Valladolid: Dynastischer Poker in Spanien

Am 8. September 1517 beginnt eine Reise, die das europäische Mächtegleichgewicht dramatisch verschieben wird. An diesem Tag sticht der Habsburger Erzherzog Karl mit 40 Segelschiffen im niederländischen Middelburg in See. Ziel der Reisegesellschaft ist Spanien. Der 17-jährige Karl, Herrscher über Burgund und die Niederlande, will das Regierungserbe in Aragón und Kastilien antreten. Im Januar 1516 ist sein Großvater Ferdinand von Aragón gestorben; dessen Frau, Isabella von Kastilien, ist bereits seit 1504 tot; gemeinsam haben sie als die "katholischen Könige" viele Jahrzehnte über das von den "Mauren" zurückeroberte Spanien geherrscht. Karl ist der älteste Enkel des Verstorbenen. In Spanien nun gilt es, seinen jüngeren Bruder Ferdinand und die Ständeversammlung von seinem Machtanspruch zu überzeugen.

Beides gelingt. Ferdinand ordnet sich unter, im November geben die Stände in der kastilischen Hauptstadt Valladolid ihr Plazet. Die Habsburgerdynastie steigt damit zur europäischen Hegemonialmacht auf, mit den französischen Valois (später den Bourbonen) als einzigem Gegenpart. 1519 schließlich wird Karl Kaiser: Er tritt in Wien die Nachfolge seines deutschen Großvaters Maximilian an. Mehr als 150 Jahre lang werden die Habsburger fortan Europas Geschicke lenken. Und ihr Imperium ist nicht das einzige, das 1517 Gestalt annimmt.

Kairo: Ein Arabischer Frühling

Der Siegeszug des osmanischen Reiterheers unter Sultan Selim I. versetzt Europa seit dem Frühjahr 1517 in Angst und Schrecken. Selim, heißt es, sei ein rücksichtsloser Despot, der das Soldatenleben liebe und Ruhe im Opiumrausch suche. Tatsächlich ist sein Feldzug gegen die Mamlucken, deren Kalifat den ägyptisch-arabischen Großraum über viele Jahrhunderte beherrscht hat, von äußerster Grausamkeit. Erst überrennen die osmanischen Krieger Aleppo, dann Damaskus; im Februar 1517 schließlich stehen Selims Kämpfer vor der Mamlucken-Residenz Kairo. Deren Einnahme inszenieren sie als dreitägige Raub- und Blutorgie.

In den Jahren zuvor haben die Osmanen die Perser zurückgedrängt. Nun, wo sie die Mamlucken-Herrschaft gebrochen haben, ist das Osmanische Reich die stärkste muslimische Macht im vorderen Orient. Bald erstreckt sich ihr Herrschaftsbereich bis an den Indischen Ozean und in den Westen Nordafrikas. Was, fragt man sich in Europa bang, wenn sie weiter nach Norden vorstoßen? Lange ist es nicht her, dass die Osmanen 1453 Konstantinopel eingenommen und damit das Ende des Oströmischen Reiches besiegelt haben (dessen Erbe nun das aufstrebende russische Zarenreich für sich beansprucht). Auch die türkischen Massaker im italienischen Otranto 1480 sind nicht vergessen, und die christliche Rückeroberung der Iberischen Halbinsel liegt noch nicht weit zurück. Die muslimische Welt auf der einen Seite, die Christenheit auf der anderen – dies ist nach dem "Arabischen Frühling" von 1517 die große Konfrontation, auf die der Kontinent zusteuert.

Dschidda: Wer wird Herr über Mekka?

Die Seewege nach Indien sind zu Beginn des 16. Jahrhunderts fest in der Hand der Portugiesen. Um die Hoheit im Roten Meer aber führen sie einen erbitterten Kampf mit der ägyptisch-mamluckischen Flotte. Das Vordringen der Osmanen versetzt die Portugiesen erneut in Alarmbereitschaft: Um die europäische Dominanz zu sichern, versuchen sie im Frühjahr 1517 die arabische Handelsstadt Dschidda, das Tor zu den heiligen Stätten im nah gelegenen Mekka, im Handstreich einzunehmen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 8 vom 16.2.2017.

Das Unterfangen scheitert: Der osmanische Admiral Selman Reis empfängt die feindliche Flotte im Hafen und fügt ihr eine verlustreiche Niederlage zu. Danach wird Dschidda zu einer uneinnehmbaren Festung ausgebaut; über die heiligen Stätten herrschen fortan unangefochten die Osmanen – eine Entwicklung von weltgeschichtlichem Rang. Denn was, wenn die katholischen Portugiesen Herren über die Arabische Halbinsel und die Heiligtümer des Islams geworden wären? Das hätte der Neuzeit einen völlig anderen Verlauf gegeben – bis hin zur gegenwärtigen Situation in Syrien und zum neuen Kalifat des "Islamischen Staats".

Moskau: Russland verstehen

1517 weiß man im Westen nur wenig über das machtbewusste russische Reich, dessen Herrscher sich seit 1478 Zaren nennen und sich damit dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gleichordnen. Der kaiserliche Gesandte Sigmund Freiherr von Herberstein unternimmt daher eine Expedition ins Unbekannte, als er im Winter 1516/17 in das "gen Mitternacht hin" gelegene Land aufbricht. Die kalte Jahreszeit hat er bewusst gewählt; dann werden die vereisten Flüsse und verschneiten Weiten im Osten am leichtesten zu queren sein – mit dem Schlitten. Monatelang ist seine Reisegesellschaft unterwegs, ehe sie, nach teils lebensgefährlichen Abenteuern (dünnes Eis, Kriege, Überfälle), Mitte April in Moskau eintrifft.