Die Überlebenden berichten Schreckliches: kleine Mädchen, von Soldaten vergewaltigt. Familien, von ihren Nachbarn mit Messern niedergemetzelt. Gefangene, bei lebendigem Leib verbrannt. Die muslimische Minderheit von Myanmar war in den letzten Monaten besonders schlimmen Schikanen durch die buddhistische Mehrheit ausgesetzt. Mindestens 1.000 Muslime wurden seit Oktober von Armee und Polizei ermordet, etwa 70.000 flohen in das Nachbarland Bangladesch.

Viele der Überlebenden sind nun von Helfern der Vereinten Nationen befragt worden, das Ergebnis ist eine lange Liste von Grausamkeiten. Babys seien gezielt getötet worden, Flüchtende aus Hubschraubern beschossen, in einem Haus hätten Soldaten eine Familie von drei Generationen eingesperrt und dann das Haus angezündet ... Es sind vor allem Frauen und Kinder, die den Terror überlebten. Was geschah mit den erwachsenen Männern? Die Überlebenden sagen: Sie wurden von Soldaten abgeführt, in Stücke gehackt, vergraben.

Einzeln überprüfen lassen sich die Berichte über das Leid der Rohingya, der Muslime Myanmars, derzeit nicht. Das Militär blockiert den Zugang zu den betroffenen Gebieten. Doch Satellitenbilder belegen die Zerstörung ganzer Dörfer durch die Armee, und Internetvideos bestätigen grausame Details. Viele der Geflüchteten haben Schuss- oder Stichwunden. Nach Berichten des OHCHR, des Menschenrechtskommissariats der UN, griff das Militär gezielt auch muslimische Lehrer und Imame an, verschleppte sie an geheime Orte, um sie zu ermorden.

Vorige Woche verurteilte Papst Franziskus als erste internationale Autorität den Gewaltexzess gegen die Rohingya und solidarisierte sich mit den Muslimen: Da würden "gute, friedliebende Leute" allein wegen ihres Glaubens verfolgt.

Tatsächlich bedrängt Myanmars Armee zusammen mit nationalistischen Buddhisten seit Jahren die muslimische Minderheit. Nachdem im letzten Herbst Hunderte Rohingya sich bewaffneten, Grenzstationen überrannten und mehrere Grenzbeamte töteten, eskaliert die Verfolgung.

Sie steht in krassem Widerspruch zur west- lichen Verklärung des Buddhismus – und auch zu dem strahlenden Bild der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi. Denn die Frontfrau der demokratischen Regierung Myanmars ließ bisher kein einziges Wort der Kritik an dem Terror verlauten. Hat die Ikone der ehemaligen Oppositionspartei, der Nationalen Liga für Demokratie (NLD), Angst, die buddhistische Mehrheitsbevölkerung zu verärgern? Oder woher rührt das donnernde Schweigen einer Frau, die einst gegen ein Militärregime aufstand?

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Das Schweigen könnte ein Indiz für die wachsende Macht radikaler Buddhisten sein. Vor allem die nationalistische Organisation Ma Ba Tha, die "Vereinigung für den Schutz von Rasse und Religion", macht gegen die Rohingya Stimmung. Da half auch der überragende Wahlsieg der NLD im November 2015 nicht – zumal die Partei sich der herrschenden Muslimfeindschaft vorauseilend unterworfen und keinen einzigen muslimischen Kandidaten aufgestellt hatte. Trotzdem wurde die NLD von den Radikal-Buddhisten als "muslim-liebend" beschimpft. Der Parteifunktionär Win Htein teilte nach der Wahl kühl mit, die Muslime seien für die NLD keine Priorität. Außerdem sollten westliche Medien und NGOs die Rohingya bitte "Bengali" nennen – ein tendenziöses Wort, das suggeriert, bei den Muslimen handele es sich um illegale Einwanderer aus Bangladesch.

Bislang hatte von den prominenten Mitgliedern der NLD nur der Schriftsteller U Htin Lin Oo den Mut, die radikalen Buddhisten zu kritisieren, ihr Rassismus stehe im Widerspruch zur buddhistischen Lehre. Dafür war er noch unter dem Militärregime verurteilt worden und musste wegen "Verunglimpfung der Religion" zwei Jahre Haft bei schwerer Arbeit verbüßen. Erst Monate nach dem Regierungsantritt der NLD, im April 2016, wurde Oo freigelassen.

Wer jetzt das Leid der Rohingya in Myanmar anklagt, findet im Westen wenig Widerhall. Denn ihr Schicksal widerspricht dem Bild vom rein pazifistischen Buddhismus. Dieser hat aber durchaus eine intolerante Seite. Buddhistische Hassprediger wie der Mönch U Wirathu sind auch im Internet zu erleben: Der Mann in der orangeroten Robe mit dem rasierten Kopf wirkt in Auftreten, Körperhaltung und Stimme wie die personifizierte buddhistische Sanftmut. Doch er predigt Hass, beschimpft Muslime als kalar, als "Schwarze", die angeblich Rasse und Religion der buddhistischen Birmaner bedrohen. Dieser Hetzer ist keine Randfigur, sondern Abt eines hoch respektierten Klosters mit Tausenden Mönchen und Abertausenden Laiengläubigen. Auch weil Fundamentalisten wie er meist straffrei ausgehen, spitzt sich die Situation der Muslime zu.