Wenn Günter Raake vor sein Haus auf der Insel Rügen tritt, sieht er vor sich den Kölner Dom. Zumindest stellt er ihn sich vor: einen Koloss, der 150 Meter aufragt, auf einem Acker ein paar Hundert Meter von seinem neuen Wohnhaus entfernt. So hoch sollen "die Monster" werden, wie Raake jene fünf Windkraftanlagen nennt, die ein Investor bauen will.

Erst 2015 zog der ehemalige Musikmanager von Hamburg nach Wittow, auf die Halbinsel im Norden von Rügen. Kiefernwald, Sandstrände, die Steilküste am Kap Arkona – Raakes neue Heimat gleicht einem Gemälde von Caspar David Friedrich. In dem 985-Seelen-Ort Altenkirchen kaufte der 53-Jährige ein Haus mit zwei angrenzenden Ferienwohnungen, Obstwiese und Angelteich im Garten, die Ostsee in Laufweite. "Ein Träumchen", sagt er. "Und meine Alterssicherung."

Doch seit Günter Raake im Juli 2016 von den Plänen für die Windkraftwerke vor seiner Haustür erfuhr, kann er diesen Traum nicht mehr genießen. Seither dreht sich für ihn alles um den "Windkraft-Wahnsinn Rügen". So heißt die Bürgerinitiative, deren Sprecher er ist. Raake ist nicht der Einzige, der die Anlagen fürchtet. In Wittow unterstützt jeder vierte Bewohner die Windkraftgegner. Mehr als tausend Unterschriften haben die schon gesammelt, sie haben sich mit ihrem Protest an Ämter und Politiker gewandt, ja sogar an die Bundeskanzlerin, die ihren Wahlkreis auf Rügen hat. Mittlerweile spaltet ihr Kampf den gesamten Ort: Es gebe Paare, die wegen der Windmühlen zeitweise nicht mehr miteinander redeten, erzählt Raake. Lokalpolitiker würden beschimpft. Mancher habe Angst, dass ihm die Autoreifen zerstochen werden, aus Rache für sein Engagement. Ob nun für oder gegen die Windkraft.

Konflikte wie in Wittow gibt es inzwischen in der ganzen Republik. Rund 26.000 Windkraftanlagen erzeugten Ende 2015 auf dem deutschen Festland Strom, im vergangenen Jahr wurden etwa 1.600 Windmühlen neu errichtet, und 2017 erwartet die Branche ebenfalls Zuwächse. Doch das weckt vielerorts Widerstand. Etwa 630 Bürgerinitiativen kämpfen nach Angaben aus ihren Reihen bundesweit gegen die Windmasten. Anwälte haben sich auf das Thema spezialisiert, einer wirbt sogar mit einem "Windkraft-Abwehrteam". Das alles könnte die ohnehin komplizierte Energiewende noch mehr verzögern. Weil es bei den Konflikten immer öfter um den Artenschutz geht, hat nun die Bundesregierung ein "Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende" in Berlin eingerichtet. Seit Anfang des Jahres soll es helfen, lokalen Streit wie den in Wittow zu schlichten.

Die Gegner sorgen sich um ihre Gesundheit, den Wert ihrer Häuser – und um die Natur

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 8 vom 16.2.2017.

Ein Abend in Altenkirchen, dem Wohnort von Günter Raake, vor ein paar Wochen. Die Gemeinde hat in der Regionalschule zu einer Informationsveranstaltung eingeladen. Die Versammlung kam erst auf Druck der Widerständler zustande. Doch statt einer gewünschten Diskussionsrunde gibt es für die etwa 50 Bürger, die gekommen sind, einen Info-Basar in drei Klassenzimmern. Eines hat man der Bürgerinitiative zugewiesen, dort hängt nun das Banner "Windmonster runter von Rügen!". In den anderen Räumen haben der Hersteller Enercon, ein Energieversorger und das beteiligte Planungsbüro Flyer und Plakate aufgehängt. In einer knappen Begrüßungsrede wirbt die Bürgermeisterin für die neuen Windmühlen, Nachfragen wimmelt sie ab: "Wir sind ehrenamtlich tätig und keine Fachleute auf dem Gebiet."

Derweil läuft Thomas Sternberg durch die Schulräume. Der Investor aus Bargteheide wirbt hier für sein Projekt. Seit den neunziger Jahren habe er 75 Windkraftanlagen gebaut, erzählt er. Der Unternehmer präsentiert sich als Gönner: Durch ihn kämen alle im Ort an billigeren Strom.