Jetzt kommt es wieder zu Rückschritten. Jeden Morgen melden die Nachrichten neue Anhaltspunkte dafür, dass auf der Welt alles immer schlimmer wird. Da stelle man sich die Notlage eines Mannes vor, dessen Lebensglück davon abhängt, ob er die Frage beantworten kann: Warum alles gut ist, so wie es ist. In dieser skurrilen Situation befindet sich die titelgebende Figur von Jonas Lüschers Roman Kraft.

Der Tübinger Rhetorikprofessor Richard Kraft folgt da der Einladung eines Tech-Millionärs ins Silicon Valley, der die Theodizee-Frage noch einmal ausgeschrieben und eine Million Dollar Preisgeld für deren Beantwortung ausgelobt hat. Früher lautete diese Frage: Warum lässt Gott, wenn er doch vollkommen ist, das Böse auf der Welt zu? So stellte sie in der Frühaufklärung etwa Gottfried Wilhelm Leibniz. Dessen Antwort, Gott habe die beste aller denkbaren Welten geschaffen, in der eben auch das Schlechte seinen Platz habe, ist seit Voltaire von vielen verspottet worden. Stimmt jetzt ein Autor des 21. Jahrhunderts noch einmal in das Hohngelächter ein? In Jonas Lüschers für das Technologiezeitalter reformulierter Version heißt die Frage jedenfalls (natürlich auf Englisch): "Why whatever is, is right and why we still can improve it?" Alles ist gut, aber wir können es noch verbessern: Der Optimismus der europäischen Aufklärung ist in einem technikgläubigen Zeitalter der Optimierung gewichen.

Lüschers Professor Kraft verachtet diese Ideologie zwar, aber er braucht Geld. Er hat Alimente zu zahlen, und es steht ihm schon wieder eine Scheidung bevor. Außerdem glaubt er sich mit allen Wassern der Theorie gewaschen, so eine traditionsreiche Grundsatzfrage müsste also eigentlich eine einfache intellektuelle Turnübung für ihn sein. Aber dann reißt ihn die Angelegenheit doch in einen Strudel, der mit Midlife-Crisis verniedlichend beschrieben wäre.

Schon mit seinem ersten Buch, der Novelle Der Frühling der Barbaren, hat sich Jonas Lüscher, der 1976 in der Schweiz geboren wurde und in München lebt, als gewiefter und witziger Erzähler erwiesen. Kein Zeichen von Eitelkeit trübt seine Ironie. Sie verdankt sich eher der überlegten Konstruktion seiner Erzählungen. In seinem Debüt beschrieb er eine Hochzeitsgesellschaft britischer Banker, die in einem tunesischen Touristenresort feiert, bis die Nachricht von der Staatspleite Großbritanniens eintrifft. Von jetzt auf gleich verarmt, lassen die Urlauber alle Zivilisation fahren, wobei das anschließende Chaos erzählerisch scharf umrissen bleibt von der Einheit des Ortes und der Zeit im eingezäunten Ferienparadies. Der Frühling der Barbaren wurde ein Überraschungserfolg.

Auf dem neuen Roman ruhen deshalb hohe Erwartungen. Und Lüscher selbst hat wohl auch einiges investiert, wie den Danksagungen am Ende des Buches zu entnehmen ist. Sie gelten einer Reihe akademischer Autoritäten, mit der Bemerkung: "Bei einigen der oben Erwähnten muss ich mich entschuldigen, dass ich die Dissertation an den Nagel gehängt habe, und habe die leise Hoffnung, dass für den einen oder anderen dieser Roman als Entschädigung gelten mag." Womöglich muss sich Kraft also doppelt bewähren – als belletristischer Spitzentitel und als geistreicher Kommentar zum Fundamentalproblem: Ist der Zustand der Welt überhaupt zu rechtfertigen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 8 vom 16.2.2017.

Selige Zeiten, als man noch einen Gott hatte, um ihn in einer solchen Theodizee zur Rechenschaft zu ziehen. Mit der Aufklärung hat sich aber der Mensch an Gottes Stelle gesetzt. Die Vernunft, heißt es seitdem, macht alles besser. Zumal der technische Fortschritt die komplizierte Welt vereinfacht und den noch mangelhaften Homo sapiens Stück für Stück perfektioniert. Seit der Mensch glaubt, frei über die Geschicke der Welt zu walten, stellt sich aber auch die Theodizee-Frage anders: Gott sitzt nicht mehr auf der Anklagebank, sondern der Mensch. Weil "der" Mensch jedoch ein theoretisches Abstraktum ist, das in einem Roman nichts zu suchen hat, steht in Kraft der eine, konkrete Mensch Richard Kraft ganz alleine, quasi stellvertretend für die Menschheit, auf dem Prüfstand.

Es sei aber davor gewarnt, es mit dem Genre des Romans im Fall dieses Buches zu genau zu nehmen. Man würde ihm damit unrecht tun und falsche Erwartungen wecken, zum Beispiel an die narrative oder historische Echtheit der Figuren oder eine tolle Tiefenschärfe bei der Beschreibung ihrer Motive. Jonas Lüscher wählt einen verdächtig wiedererkennbaren Ausschnitt der Wirklichkeit: Die linke Friedensaktivistin hat breite Hüften und ein phlegmatisches Wesen, der Tech-Milliardär ist ein glattes Bürschchen und "hat es nicht so mit dem Augenkontakt", der kalifornische Naturbursche trägt einen weißen Ziegenbart. So beharrlich hält Lüscher am Schematismus fest, dass man satirische Absicht dahinter vermuten darf. Womöglich will dieser Autor keine schöne Geschichte erzählen, sondern auf möglichst dramatische Art nur die Frage stellen: "Warum ist alles, was ist, gut?"

Auf einer Ebene, die ein Akademiker wie Kraft "metafiktional" nennen würde, wäre diese Frage mit einer authentisch geschlossenen Geschichte aber schon beantwortet. Denn in einer dichten fiktionalen Welt ist tatsächlich immer alles gut, insofern nämlich alles zur Plausibilität der Handlung beiträgt. Für das, was Lüscher da schreibt, gibt es indes vorläufig noch nicht einmal ein Wort. Wie soll man sagen: Kraft ist ein philosophisch-politischer Versuch, der mit Figuren durchgeführt wird? Ein Essay im Medium belletristischer Fiktion? Ein Lebenslauf, an dem sich eine Menschheitsfrage bricht?