Die Financial Times fing damit an: "Das Undenkbare denken" – Atomwaffen für Deutschland. Dabei berief sie sich auf eine kryptische Einlassung des CDU-Abgeordneten Kiesewetter, wonach in der Ära Trump die US-Garantie wackele, aber Europa nach wie vor einen Atomschirm brauche. Es dürfe keine "Denkverbote" geben. Die FAZ legte nach und warf die Frage der "eigenen nuklearen Abschreckungsfähigkeit" auf. Dann geisterte das "Undenkbare" durch Bild und Spiegel.

Nur: Darüber nachgedacht wurde seit den Fünfzigern, aber unartikuliert und verdruckst – als ferne, hypothetische Option. Um in die Nato zu gelangen, musste Bonn Atomwaffen feierlich abschwören, dann erneut, als es dem Nichtverbreitungsvertrag von 1968 beitrat. Der frühere Verteidigungsminister Franz Josef Strauß tobte: Dieser sei ein "Morgenthau-Plan im Quadrat", ein "Versailles von kosmischen Ausmaßen". Unter seiner Ägide – damals war er noch Atomminister – begann mit dem zügigen Aufbau der Atomenergie eine Art "Operation Absicherung": Man kann ja nie wissen ...

Doch ohne Sperrvertrag keine Ost- und Deutschlandpolitik; also ratifizierte die Regierung Brandt nach langem Widerstand. Nach und nach kam ein kompletter Brennstoffkreislauf hinzu: Uran-Anreicherung, Brennelemente, Wiederaufarbeitung, die Plutonium vom Atommüll trennt, schließlich der "Schnelle Brüter", der mehr spaltbares Material erzeugen sollte, als im Betrieb verbraucht wird. Wer von der nuklearen Option träumte, wusste, dass Plutonium eine Rückversicherung hergab. Es konnte zu Brennstäben verarbeitet werden, aber – irgendwann – auch zum Bombenstoff. In der Ära Schmidt war alles beisammen, was der friedlichen Nutzung diente, aber theoretisch auch eine Militäroption zuließ.

Heute ist die "nukleare Option" weder Träume noch Albträume wert, weil Deutschland schlicht nicht mehr hat, was gebraucht wird. Der Brüter ist weg, die Wiederaufarbeitung und die Brennelement-Fabrik sind es auch. Warum? Weil sich seit den Achtzigern eine wütende Protestwelle gegen alles Atomare über das Land ergoss. Der jüngste Höhepunkt war Fukushima, als die Kanzlerin das letzte Glied in der Kette zerschnitt. Im Jahr 2022 geht der letzte Atommeiler vom Netz.

Einem Toten greift man nicht in die Tasche, sagt der Volksmund. Wer nicht mehr kann, kann nicht einmal mehr wollen. Das "Undenkbare" ist unmöglich geworden, weil die Technik perdu ist. Kann der unverzichtbare Brennstoff-Kreislauf wieder aufgebaut werden? Es würde Jahrzehnte dauern. Und das in einem Land, wo die Abscheu vor dem Atomaren Zivilreligion geworden ist.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 8 vom 16.2.2017.

Wie wäre es dann mit einer "europäischen Option", von der zum Beispiel Polens starker Mann Kaczyński faselt? Wenn die Deutschen ihren fabelhaften Reichtum in die schwachbrüstigen Arsenale der Briten und Franzosen investierten? Hier gilt das knappe Nein der Freunde: "Le nucléaire ne se partage pas" – die Entscheidung über Leben und Selbstmord einer Nation kann nicht mit einer anderen geteilt werden. Dieses Gesetz kann weder Trump noch Putin mit seiner atomaren und konventionellen Aufrüstung aushebeln.

Was hätte denn Berlin davon? Vielleicht Mitsprache bei der Zielplanung, aber keinesfalls einen Finger am Abzug. Mitsprache ist denkbar, aber als Ersatzbefriedigung die Milliarden nicht wert.