Nachts geht in meiner Straße manchmal ein Blinder nach Hause. Von Blinden sagt man, sie fänden dank ihres Gedächtnisses für Räume, ihres geschulten Gehörs und Tastsinns und noch ein paar anderer erstaunlicher Techniken schlafwandlerisch sicher ihren Weg. Der Blinde in meiner Straße ist da eine Ausnahme. Er stößt oft gegen parkende Autos und Verkehrsschilder. Bestimmt ist er manchmal etwas betrunken. Ich muss lächeln, wenn ich ihm zusehe, und das hat nichts mit Schadenfreude zu tun. Mir ist seine fehlende Trittsicherheit ungemein sympathisch. Wenn ich getrunken habe, renne ich ja auch mal wo dagegen.

Wir Menschen, ob blind oder nicht, sind so. Perfekte Orientierung ist was für Fledermäuse. Wer nie versehentlich wo dagegenknallt, läuft in seinem Leben an einer wichtigen Sache vorbei: an der eigenen Mangelhaftigkeit.

Leider sieht das kaum jemand so. Alle optimieren sich und ihr Lächeln, ihren Po, ihre Launen, ihre Hobbys, ihr Essen, ihre Kinder, ihren Partner und ihre Ansichten so lange, bis der Anteil an ästhetischem, moralischem und politischem Fehlverhalten auf null gesenkt ist. Der Mensch will dem Menschen kein Wolf mehr sein. Er lagert neben dem frisch geföhnten Lamm und knabbert fair gehandelte Bio-Cranberrys, die garantiert nicht mit Honig gesüßt sind. Denn wer möchte den Bienen schon ihren Wintervorrat nehmen, obwohl das fürs eigene Überleben gar nicht nötig ist? Tschüss, Wolf, tschüss, Honigbrot. Willkommen, Social-Media-taugliche Untadeligkeit!

Dieses perfekte Leben müssen wir umgehend sharen, um die angemessene Huldigung zu erhalten: Wow! #reallifegasm. So gelangen wir endlich ins Paradies, wo alle von den richtigen Bäumen essen und jeder sich von seiner besten Seite zeigt. Das Streben nach Makellosigkeit aber ist so langweilig wie das Dasein als Nackedei in einem Obstgarten. Was wir beim Lesen der Bibel immer schon ahnten, wird beim Scrollen Gewissheit: Das Leben, von dem sich zu erzählen lohnt, beginnt erst mit einem kapitalen Fehler. Nicht jedem gelingt eine Erbsünde, zugegeben. Nur große Menschen können große Fehler machen, schrieb der Moralist François de La Rochefoucauld. Uns weniger großen Menschen bleiben kleine Mängel, Unzulänglichkeiten und Murksereien, um dem Paradies der Perfektion zu entkommen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 8 vom 16.2.2017.

Ich zum Beispiel kann nicht kochen, obwohl ich allein mit zwei Kindern in einem Haushalt lebe. Seit Jahren unternehmen wir gemeinsam den Feldversuch, ob Personen zwischen 8 und 48 Jahren Tiefkühlgerichte, kombiniert mit gelegentlichem Gasthaus-Essen und drei selbst gekochten Menüs (Steak, Kaiserschmarrn, Palatschinken), ohne Langzeitschäden überstehen. Zwischenergebnis: Ja. Dennoch hat meine Umgebung etwas dagegen, dass ich mich weigere, mit regionalen Bioprodukten irrsinnig leckere, nachhaltige, vollwertige und fotogene Gerichte zuzubereiten.

Erst die Unzulänglichkeiten der Einzelnen geben der Gesellschaft die Möglichkeit, ihre Toleranz unter Beweis zu stellen

Sie macht mir das sehr deutlich. Einen Steinwurf von unserer Wohnung entfernt haben folgende Unternehmen eröffnet: ein Start-up, das Kochkurse anbietet, ein Buchladen, der nur Kochbücher im Sortiment hat, ein Kochclub, dessen Räumlichkeiten inklusive Profi-Equipment man mieten kann, und ein Shop mit Utensilien, die man angeblich zum Kochen benötigt. Dazu servieren Mütter, Omas und Babysitter warnende Worte und wohlmeinende Tipps: "Das Wichtigste sind frische Zutaten, und das Risotto kocht sich von selbst!" Ich schweige und halte mich ungerührt an die Mikrowellen-Anleitungen von meinen Komplizen Toni Kaiser und Dr. Oetker.

Gelegentlich schicke ich meinen älteren Sohn zum Japaner, um Lachs-Maki zu holen. Der Kellner fragt ihn manchmal: "War Mama zu faul, um zu kochen?" Ich habe meinem Sohn geraten, er soll traurig nicken. Ich koche nicht nur schlecht, ich befördere auch Geschlechterklischees.

Schön, dass man uns ausgerechnet im Sushi-Laden, der davon lebt, dass wir unser Essen außer Haus holen, daraus einen Vorwurf zubereitet. Rummäkeln ist das neue Fundament der perfektionistischen Gesellschaft. Was, Sie reisen mit dem Flugzeug in den Urlaub? Sie haben in Zeiten des Konsumterrors Weihnachtsgeschenke gemacht? Ein Vater, der seinen Kindern kein frisches Abendessen auf den Tisch stellt, ist für die Alles-richtig-Macher schon fast ein Fall fürs Jugendamt.