Manchmal fragt sie sich, wie lange sie das noch durchhält. Jeden Morgen um 4.30 Uhr aufstehen, anziehen, sich schminken – und dann schnell los zum Bus. Ihr Knie tut ihr weh. Sie hat es sich vor Jahren gebrochen und sich nie davon erholt. Jede Treppe wird für die 68-Jährige zum Härtetest. Am Bahnhof Zoo gibt es einen Fahrstuhl. Er bringt Heidi Steenbock hoch zum Bahnsteig. Noch eine Station mit der S-Bahn, 500 Meter laufen. Dann ist sie da. Ihr Arbeitsplatz, das ist eine Bäckerei-Filiale in Berlin-Charlottenburg, halb Bistro, halb Verkauf. Es gibt Tische und Stühle und eine Bücherwand. Man muss nah herangehen, um zu erkennen, dass sie nur ein Trompe-l’Œil ist, eine Fototapete. Sie lässt diesen Ort behaglicher wirken, als er ist.

Heidi Steenbock, dezent geschminkt, dauergewellte Haare, ist seit fünf Jahren in Rente. Sie ist zu 60 Prozent schwerbeschädigt. Dennoch steht sie jeden Tag hinter dem Tresen. Erst waren es nur drei Stunden, dann fünf, jetzt sind es manchmal auch sieben. Heute ist sie die Chefin dieser Filiale. Dass sie immer noch arbeiten muss, hat sie nicht geplant. Aber in ihrem Leben ist so einiges anders gelaufen, als sie sich das vorgestellt hatte. Auch die Sache mit ihrer Rente. Gerade mal 170 Euro bleiben ihr nach Abzug der Miete noch übrig.

Steenbock ist kein Einzelfall. Fast sechs Millionen ältere Menschen in Deutschland sind von Armut oder Ausgrenzung bedroht. Das geht aus Daten des Europäischen Statistikamts Eurostat hervor, die jetzt bekannt geworden sind: Waren 2010 noch 4,9 Millionen Menschen im Alter von 55 und älter davon betroffen, stieg deren Zahl seither kontinuierlich auf zuletzt 5,7 Millionen. Als arm gelten demnach Menschen, die mit einem Einkommen von weniger als 60 Prozent des Durchschnitts auskommen müssen oder die sich normale Alltagsgüter oft nicht leisten können. Manche müssen arbeiten, obwohl sie längst im Rentenalter sind.

So wie Heidi Steenbock. Sie erzählt von ihrem Leben. Fast als rede sie nicht über sich, sondern über eine dritte Person. Selbstmitleid ist ihr fremd. Sonst wäre sie nicht hier. Seit zwei Jahren steht sie täglich hinterm Tresen. Baguettes und Brötchen belegen, Latte macchiato und Espresso aus dem Automaten ziehen. Die Auszubildende in der Küche dirigieren, vorne Kunden bedienen. "Na, junger Mann. Was kriegen wir denn Schönes? Watt Süßes? Oder watt Herzhaftes?" Sie lächelt immer. Trotz allem.

536.000 Rentner in Deutschland sind so arm, dass der Staat sie unterstützen muss. Jeder vierzigste Rentner ist ein Sozialfall, in Berlin sogar jeder zwanzigste. Er muss Grundsicherung beantragen, Hartz IV für Rentner, sagt Heidi Steenbock, und so, wie sie das Gesicht verzieht, merkt man, wie sehr es ihr widerstrebt. 409 Euro im Monat stehen ihr zu. Theoretisch. Doch praktisch nimmt sie diese Hilfe nicht in Anspruch.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Heidi Steenbock kennt die Sachbearbeiterin, die für sie zuständig ist. Sie war schon einmal da, als sie in Rente ging. Sie müsse sich eine günstigere Wohnung suchen, sagte die Frau. Ihre liege 120 Euro über dem Regelsatz. Vielleicht hatte sie sich im Ton vergriffen. Vielleicht wurde Steenbock in diesem Augenblick aber auch nur bewusst, was es bedeutete, Rentnerin zu sein. Dass plötzlich der Staat Entscheidungen traf, die ihr Leben verändern sollten.

Heidi Steenbock wohnt in der fünften Etage eines Hochhauses in Charlottenburg, anderthalb Zimmer mit Balkon. Viele Nachbarn sind noch älter als sie. Man ist per Du. Man hilft sich gegenseitig. Sie will hier nicht weg. Und deshalb beschloss Steenbock, den Mietzuschuss aus eigener Tasche zu zahlen. Die Behörde hat sie nie wieder betreten. Sie sagt: "Dort sind Sie der letzte Dreck."

Jürgen Dahl, 65, kennt viele solcher Geschichten. Er ist der Leiter einer Bürgerinitiative in Berlin. Sie heißt "Reiches Deutschland – Arme Rentner/innen", und spricht man den ehemaligen Polizisten auf die Grundsicherung an, dann sagt er: "Viele Rentner wissen gar nicht, dass es so etwas überhaupt gibt."

Und von denen, die es wüssten, gehe es vielen wie Heidi Steenbock. Ihr Stolz verbiete es ihnen, die Hand aufzuhalten. Dahl erlebt das täglich. Er hilft Antragstellern. Er begleitet sie sogar zum Sozialamt. Er sagt: "Das ist eine Prozedur." Kontoauszüge, Mietverträge, Lebensversicherungen, Nachweise über Kapitaleinkünfte oder Betriebsrenten, alles müsse offengelegt werden. "Und davor haben viele Angst."

Steenbock hat nie gedacht, dass das Thema Altersarmut sie einmal betreffen würde. Sie war 16, als sie ihre Ausbildung machte. Sie arbeitete 34 Jahre lang Vollzeit in einer Bäckerei und zahlte Beiträge zur Rentenversicherung. Die Arbeit war ihr Leben. Mit 17 bekam sie einen Sohn und erzog ihn nach ihrer Scheidung allein. "Der ist in der Backstube groß geworden." Es ging ihr gut, solange sie noch angestellt war als Filialleiterin.

Doch dann kam der Bruch. Ende der Neunzigerjahre wollte sie mehr erreichen, sie startete neu durch als Franchise-Unternehmerin. Zwei Jahre hielt sie durch, jeden Tag schuften von fünf bis 20 Uhr. Dann fand sie sich im Krankenhaus wieder. Herzthrombose, Reha, Geschäftsaufgabe. Sie sagt: "Es war der größte Fehler meines Lebens." Unter den Folgen leidet sie bis heute. Auch finanziell. Eigentlich spricht sie nicht gern darüber, wie es ihr geht. Es fragt auch kaum einer.

Die Zahl der armen Alten wird steigen. So kann man es zwischen den Zeilen nachlesen im letzten Alterssicherungsbericht der Bundesregierung von 2016. Danach hat sich die Zahl der Empfänger von Grundsicherung seit 2003 beinahe verdoppelt. Es sind vor allem Frauen, die unter Altersarmut leiden. Die Rentnergeneration ist dem Bericht zufolge zwar noch "überwiegend gut versorgt". Das durchschnittliche Haushaltseinkommen von Ehepaaren liegt bei 2.543 Euro. Alleinstehende Männer kommen auf durchschnittlich 1.614 Euro und Frauen auf 1.420 Euro. Die gesetzliche Rente ist aber nicht ihre einzige Einnahmequelle. Fast jeder Zweite hatte noch privat vorgesorgt.

Das aber werden sich in Zukunft immer weniger Berufstätige leisten können, sagt der bekannte Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel. Und: "Die gesetzliche Rente nimmt weiter ab", prophezeit er. Von 2000 bis heute sei sie schon um ein Viertel gesunken, von 1226 Euro auf 815 Euro. Bekam ein Rentner vor 16 Jahren noch 53 Prozent seines Bruttolohns, waren es 2015 nur noch 48 Prozent. Bis 2030, so hat es die Deutsche Rentenversicherung hochgerechnet, sinkt das Rentenniveau weiter ab, auf 43 Prozent.