Mexiko steht in Flammen, überall im Land steigen Rauchsäulen auf und vereinen sich am Himmel zu einer gewaltigen weißen Wolke. Die Wolke ist so groß, dass sie die Vereinigten Staaten im Norden von der Landkarte löscht. Vögel fliegen auf. Der Flächenbrand ist ein Gemälde, das seit Samstag vergangener Woche in der Galerie José García im Zentrum von Mexiko-Stadt ausgestellt wird. Der 1976 in Los Angeles geborene und in Guadalajara lebende Eduardo Sarabia hat es gemalt. Es zeige, sagt er, einen Traum, der ihn schon lange verfolge. Es ist das Bild der Stunde.

Mexiko vor dem Mauerbau. Trump beleidigt die Mexikaner – "bad hombres" – und demütigt sie. Der Wert des Peso ist im Vergleich zum US-Dollar in den vergangenen fünf Jahren um knapp 60 Prozent gesunken, jetzt werden die Freihandelsverträge gekündigt. Täglich berichten die Zeitungen über Abschiebungen, die auch Familien auseinanderreißen, die seit Jahrzehnten in den USA leben. Die Stimmung in der Hauptstadt ist aufgeheizt. Nach Donald Trumps Ankündigung, eine "große schöne" Mauer an der Grenze zu bauen und sie mittels Strafzöllen von den Mexikanern bezahlen zu lassen, liegen die Nerven blank.

An den Grenzübergängen zwischen Tijuana und dem kalifornischen San Diego herrschte in der vergangenen Woche kaum Verkehr. Aktivisten hatten über Twitter und Facebook zu einem Kaufstreik aufgerufen. Mit Erfolg: Die Mexikaner, die ansonsten zum Shoppen in die USA fahren, blieben zu Hause oder gingen auf die Straße. Der Protest gegen den übermächtigen Nachbarn im Norden eint alle Lager. Am Sonntag versammelten sich bei Sonnenschein und frühsommerlichen Temperaturen mehrere Zehntausend augenscheinlich vor allem wohlhabende Menschen auf dem Paseo de la Reforma zu einer Demonstration gegen die Politik Trumps und für mehr "Respekt" gegenüber Mexiko. Aus dem Osten der Stadt marschierten die eher nationalistisch gestimmten, dem Präsidenten Enrique Peña Nieto gewogenen Bürger zum Unabhängigkeitsdenkmal "El Ángel" – das der Berliner Siegessäule erstaunlich ähnelt. Von Westen kamen jene Bürgerinitiativen, die ihre eigene Regierung kritisieren, und riefen "Fuera Trump!", "Trump raus!". Und: "Fuera Peña!" Ein kleiner Block besonders lauter Systemkritiker wurde von Polizisten eingekesselt, deren schwarz lackierte Helme in der Sonne blitzten. Eine Stadt im Ausnahmezustand.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 8 vom 16.2.2017.

Oder doch nicht ganz? Auch in Mexiko-Stadt gibt es Komfortzonen des wohlhabenden Kosmopolitismus, Viertel wie Condesa und Roma Norte, die Brooklyn oder Kreuzberg in nichts nachstehen und wo man zwischen den Galerien, Buchhandlungen und Cafés nichts von der krassen Armut und Gewalt spürt, die in großen Teilen der Stadt und des Landes herrschen. In Condesa wohnt und arbeitet die 1981 geborene Dokumentarfilmproduzentin Elena Fortes. Sie hat in den USA studiert und gehört zu den Gründern von Ambulante, dem größten Dokumentarfilmfestival Mexikos. Zusammen mit anderen Künstlerinnen, Rechtsanwältinnen und Unternehmerinnen hat sie eine lose organisierte Gruppe engagierter Frauen gebildet, die sich zu der Demonstration verabredet haben. Mit einigen von ihnen war sie im Januar zum Women’s March nach Washington geflogen, eine mexikanische Modedesignerin aus der Gruppe hatte T-Shirts für die Demonstration entworfen. Fortes’ Freund, der Fotograf Pablo López Luz, hat in einem aufwendigen Kunstprojekt den Verlauf der zukünftigen Mauer aus der Luft fotografiert. Einige dieser Bilder wurden vergangene Woche auf der großen mexikanischen Kunstmesse Zona Maco am Stand der Galerie Arróniz ausgestellt und zeigen den ganzen Wahnwitz dieses Mauerbaus, der Städte und Landschaften auf groteske Weise zerschneidet.

Infografik: Wo die Grenze zwischen Mexiko und den USA verläuft

100 km

Karten­ausschnitt

Los Angeles

Pazifik

SAN DIEGO

Tijuana

USA

Yuma

Auf 1.130 km Länge stehen Zäune oder andere Barrieren (rot eingefärbt)

Autos stauen sich am Grenzübergang in Tijuana

Phoenix

MexiKo

TuCSon

Es gibt 48 Grenz­übergänge zwischen den USA und Mexico

Rio Grande

Metallzaun an der Grenze in Nogales

Ciudad Juárez

Chihuahua

Der natürliche Verlauf des Rio Grande bestimmt die Grenzlinie und erschwert eine lückenlose Überwachung

Eagle Pass

San Antonio

Grenzübergang in Laredo/Texas

Reynosa

Houston

Golf von Mexico

100 km

Los Angeles

Karten­ausschnitt

Pazifischer Ozean

SAN DIEGO

Tijuana

Vereinigte Staaten

Yuma

Autos stauen sich am Grenzübergang in Tijuana

Auf knapp 1.130 km der Grenze stehen bereits Zäune oder andere Barrieren (rot eingefärbt)

Phoenix

MexiKo

TuCSon

Es gibt 48 Grenz­übergänge zwischen den USA und Mexico

Metallzaun an der Grenze in Nogales

Rio Grande

Ciudad Juárez

Chihuahua

Der natürliche Verlauf des Rio Grande bestimmt die Grenzlinie und erschwert eine lückenlose Überwachung

Eagle Pass

San Antonio

Grenzübergang in Laredo/Texas

Reynosa

Houston

Golf von Mexico

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Auf die Straße gehe sie, sagt Fortes, aber nicht nur wegen der geplanten Mauer und Trumps Fremdenhass. Die jüngere Generation Mexikos sei komplett desillusioniert von der mexikanischen Politik: "Es gibt das große Bedürfnis, alle Institutionen umzubauen und den ganzen Saustall auszumisten. Alle Politiker auf allen Ebenen sind korrupt." Und das Übel sei nicht nur die Korruption selbst, sondern vor allem die Straflosigkeit im Falle ihrer Aufdeckung. "Das Problem ist auch unsere schwache Regierung, die jegliche Glaubwürdigkeit verloren hat, keine strategischen Allianzen mit anderen Ländern schafft und nichts gegen Trump ausrichtet." Fortes ist voller Tatendrang. Trumps Politik könne durchaus auch positive Folgen für Mexiko haben. Nicht nur, weil sich in der Gegnerschaft zu Trump jetzt neues Engagement entwickelt. Für die mexikanische Filmwirtschaft – der viertgrößte Markt der Welt mit 200 Millionen Kinobesuchen im Jahr – sei die von Trump beabsichtigte Aufkündigung des Freihandelsabkommens Nafta ein wahrer Segen. Denn Nafta habe Hollywood bevorteilt und den lokalen Filmemachern das Geschäft erschwert.