Holokratie ist Anarchie. Doch die Anarchie funktioniert bislang. In Konferenzen der Firma tritt ein Moderator auf, kariertes Hemd, Cordhose, Zopf. Er benutzt die immer gleichen Formulierungen. Bei jedem Punkt auf der Tagesordnung fragt er den Verantwortlichen: "Was brauchst du von uns?" Nachdem das geklärt ist, fragt er: "Hast du alles, was du brauchst?" Die Satzformeln wirken unnatürlich, verhindern aber ausufernde Diskussionen. Streit ist nicht vorgesehen, Konfliktlösung schon. Alle Mitarbeiter haben Fortbildungen in gewaltfreier Kommunikation absolviert. Es wäre einfach, sich darüber lustig zu machen. Aber der Punkt ist: Die Firma hat Erfolg.

Hätte sie 200 Mitarbeiter, nicht nur 20, dann wäre das wahrscheinlich anders. In größeren Firmen klappt Holokratie nicht mehr, glauben viele Experten, auch Andreas Engelen, Professor für Unternehmensführung an der TU Dortmund. Er sagt: "Es braucht heute nicht weniger Führung, sondern mehr." Engelen bezweifelt, dass eine Firma schnell entscheiden kann, wenn sich die Mitarbeiter erst mal in Kreisen zusammenfinden müssen.

Die "taz" schaffte es zehn Jahre ohne Chef, dann wurde eine Chefin gewählt

Eine Firma ohne Chef hat zudem einen entscheidenden Haken: Nicht alle Angestellten sind Freunde gewaltfreier Kommunikation. Viele Mitarbeiter wollen geführt werden, sie schrecken vor Verantwortung zurück. Passiert ein Fehler, verweisen sie am liebsten auf ihren Chef. Holokratie ist ein perfektes Modell für eine Welt mit perfekten Menschen. Aber nicht jeder Mensch ist rational und wohlmeinend. Nicht jeder Mensch will Demokratie.

Georgia Tornow war Ende der achtziger Jahre die erste Redaktionsleiterin bei der linksalternativen taz in Berlin. Dort hatte man zehn Jahre lang ohne Chef gelebt. "Aber mit der Zeit gab es so viele Widersprüche, die hat auf Dauer keiner mehr ausgehalten", sagt Tornow. Sie meint damit den Widerspruch zwischen pausenlosen Debatten und dem Druck, jeden Tag eine Zeitung zu machen. Die 68-Jährige trägt ein enges Kleid und Pumps mit roten Absätzen, führt durch ihre beeindruckend große Dachgeschosswohnung in Berlin-Charlottenburg. Hier wohnt sie mit ihrem Mann, dem Sat.1-Moderator Ulrich Meyer. Ein rotes Samtsofa und in der Luft der Duft von Räucherstäbchen, Überbleibsel aus längst vergangenen linken Zeiten.

In Tornows früherem Leben lautete die alles beherrschende Idee: Jeder kann mitreden, und irgendwann findet sich eine Mehrheit. Basisdemokratisch nannte man das. "Als unsere Redaktion immer häufiger Ziel der verschiedensten Aktionsgruppen wurde, war klar, wir brauchen eine Struktur", erinnert sich Georgia Tornow. Es tauchten zum Beispiel Besetzer auf, die mit den hungerstreikenden RAF-Terroristen sympathisierten und eine ganze Seite der Zeitung in eigener Regie produzieren wollten. "Das war wie auf der Kirmes!", sagt Tornow. Gleichzeitig war unklar, wie sich die Zeitung finanzieren könnte. Der Druck stieg, einen Chef zu wählen. Tornow bekam die Mehrheit der Stimmen. So hatte die Redaktion eine Frontfrau für unbequeme Situationen. Die Redaktion war plötzlich in der Lage, den RAF-Unterstützern geschlossen Nein zu sagen.

Chefin sein musste sie erst lernen. Sie sagt: "Allmachtsfantasien sind nicht mein Ding, ich wollte als Chefin ganz klar Entscheidungen abstimmen. Sonst hätten die Tazler sowieso geputscht!" Das passierte allerdings am Ende auch so, wenngleich auf überraschende Weise. Die Redaktion hatte kurz nach der Wiedervereinigung einen Sonderdruck über ehemalige Stasi-Wohnungen in der DDR produziert und beschlossen, mit der Veröffentlichung zu warten. Tornow war kurz darauf gerade in München unterwegs, als sie per Zufall erfuhr, dass sich einige Kollegen über den Beschluss hinweggesetzt hatten und die Beilage bereits in Berlin verteilten. Tornow war zwar die Chefin, aber offenbar nur so lange, wie sie sich nicht von ihrem Büro entfernte.

Sosehr die taz- Redaktion ein Sonderfall ist, so sehr zeigt ihre Geschichte doch, wie kompliziert die Sache mit den Chefs ist. Es kann passieren, dass Mitarbeiter ihre Macht ausnutzen, um einen Chef zu beschädigen, jedoch niemals selbst den Mut aufbringen, Verantwortung zu übernehmen. Wie kommt eine Firma dann an Chefs, die von ihren Mitarbeitern respektiert werden?