Am 27. Juni 2014 war Donald Trump noch ein halbseidener New Yorker Milliardär und Stephen Bannon trug noch keine Jacketts. Der Chef der ultrarechten amerikanischen Nachrichtenseite Breitbart News saß an diesem Tag vor seinem Computer in einem Hotel in Los Angeles. Bannon war per Skype mit dem Vatikan verbunden. Dort, in einem prächtigen Renaissance-Palazzo mitten in den Vatikanischen Gärten, im Sitz der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, warteten ein paar Dutzend Zuhörer. 50 Minuten lang skizzierte Bannon seine ganz persönliche Apokalypse in einem düsteren Videotelefonat.

Am gleichen Tag beging Raymond Leo Kardinal Burke das sechste Jubiläum seiner Nominierung als Präfekt der Apostolischen Signatur, des höchsten Vatikangerichts. Burke spürte damals, im Frühsommer 2014, wie ihm langsam der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Papst Franziskus hatte den erzkonservativen Kardinal im Vorjahr bereits aus zwei Kongregationen abberufen, ein paar Monate später sollte er vom Papst auch als Chef des obersten Vatikangerichts abgesetzt und zum Malteserorden abgeschoben werden – als dessen Kardinalpatron. Burke war schon damals Franziskus’ schärfster innerkirchlicher Kritiker.

Während Kardinal Burke sich in der katholischen Hierarchie auf dem absteigenden Ast befand, legte Stephen Bannon einen kometenhaften Aufstieg in die Spitze der US-amerikanischen Politik hin. Der 63-Jährige ist heute Chefberater Donald Trumps und oberster Stratege im Weißen Haus. Das macht ihn zu einem der einflussreichsten Menschen auf der Welt.

Der Berater des US-Präsidenten und der schärfste Kritiker des Papstes kennen und schätzen sich. Die beiden amerikanischen Katholiken bilden die ideologische Speerspitze einer rechtskonservativen Internationalen, die spätestens mit Trumps Wahlsieg salonfähig geworden ist. Die Rollen sind klar verteilt: Burke gibt den katholischen Ideologen, den Wächter über die Moral. Bannon ist der Strippenzieher im Weißen Haus, im Cockpit der größten Weltmacht. Es handelt sich bei diesem Schulterschluss nicht um eine krude Verschwörung, sondern um einen offenen Feldzug gegen Säkularisierung und Islam. Ganz nebenbei tragen die beiden Männer ihren Teil zur Entstehung einer internationalen rechtspopulistischen Bewegung bei.

Der Kardinal und der Berater lernten sich wenige Monate vor Bannons Vortrag im Vatikan kennen. Als Chef von Breitbart News war Bannon bereits im April 2014 zur Heiligsprechung von Johannes Paul II. nach Rom gereist. Er interviewte damals Benjamin Harnwell, den Gründer des Instituts "Dignitatis Humanae" (Institut für die Menschenwürde), das im Sommer den Kongress in den Vatikanischen Gärten veranstaltete. Harnwell machte den Besucher aus Los Angeles mit dem Kardinal bekannt, die beiden blieben in Kontakt. Auf die Frage, ob eine Art Allianz zwischen dem heute wichtigsten Berater des US-Präsidenten und dem ärgsten Widersacher des Papstes bestehe, antwortet Harnwell: "Allianz ist das falsche Wort. Es handelt sich einfach um zwei Personen, die sich und ihre Arbeit gegenseitig bewundern."

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Es war ein beunruhigender Vortrag, den der Chef von Breitbart News damals in der Vatikan-Idylle hielt. Das amerikanische Online-Magazin Buzzfeed.com stellte ein Protokoll des Vortrags ins Internet unter dem Titel "So sieht Steve Bannon die ganze Welt". Trumps Chefberater zufolge sind Säkularisierung und Islam die größten Bedrohungen für das jüdisch-christliche Abendland. Der Westen stehe am "Beginn eines sehr brutalen und blutigen Konflikts" gegen den "dschihadistisch-islamischen Faschismus". Bannon empfahl damals eine "sehr, sehr, sehr aggressive Haltung" gegen den radikalen Islam. Es sei an der Zeit, nicht nur zum eigenen Glauben zu stehen, sondern "für unsere Überzeugungen und gegen die beginnende neue Barbarei zu kämpfen". Dazu zähle auch das kompromisslose Eintreten gegen Abtreibung und für ein traditionelles Eheverständnis. Anhaltspunkte dafür, dass Bannon seine Meinung seit dem Einzug ins Weiße Haus geändert hat, gibt es nicht.

Trumps Beraterkreis teilt zwar nicht alle extremen Ansichten des Chefstrategen. Aber der Präsident hat so viele rechtskonservative Christen um sich geschart, dass das Internetportal Lifesitenews.com wenige Tage nach der Amtseinführung jubelte: "Trump bringt Gott nach langer Abwesenheit zurück in die Bundesregierung." Da ist etwa die Sonderberaterin und Wahlkampfmanagerin Kellyanne Conway, eine strenge Katholikin, die täglich in die Messe geht. "Gott steht ganz oben bei ihren Prioritäten", schrieb Lifesitenews.com. Auch Sean Spicer, der Sprecher des Weißen Hauses, sei ein "Hardcore-Pro-Life-Katholik". Spicer sagte in einem Interview, er blicke täglich auf Gott, um gestärkt zu werden und das Richtige zu tun. "Trump hat verstanden, dass Gläubige in den vergangenen Jahren an den Rand gedrängt worden sind", sagt Spicer. Das werde sich nun ändern.

Auch Trumps Stabschef Reince Priebus ist strenggläubiger Christ. Er gehört der griechisch-orthodoxen Kirche an, hütet ein liturgisches Buch im Büro und ist für eine kompromisslose Haltung in Sachen Abtreibung bekannt. Über Vizepräsident Mike Pence weiß man, dass er aus einer irisch-katholischen Familie stammt und in eine evangelikale Kirche übertrat. "Ich habe mein Leben Jesus Christus anvertraut", sagte er einmal. Ende Januar nahm er als erster Vizepräsident am "Marsch für das Leben" in Washington teil. Auch der von Trump berufene CIA-Direktor Mike Pompeo gehört einer evangelikalen Kirche an. Der Chef des Auslandsgeheimdienstes behauptet: "Jesus Christus ist die einzige Lösung für unsere Welt." Trumps schon wieder zurückgetretener Sicherheitsberater Michael Flynn rundete die Sache vormals ab: Er wuchs in einer irisch-katholischen Familie auf. Flynn bezeichnete den Islam einmal als "Krebs" und als "politische Ideologie", die sich hinter dem "Label der Religion" verstecke.

Eine so offensichtlich und offensiv christliche Regierung gab es in den USA lange nicht mehr. Jetzt wird mit Religion wieder Politik gemacht. Bannon und Burke stehen an der Spitze einer sich formierenden weltweiten christlich-fundamentalistischen Allianz, die ihre Identität vor allem aus dem Kampf gegen Abtreibung, gegen Homosexuellenrechte und für traditionelle christliche Werte bezieht.