Von Zeit zu Zeit fliegt Julia Fischer nach Afrika, um etwas über Affen zu lernen. Sie lernt dann auch viel über Chefs in Deutschland, aber sie hütet sich davor, Parallelen zu ziehen. Die 50-Jährige ist Verhaltensforscherin in Göttingen, und sie hat ihr Leben damit verbracht, Affen zu beobachten, zum Beispiel Paviane. Manche von ihnen heißen Blutbrustpaviane, wegen des haarlosen roten Flecks auf der Brust. Von Weitem sehen sie niedlich aus mit ihrem zotteligen Fell, das sie mit sich herumschleppen wie einen Poncho. Aber sie haben eine strenge Hierarchie, viel strenger als die Menschen in Firmen wie Siemens oder Volkswagen. Die Hierarchie besteht aus einem einzigen Gesetz: Der Chef darf alles, das Rudel nichts. Die Blutbrustpaviane haben Anführer, die von niemandem kontrolliert werden, das sind die Alphamännchen. Sie beschützen die Gruppe, verteidigen die Reviere, und in der Paarungszeit nehmen sie sich alle Weibchen. Die Anführer tun, was ihnen gefällt. Sie haben es gut.

Doch die Alphamännchen stehen auch ständig unter Stress, sie beißen und schlagen sich. Sie haben wuchtige, scharfe Zähne und können im Kampf sterben, wenn sie sich tiefe Wunden zuziehen. Deswegen haben es die Alphamännchen gar nicht gut. Ihr Stress geht auf die gesamte Gruppe über.

Das ist bei Siemens oder Volkswagen etwas anders. Und doch stellt man sich in deutschen Firmen dieselbe Frage, die man sich auch in Affengesellschaften stellen könnte: Wann lohnt es sich, eine Führungsrolle zu übernehmen? Wonach bemisst sich, was ein guter Vorgesetzter ist?

Unternehmen sehen oft aus wie Pyramiden: An der Spitze steht ein CEO, ein Chief Executive Officer, ein Chef, der Anweisungen gibt. Hunderte, vielleicht Tausende Angestellte führen die Anweisungen aus. Die leitenden Angestellten kontrollieren, ob die Anweisungen umgesetzt werden. Die Chefs an der Spitze sind meist männlich, weiß und alt. Sie wissen alles besser. Je länger sie Anweisungen geben, desto sicherer sind sie sich, dass sie alles besser wissen. Das unterscheidet sie nur unwesentlich von Blutbrustpavianen.

Was die einfachen Mitarbeiter meinen, ist vielen Chefs egal. Früher waren sie selbst normale Angestellte und verstanden etwas von ihrem Fachgebiet. Deshalb glauben sie auch noch als Chefs, jedes Thema in ihrem Haus zu überblicken. Als Great-Man-Mythos bezeichnet man diesen Narzissmus.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 8 vom 16.2.2017.

Dieser Mythos war lange Zeit das Führungsmodell in vielen Firmen. Die Chefs wählten als ihre engsten Mitarbeiter und designierten Nachfolger meist jene Menschen aus, die so waren wie sie selbst, nur etwas jünger. Und die Jüngeren imitierten die Chefs.

Angst war ein wichtiges Werkzeug in diesem Zeitalter der Blutbrustpaviane. Angst breitete sich auf allen Ebenen eines Unternehmens aus, sogar an der Spitze. Ein Chef hatte alles zu wissen und für alles geradezustehen. Er war der oberste Spezialist und der oberste Generalist zugleich, der Nahrungsbeschaffer und der Krieger.

Viele der ehemals großen Männer sind an diesen Aufgaben gescheitert. Die Deutsche Bank krankt noch heute daran, dass ihr früherer Chef Josef Ackermann irrsinnige Profitziele vorgab. Daimler-Benz ging an der Großmannssucht des ehemaligen Chefs Jürgen Schrempp fast zugrunde. Der autoritäre Führungsstil des ehemaligen VW-Bosses Martin Winterkorn ist sogar auf YouTube dokumentiert. Die Szene spielt im Jahr 2011 auf der Automesse in Frankfurt am Main. Winterkorn sitzt in einem Wagen der koreanischen Konkurrenz, einem Hyundai. Als er am Lenkrad rüttelt, ruft er wütend: "Da scheppert nix!" Dann sagt er: "BMW kann’s nicht, wir können’s nicht. Warum kann’s der?" Die Frage stellt er wieder und wieder einem seiner Mitarbeiter. Der windet sich. Kurze Zeit später stürzte Winterkorn über die Diesel-Affäre bei VW. Bei der internen Aufarbeitung des Skandals kam heraus, dass einer der Gründe, warum die Ingenieure Abgasmessungen manipuliert hatten, die Furcht vor Winterkorns Zorn war. Ohne dieses Klima der Angst ist der Skandal kaum zu erklären.

All diese Gescheiterten von Schrempp über Ackermann bis zu Winterkorn haben das Chefsein noch in Zeiten gelernt, da das Modell Blutbrustpavian dominierte. Dieser autoritäre Führungsstil aber hat heute nur noch wenige Freunde. Beinahe täglich wird er irgendwo als gestrig abgetan, wenn nicht gleich abgeschafft.