrhundert, o Wissenschaften! Es ist eine Lust, zu leben!", jubelt der Ritterpoet Ulrich von Hutten vor 500 Jahren und gibt damit dem optimistischen Weltbild der Gebildeten Ausdruck. Zum Aufschwung durch Rückkehr zu den antiken Wurzeln der eigenen Kultur gesellt sich ein neues Weltwissen, das parallel zu den Entdeckungen in Amerika und Asien vielfältig bunt nach Europa strömt und den bereits entfachten Kulturoptimismus und Wissensdrang noch höher auflodern lässt.

Die meisten Menschen indes bleiben vom Geist der Renaissance und des Humanismus unberührt, zumal in den noch vorwiegend mittelalterlich geprägten Regionen Mitteleuropas. Wenn Kunde von den neu entdeckten Welten zu ihnen dringt, dann eher in abenteuerlichen Grotesken als in einladenden Zukunftsbildern.

Bei vielen weckt der Wandel tiefe Ängste. Sie bangen um ihre Zukunft – um ihr Schicksal in dieser Welt, vor allem aber um ihr Seelenheil im Leben nach dem Tod, von dem nahezu alle Menschen überzeugt sind. Gebannt beobachten sie den Himmel und suchen die umgebende Natur nach Vorzeichen und Omen ab. Die Hilfen und Heilszusagen, die ihnen die Kirche bietet, ergreifen sie begierig – Bußübungen, Fasten und Beten, Pilgerreisen und Wallfahrten, die Fürsprache der Heiligen, nicht zuletzt Ablässe, die immer wilder ins Kraut schießen. Doch das wirkt nur wie Heilpflästerchen und kann die Sehnsucht nach religiöser und kirchlicher Erneuerung nur noch steigern.

In dem allumfassenden, für viele Menschen schmerzhaften Umbruch, aus dem Neuzeit und Moderne hervorgehen, ist 1517 ein weltgeschichtlich entscheidendes Jahr. Und das nicht allein, ja nicht einmal zuerst wegen Luther.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 8 vom 16.2.2017.

Im traditionellen europäischen Geschichtsbewusstsein ist es natürlich die Reformation, mit der "die Neuzeit ihren Anfang genommen hat, und zwar am 31. Oktober 1517; die Hammerschläge an der Tür der Schlosskirche zu Wittenberg haben sie eingeleitet", wie der Theologe Adolf von Harnack in den zwanziger Jahren schreibt. Ergänzt man jedoch die Lupe der protestantisch-wittenbergischen Feldforschung um das Fernrohr globalgeschichtlicher Betrachtung, erkennt man bereits im Jahr 1517 eine ganze Reihe weiterer Kraftlinien, die am Durchbruch der Neuzeit keinen geringeren Anteil hatten.

Richtig bleibt, dass mit Luthers Gnadenlehre die Vision einer neuen Sicherheit in die Welt kommt, die selbst Intellektuelle wie Albrecht Dürer als Befreiung "aus großen Ängsten" erleben. Aufklärung und Moderne sind damit nicht eingeläutet. Wie seine Zeitgenossen ist Luther Lichtjahre von Lessing und dessen die Weltreligionen friedlich nebeneinander ordnender Ringparabel entfernt; selbst Hexen, Teufel und göttliche Vorzeichen bleiben für ihn Realität.

Richtig ist aber auch, dass in der lateinischen Christenheit trotz aller päpstlichen Blockadepolitik ein Reformprozess eingesetzt hat. Voran in Spanien, wo sich die Geistlichkeit neu formiert und an der jungen Universität Alcalá de Henares ein führendes Zentrum der Bibelwissenschaften entstanden ist. Nach jahrelanger Forschungsarbeit wird dort im Sommer 1517 die Complutensische Polyglotte zum Abschluss gebracht, eine vierbändige Bibelausgabe in den antiken Ursprachen mit einem ausführlichen philologischen und historischen Apparat.

Ähnlich in Italien: Dort ist der evangelismo, dem das Evangelium Richtschnur des christlichen Lebens ist, tief verwurzelt, auch unter den Renaissancekünstlern – bei Lorenzo Lotto, wohl auch bei Botticelli, selbst bei Michelangelo. Dem 1513 gekürten Papst Leo X. werden bereits bei seiner Thronbesteigung Forderungen nach Bibelübersetzungen und volkssprachlichem Gottesdienst vorgelegt. Und die 1517 am Hof Leos gegründete Bruderschaft des Oratoriums der göttlichen Liebe sucht nach neuen, lebendigen und ehrlichen Formen christlicher Existenz und stellt dabei, ganz ähnlich wie der Wittenberger, die göttliche Gnade in den Mittelpunkt.

Erst als Luthers Ablassthesen durch Versäumnisse beider Seiten eine Rebellion auslösen, tritt die tief im Mittelalter gründende Reformbewegung in zwei alternative Äste neuzeitlicher Reformationen auseinander. Was in Wittenberg geschieht, gefolgt von Zürich und Genf, erweist sich als systemsprengend. Auf der anderen Seite: der papsttreue Reformweg, der im Trienter Konzil den neuzeitlichen Katholizismus begründet. Beide Entwicklungen haben Europa tief geprägt.